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AVIVA-BERLIN.de im Dezember 2017 - Beitrag vom 01.06.2010

Women without Men - Ein Film von Shirin Neshat
Undine Zimmer

Videokünstlerin und Regisseurin Shirin Neshat hat mit ihrem ersten Langspielfilm ein bereits ausgezeichnetes Gesamtkunstwerk geschaffen. Der Film basiert auf der Vorlage des gleichnamigen Romans...



... der iranischen Autorin Shahrnush Parsipur. Trotz der Zensur ist ihr Roman auch im Iran sehr bekannt. Die Autorin war von der Idee einer Verfilmung so begeistert, dass sie gleich selbst eine Rolle übernommen hat - und zwar als Puffmutti.

Eines haben Shirin Neshat und Shahrnush Parsipur gemeinsam: eine Vorliebe für das Surrealistische. Was die Romanautorin in Prosa umsetzt, verarbeitet die Regisseurin in ihren Bildern. So groß der Tumult auf den Straßen des Schauplatzes von "Women without Men" im Iran 1953 ist, so langsam und ruhig werden die magischen Bilder um die Geschichte gewebt. Sekundenlang verweilt das Bild in einer Einstellung, in Zeitlupe wehen Haare oder hebt sich ein Körper langsam von dem Gras, auf dem er liegt. Die Farben sind satt, die Bilder werden mit prägnanten Geräuschen verknüpft oder kontrastiert: Das Geschrei der Straßen unterlegt die Bilder von hohen kalkweißen Hauskuben, die sich mächtig gegen einen blauen Himmel abheben. Als schwarzer Punkt steht Munis, die Protagonistin des ersten Erzählstrangs, auf dem Dach ihres Hauses und schaut hinab in das Gedränge, das die ZuschauerIn nur hören kann.

Der Film, an dem Neshat seit 2003 arbeitete, ist aus einer ursprünglich mehrräumigen Installation entstanden, für die nacheinander jeweils eine Geschichte der fünf weiblichen Hauptcharaktere des Romans "Women without Men" produziert wurde: "Mahdokht" (2004), "Zarin" (2005), "Munis" (2008), "Faezeh" (2008) und "Farokh Legha" (2008).
Vier dieser Schicksale wurden in den Film eingebettet und verbinden sich schließlich in einem verlassenen Garten, wo sich die unterschiedlichen Frauen und Lebenskonzepte begegnen.

© NFP marketing & distribution: Zarin (Orsi Tóth), steckt Papierblumen in die Erde etwas außerhalb des verwunschenen Gartens


Der Garten spielt die Hauptrolle des Films. Er ist ein Zufluchtsort und ein idealer Platz, der Sicherheit bietet und unberührt ist von der Revolution und den gesellschaftlichen Begrenzungen der Frauen. Die Magie dieses Ortes wird durch die Verbindung von Bild und Ton noch unterstrichen. In dem fließenden Sonnenlicht, das kaum durch die hohen tropischen Baumkronen dringt, zwischen lautem Zirpen, Plätschern und Zwitschern, finden die Protagonistinnen wie Zarin endlich Ruhe, oder werden wie Faezeh mit ihrem Selbst konfrontiert. Der Garten verändert sich je nach dem inneren Zustand der Frauen, mal bekommt er etwas Bedrohliches und wird zu einem Irrgarten, mal gleicht er einem Paradies. Der Garten hat schon in der orientalischen Dichtung eine lange Tradition und ist als Ort bereits von Anfang an symbolisch aufgeladen.

Die Charaktere der Frauen wirken zu Beginn sehr statisch, die Dialoge sind klischeehaft und sehr spärlich, die Gesichtszüge bleiben hölzern in einer entrückten Fassungslosigkeit. Einzige Ausnahme ist die Rolle der reichen und kunstliebenden Fakhri, die Neshat mit einer Freundin, der Künstlerin Arita Shahrzad besetzt hat. Auch in ihren Installationen benutzt Neshat Figuren wie Ikonen ohne Eigenschaft und Identität. Die scheinbar dünne Substanz der Rollen irritiert zwar zunächst auf der Leinwand, davon sollte man sich jedoch nicht abschrecken lassen. Die Luftigkeit der Charaktere bietet einen Projektionsraum, in dem viele Frauenschicksale und Geschichten gefunden werden können, deren unterschiedliche Ausgangspositionen im Verlangen nach Freiheit durch Neshats Art der Darstellung flexibel und zeitlos bleiben. Für das Casting hat die Regisseurin viel Zeit damit verbracht Iranerinnen zu finden, die in Europa leben und akzentfrei Farsi sprechen. Da es unmöglich war im Iran zu filmen, wurde Marokko als Drehort ausgewählt.


© NFP marketing & distribution: Das Militär löst ein Fest im Landhaus von Fakhri (Arita Shahrzad) auf



Hintergrund der Erzählung von "Women without Men" ist der Militärputsch im Sommer 1953, als der erste demokratisch gewählte Premierminister des Irans, Mohammed Mossadegh, mit Hilfe der Briten und der USA gestürzt und der Schah wieder an die Macht gesetzt wurde. Die Beweggründe der Westmächte waren vor allem, ihr Bestreben einen kostengünstiger Öl-Zugang zu wahren und die Angst vor dem Kommunismus. Man befürchtete, der Iran würde sich noch mit der Sowjetunion verbünden und die Öllieferungen an den Westen (60%) wären nicht mehr gewährleistet. Neshat sieht als direkte Folge des Putsches die blutige Revolution von 1979 und in weiterer Folge davon die Situation des Irans bis heute.

Die Regisseurin Shirin Neshat, 1957 geboren im Iran, ist international bekannt als Videokünstlerin. Für ihren ersten Langspielfilm "Women without Men" wurde sie 2009 auf den 66. Internationalen Filmfestspielen in Venedig mit dem silbernen Löwen für die beste Regie ausgezeichnet. Sie beschäftigt sich in ihren Werken mit dem Verhältnis von Islam und Gender und den Beziehungen zwischen dem Westen und dem Nahen Osten. Weitere Infos zu Neshat unter: www.gladstonegallery.com und www.artnet.de.

AVIVA-Tipp: Dieser Film folgt mit seiner sehr poetischen Bildsprache der Tradition des magischen Realismus. Die Regisseurin verwebt virtuos ausdrucksstarke Bilder mit politischen Ereignissen und vier Frauenschicksalen. Jede dieser Frauen ist durch ihren Status aus der normalen Gesellschaft ausgegrenzt: als Geschiedene, als Prostituierte, als Vergewaltigte und als politische Aktivistin finden sie in einem Garten zusammen, der den Traum von einem Ort des Friedens und persönlicher Freiheit symbolisiert. Der Garten thematisiert auch den Traum von einem Land, das der Iran vielleicht hätte werden können. "Women without Men" ist ein künstlerischer und anspruchsvoller Film. Dass der Regisseurin jedoch die Verbindung dieser vielen Ebenen, Stränge und Darstellungsweisen gelungen ist, beweist die positive Resonanz auf dem Filmfestival in Venedig 2009. Wer sich der Herausforderung dieses Films stellt, wird nicht enttäuscht werden.

Women without Men
Zanan-e Bedun-e Mardan
Originalsprache: Farsi
Deutschland, Österreich, Frankreich 2010
Buch und Regie: Shirin Neshat, Shoja Azari
DarstellerInnen: Pegah Ferydoni, Arita Shahrzad, Shabnam Tolouei, Orsi Tóth
Verleih: NFP marketing & distribution
Lauflänge: 99 Minuten
Kinostart: 01. Juli 2010
www.womenwithoutmenfilm.com


Lesen Sie auch unser Interview mit Shirin Neshat auf AVIVA-Berlin.

Weiterlesen auf AVIVA-Berlin:

Shirin Neshat - Recent and Earlier Works, eine Ausstellung der Künstlerin im Hamburger Bahnhof, Berlin, 2005.

Regimekritikerin Parastou Forouhar fordert Aufklärung der politischen Morde im Iran

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Kultur Beitrag vom 01.06.2010 Undine Zimmer 

   




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