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AVIVA-BERLIN.de im Oktober 2017 - Beitrag vom 15.07.2008

Ich will Dich. Begegnungen mit Hilde Domin - Ein Film von Anna Ditges
Annegret Oehme

Die Filmemacherin besuchte die große deutsche Lyrikerin über zwei Jahre hinweg und zeichnete die Episoden mit der Kamera auf. Das Ergebnis ist ab 25. Juli 2008 auf DVD erhältlich.



"Ein jeder geht eingehüllt in den Traum von sich selber."

Worte einer der beeindruckendsten Literatinnen des 20. Jahrhunderts.
Hilde Domin gehörte allerdings nicht wie Mascha Kaléko und Else Lasker-Schüler zu den jüdischen Vor-Shoah-Dichterinnen, sondern begann erst spät im Exil, mit 42 Jahren, ihre Gedanken und Gefühle in Gedichte zu hüllen.

Hilde Domin wurde als Hildegard Löwenstein 1909 in Köln als einzige Tochter einer Sängerin und eines Rechtsanwaltes geboren, wo sie eine sehr liberale und glückliche Kindheit in der assimilierten jüdischen Familie erlebte. Nach dem Abitur studierte sie in Heidelberg, Köln und Bonn Jura, Wirtschaftswissenschaften, Philosophie und Soziologie. Während dieser Zeit lernte sie Erwin Walter Palm kennen, der ebenfalls jüdischer Herkunft war, sich aber zum Katholizismus bekannte. Eine Rede Hitlers und die darauf folgenden fanatischen Reaktionen der ZuhörerInnen veranlassten die beiden, 1932 Deutschland zu verlassen. Zuflucht suchten sie zunächst im von Mussolini regierten Italien, wo Hilde promovierte. Um den Lebensunterhalt zu verdienen, arbeitete sie jedoch als Fremdsprachenlehrerin. Da auch in Italien der Rassenwahn immer populärer wurde, floh Hilde mit Erwin, den sie in Rom geheiratet hatte, über England in die Dominikanische Republik. Von da an nannte sich Hilde mit dem Namen ihres Zufluchtsortes "Domin". Im Jahr 1954 kehrt das Ehepaar nach Deutschland zurück. Berufsbedingt wurden sie 1961 in Heidelberg sesshaft, wo Erwin 1988 und Hilde Domin am 22. Februar 2006 starben. Bis zuletzt war sie noch als freie Schriftstellerin aktiv, hielt Lesungen und dozierte. Am 27. Juli 2008 wäre Hilde Domin 99 Jahre alt geworden.

Nur durch Zufall stieß die junge Filmemacherin Anna Ditges auf Hilde Domins ersten Gedichtband "Nur eine Rose als Stütze". Beeindruckt durch die Tiefe dieser Lyrik und die Magie ihrer Worte, nahm sie Kontakt zur Dichterin auf, die sich gegenüber Presse und JournalistInnen oft unzugänglich und unkooperativ zeigte. Diesmal aber war es anders. Die 95jährige Hilde Domin fasste schnell Vertrauen und zwischen den beiden entwickelte sich eine tiefe Freundschaft. In deren Zuge erlaubte die Lyrikerin der jungen Filmemacherin, eine Dokumentation über sie zu drehen. Etwa zwei Jahre - bis zum Tod Hilde Domins - besuchte Anna Ditges sie regelmäßig in Heidelberg. Die Kamera war dabei allgegenwärtig.

Sei es nun der Friedhof, ein Spaziergang mit einer Freundin oder das Teetrinken im Bademantel am Kaffeetisch - alles wurde gefilmt. Ohne Rücksicht. Ohne Distanz. Dabei beklagte sich Hilde Domin immer wieder über die Omipräsenz des schwarzen Apparates. Als sie sich wiedereinmal darüber beschwerte, dass Anna sie aus der Nähe filmte, ging diese zwar ein Stück zurück, zoomte die alte Frau aber heimlich doch wieder heran. Natürlich hatte Hilde Domin ihre Erlaubnis zu einem Film erteilt, aber ob sie ein Portrait auf diese Art und Weise gewollt hätte? Wir können sie nicht mehr fragen. Und das ist vielleicht auch besser so, denn ob die sehr auf Äußerlichkeiten bedachte Grande Dame der Deutschen Lyrik sich gewünscht hätte, dass Tausende sie im Bademantel mit herunterhängenden Haaren, beim Schlafen mit Stützstrümpfen oder beim Friseurbesuch sehen, bleibt fraglich.

AVIVA-Fazit: Anna Ditges gibt sich zwar Mühe, kein glorifizierendes Portrait Hilde Domins zu entwerfen und lässt auch kritische Fragen stehen, wird der großen Künstlerin aber keinesfalls gerecht. Ein kleines bisschen mehr Idealisieren wäre schön gewesen. Am Ende fühlen sich die ZuschauerInnen wie aufdringliche VoyeurInnen, die die Grenzen der Privatsphäre deutlich überschreiten. Manchmal möchte man die Augen schließen und sich bei Hilde Domin entschuldigen.

Ich will Dich. Begegnungen mit Hilde Domin wurde bei den 29. Biberacher Filmfestspielen als Bester Dokumentarfilm mit dem Dokubiber ausgezeichnet.

Mit über 30.000 BesucherInnen gehört "Ich will dich - Begegnungen mit Hilde Domin" zu den erfolgreichsten Dokumentarfilmen der letzten Monate.

Ich will Dich. Begegnungen mit Hilde Domin
Schwarz Weiss Filmverleih/good! movies, Deutschland 2007
Vertrieb: Indigo
Regisseurin: Anna Ditges
Filmlänge: 95 Minuten
DVD-Release: 25.07.2008
Sprache: Deutsch, Untertitel: Englisch, Hebräisch. Ton: Stereo
FSK: ohne Altersbeschränkung
FBW: Prädikat besonders wertvoll
Extras: Hilde Domin liest "Abel steh auf", Informationen zu Vita und Werk sowie eine Fotogalerie von Hilde Domin, Informationen zur Regisseurin Anna Ditges, Kinotrailer
www.ichwilldich-derfilm.de

Weiterlesen auf AVIVA-Berlin:

Die Schriftstellerin und Publizistin Ilka Scheidgen hat die einzige von Hilde Domin selbst autorisierte Biographie vorgelegt, die spannend Leben und Lyrik der Dichterin verknüpft. "Dichterin des Dennoch"

Weitere Informationen zu Hilde Domin finden Sie unter:
www.shoa.de/content/view/72/202
www.judentum-projekt.de/persoenlichkeiten/liter/domin


Kultur Beitrag vom 15.07.2008 AVIVA-Redaktion 

   




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