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AVIVA-BERLIN.de im Dezember 2017 - Beitrag vom 12.07.2010

Breath Made Visible. Revolution in Dance. Anna Halprin - Ein Film von Ruedi Gerber
Evelyn Gaida

Anna Halprins Leben und Werk sind in jeder Beziehung bahnbrechend. Am 13. Juli 2010 feiert die Pionierin des modernen Tanzes und Performance-K├╝nstlerin ihren 90. Geburtstag. Sie tanzt noch immer.



Ihr Verm├Ąchtnis wird es sein, so hofft Halprin, den Tanz neu definiert zu haben. Dazu geh├Ârt f├╝r sie auch die Auffassung, dass unter "Tanzen" nicht nur junge K├Ârper auf einer B├╝hne zu verstehen seien. Schon die ersten Szenen des Dokumentarfilms "Breath Made Visible", den der Schweizer Filmemacher Ruedi Gerber dem Leben dieser Ausnahmek├╝nstlerin widmet, r├Ąumen mit Klischeevorstellungen von r├╝stigen RentnerInnen auf. Ohne vorhergehende Einf├╝hrung werden die ZuschauerInnen durch eine Performance Halprins sofort in den Bann der T├Ąnzerin gezogen. Nach anf├Ąnglicher Maskierung kommt ein braungebranntes, wetter- und lebensgegerbtes, aber alterslos wirkendes Gesicht mit leuchtend gr├╝nen Augen zum Vorschein. Flie├čende Grenzen zwischen Kunst und Leben, Spiritualit├Ąt und K├Ârper - Grenz├╝berschreitung an sich - sind zentral f├╝r Halprins Schaffen.

┬ę Projektor Filmverleih und Filmproduktion


Die Charismatikerin

Gerber entschied sich bewusst gegen einen chronologisch aufgebauten "biografischen Lehrfilm", obwohl Halprin au├čerhalb der Szene und Geschichte des modernen Tanzes, wo sie den Status einer `lebendigen Legende┬┤ innehat, keinem breiten Publikum bekannt ist. Er m├Âchte die K├╝nstlerin nach eigener Aussage ihr Charisma entfalten lassen, die ZuschauerInnen ber├╝hren und wie bei einem Spielfilm emotional einbinden. Der Regisseur kreiert eine Collage aus aktuellen Interviews, Auftritten der letzten Jahre und Archivmaterial, das zum Teil bisher unver├Âffentlicht war: Pr├Ągende Abschnitte und Projekte in Halprins Werdegang, ihre Arbeit unter freiem Himmel, in der f├╝r sie so essenziell wichtigen Natur, Progressives und Privates werden mit ihrem eigenen Erz├Ąhlen hinterlegt, das von Erkenntnis und Poesie erf├╝llt ist. Diese Mischung von Bildern, Sprache und (Tanz-)Bewegung schafft eine magische Intensit├Ąt - das Gesagte nimmt sprichw├Ârtlich Gestalt an.

┬ę Projektor Filmverleih und Filmproduktion


Gott ist ein T├Ąnzer

Schon fr├╝h - genauer gesagt: als F├╝nfj├Ąhrige beim Ballettunterricht - entfernte sich die K├╝nstlerin vom Tanzen im Sinne einer Folge festgelegter Schritte. Tanz hat f├╝r sie eine umfassende Bedeutung: Er bildet einen Energiefluss und -austausch zwischen eigenem Selbst und Welt ab, dem der K├Ârper und alle Sinne als hochsensibles Apperzeptionsorgan dienen. Wie eine flie├čende Skulptur formt Tanz in Halprins Verst├Ąndnis den Vorgang seiner eigenen Entstehung und damit den kreativen Prozess selbst in immer neuen Facetten und M├Âglichkeiten.

Alles ist Tanz oder kann laut Halprin dazu werden: Der Flug eines Vogels und das Ziehen der Wolken, die Wellen des Meeres, das Dastehen eines Baums, Bewegungen des Alltags, ein Geruch, ein Ton, ein Anblick. Es ginge darum, den Ph├Ąnomenen der Umwelt sein Bewusstsein zu ├Âffnen und diese Erfahrung in Bewegung umzusetzen. Halprins j├╝discher Gro├čvater habe beim Beten getanzt und in der Kindheit bei ihr die Vorstellung gepr├Ągt, Gott sei ein T├Ąnzer, sagt die K├╝nstlerin, die am 13. Juli 1920 in Wilmette, Illinois als Tochter litauischer ImmigrantInnen unter dem Namen Anna Schumann geboren wurde. Ihre fr├╝hen Soloauftritte kreisten mehrere Jahre lang um j├╝dische Themen und Motive. Halprins Auffassung fu├čt auf einer zutiefst humanen Grund├╝berzeugung: "I learned that we were all dancers, that we all had the birthright to be a dancer."

Gerber illustriert die Gedanken der T├Ąnzerin mit einem angemessen eigenwilligen Bild- und Szenenwechsel, der eine Art sichtbaren "stream of consciousness" gestaltet: Halprin, bei einem Auftritt im Jahr 2002 tanzend ihre Lebensgeschichte auff├╝hrend, Halprin, umgeben von im Wind raschelnden ├ähren auf einem sommerlichen Feld, sich bei einer Performance am Pazifischen Ozean im Alter von 82 Jahren den Wellen hingebend, von Kopf bis Fu├č in ein wei├čes Tuch geh├╝llt - als w├╝rde das Meerwasser zu einem undefinierbaren lebendigen K├Ârper gerinnen.

"People always used a form of dance to make sense of the mystery of life": Kunst, Leben und Spiritualit├Ąt gehen bei Halprin eine unaufl├Âsliche Symbiose ein, Tanz wird bei ihr zum Inbegriff des Lebens als ganzheitlicher Zusammenhang, zur unabschlie├čbaren Suche nach seiner Essenz. "Dance is the breath made visible", so die T├Ąnzerin, "and that covers about everything."

Soziales und Existenzielles

Diese Philosophie hat Halprin in eine Vielfalt von Projekten umgesetzt. Auf ihrem legend├Ąren, im Freien zwischen Mammutb├Ąumen gelegenen Tanzboden arbeitete die K├╝nstlerin mit zahlreichen T├ĄnzerInnen und ChoreographInnen zusammen. In stummfilmartigen Schwarz-Wei├č-Aufnahmen gew├Ąhrt die Dokumentation den Eindruck eines zeitenthobenen, stillen Beobachtens dieser privaten Tanz-Sessions. Schon in den 1950er Jahren gr├╝ndete Halprin den sp├Ąter weltber├╝hmten San Francicsco Dancers Workshop und sorgte Mitte der 60er Jahre gemeinsam mit John Graham und A.A. Leath auf Tour in Europa und den USA f├╝r Furore und Skandale: W├Ąhrend der Performance "Parades and Changes" zeigten sich die T├ĄnzerInnen in einigen Sequenzen v├Âllig nackt.

┬ę Projektor Filmverleih und Filmproduktion


Halprins Kunst hatte immer auch eine stark soziale Ausrichtung. W├Ąhrend der amerikanischen Rassenunruhen in den sp├Ąten 60er Jahren gr├╝ndete sie als Erste eine multikulturelle Company von Schwarzen und Wei├čen. Sie z├Ąhlt zu den PionierInnen der Expressive Arts-Heilungsbewegung und arbeitet als Lehrerin und Tanztherapeutin mit ├Ąlteren Menschen und (unheilbar) Krebs- oder Aidskranken. Im Alter von 50 Jahren war sie selbst schwer krebskrank und gezwungen, sich und das Tanzen abermals neu zu erfinden. Obwohl sie f├╝r lange Zeit nicht auftreten konnte, entdeckte sie den Tanz als kathartisches Medium und im Angesicht einer lebensbedrohlichen Krankheit erneut als Mittel der Selbsterm├Ąchtigung ("Dark Side Dance", 1975).

Mit dem existenziellen Verh├Ąltnis von eigenen M├Âglichkeiten und ihren unweigerlichen Grenzen sah Halprin sich ein weiteres Mal mit aller H├Ąrte konfrontiert, als ihr Mann, der renommierte Landschaftsarchitekt Lawrence Halprin, ebenfalls lebensgef├Ąhrlich krank wurde. Zwar erholte er sich, verstarb aber am 25. Oktober 2009 kurz nach den Dreharbeiten im Alter von 93 Jahren. Die Halprins waren 65 Jahre lang verheiratet und gaben sich als Kollaborateure gegenseitig entscheidende Impulse. Anna verarbeitete die Besuche auf der Intensivstation und die Schwebe zwischen Leben und Tod in der Choreographie "Intensive Care" (2004), einer aufr├╝hrenden Auseinandersetzung mit menschlicher Endlichkeit.

Als ├╝ber 80-J├Ąhrige kehrte Halprin auf die B├╝hne zur├╝ck, trat in den folgenden Jahren erfolgreich in Paris, San Francisco, Washington und New York auf, wo sie ihre unersch├Âpfliche Lebensenergie und ihren Humor Funken schlagen lie├č. Existenzielle Erfahrung, Kom├Âdie, Kunst und (elementares) Erlebnis verschmelzen in Halprins Schaffen und Pers├Ânlichkeit zu einem Ausdruck, der unvergesslich ist.

AVIVA-Tipp: Durch einen kontinuierlichen und energetischen Wechsel zwischen Performance und Lebenszeugnis, Aufruhr und Stille, Vergangenem und Gegenw├Ąrtigem fesselt Gerbers Film von der ersten bis zur letzten Minute. Es gelingt ihm, etwas von der Poesie und Magie einzufangen, die Anna Halprins Kunst und Ausstrahlung vermitteln. Ein in jeder Hinsicht bereicherndes und inspirierendes Film-Erlebnis.

Zum Regisseur: Ruedi Gerber f├╝hrte vor der Dokumentation "Breath Made Visible" Regie in seinem ersten amerikanischen Spielfilm "Heartbreak Hospital" (2002). Der Filmemacher hat bereits verschiedene preisgekr├Ânte Dokumentarfilme gedreht, darunter: "Meta-Mecano" (1997), ein Film ├╝ber Jean Tinguelys und Niki de Saint Phalles Einzug in das von Mario Botta gebaute Tinguely Museum, "Living with the Spill", eine Dokumentation ├╝ber die ├ľlpest vor der K├╝ste Alaskas f├╝r den Britischen Sender Channel 4. Dar├╝ber hinaus hat Gerber bei einer Anzahl preisgekr├Ânter Kurzspielfilme Regie gef├╝hrt: "Caf├ę Mecanique" und "Midnight Barbeque". Ebenfalls ausgezeichnet wurde seine Auftragsserie kurzer Comedy-Filme zum Thema Misskommunikation, "Communication At Your Workplace".
Ruedi Gerber absolvierte die Filmschule an der Tisch School of the Arts an der New York University, die er 1990 abschloss. Bevor Gerber als Filmregisseur zu arbeiten begann, trat er in ├╝ber 30 Theaterst├╝cken auf den B├╝hnen von Mannheim, Dortmund, Wuppertal, Wien und Basel auf. Au├čerdem tourte er mit seiner Ein-Mann-Show "Spiwit of Spwing", f├╝r die er als Autor, Regisseur und Darsteller verantwortlich zeichnete, ├╝ber den europ├Ąischen Kontinent.

"Breath Made Visible" wurde im Jahr 2009 beim Filmfestival in Locarno bereits mit dem Semaine de la Critique-Preis ausgezeichnet und gewann beim Mill Valley Film Festival den Publikumspreis "Certificate of Excellence".

Breath Made Visible
USA / CH 2009
Originalfassung (Englisch) mit deutschen Untertiteln
Produktion und Regie: Ruedi Gerber
Kamera: Adam Teichmann
Verleih: Projektor Filmverleih und Filmproduktion
Laufl├Ąnge: 95 Minuten
Kinostart: 15. Juli 2010

Weitere Informationen finden Sie unter:

www.annahalprin.org

www.breathmadevisible.com

jwa.org

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