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AVIVA-BERLIN.de im Oktober 2017 - Beitrag vom 23.09.2010

Cato - ein Dokumentarfilm von Dagmar Brendecke
Elina Ioschpa

1920 kam Cato Bontjes van Beek in Fischerhude bei Bremen zur Welt, 1940 verteilte sie in Berlin Flugschriften, die zum Widerstand gegen das nationalsozialistische Regime aufriefen. 1943 wurde...



... sie nach mehreren Monaten Haft zum Tode verurteilt und hingerichtet.

Die Sommer im idyllischen Fischerhude schienen endlos zu sein. Mit FreundInnen und Geschwistern verbrachte Cato ganze Tage am Fluss. Die etwas verblassten Schwarz-Wei├č Fotografien zeigen eine fr├Âhliche Schar von Kindern im Wasser beim Baden, auf einem langen Holzboot den Fluss entlangtreibend und beim Herumtollen auf einer unendlich weiten Wiese. Die heute noch in Fischerhude lebenden Geschwister Catos, Tim (87 Jahre) und Mietje (88 Jahre), erinnern sich gerne an diese sorglosen Jahre. Es sind Erinnerungen an die gro├če Schwester, die ihren kleinen Bruder bei Raufereien stets in Schutz nahm, Erinnerungen an eine junge Frau, die eine gro├če Leidenschaft f├╝r das Fliegen hegte und jedes Mal euphorisch aus dem Haus st├╝rmte, wenn sie drau├čen den Motor eines Flugzeugs h├Ârte.

Die Erinnerungen an Cato sind wie Puzzelteile die nach und nach ein vollst├Ąndiges Bild einer jungen Frau ergeben, deren Traum es war, Pilotin zu werden und die ganze Welt zu bereisen. Doch der Dokumentarfilm "Cato" erz├Ąhlt die Geschichte nicht chronologisch. Die gl├╝cklichen Erinnerungen der ZeitgenossInnen werden immer wieder von dem Klang einer Frauenstimme durchbrochen, die aus dem Off Catos Briefe aus dem Gef├Ąngnis vorliest:

"1.12.1942, meine liebe Mama, ich laufe immer noch in der Zelle auf und ab und freue mich wenn die Sonne oder der Mond da rein scheinen. In meinen Tr├Ąumen bin ich immer in Fischerhude und mit euch allen zusammen. Wann wird das wieder sein?"

W├Ąhrend die ZuschauerInnen diese Zeilen h├Âren, sehen sie Bilder einer dunklen Gef├Ąngniszelle, nur wenig Licht f├Ąllt in den engen Raum, hinter den vergitterten Fenstern sind weit entfernte H├Ąuserfassaden zu erkennen. Diese bedr├╝ckende und beengende Atmosph├Ąre wird den ZuschauerInnen eindringlich durch die Filmmusik von Carlos Bica vermittelt. Leise Klavierkl├Ąnge mit einer traurigen Melodie sind ebenso wirkungsvoll wie die Bilder der Gitter und die Passagen aus Catos Briefen.

Eine fr├Âhliche Melodie f├╝hrt die ZuschauerInnen wieder zur├╝ck nach Fischerhude, in das gro├če lichtdurchflutete Haus, in dem Cato und ihre Geschwister aufwachsen.
Die Eltern sind K├╝nstlerInnen: Olga ist Ausdruckst├Ąnzerin, Jan Keramiker. Kennen gelernt haben sie sich in der Kommune des Malers und Pazifisten Heinrich Vogeler.
Im Haus des K├╝nstlerehepaars herrscht ein freier Geist, es wird lebhaft ├╝ber Politik diskutiert und offen Stellung gegen das Nationalsozialistische Regime bezogen. Als sich die Eltern scheiden lassen und der Vater nach Berlin zieht, folgen Cato und ihre Schwester Mietje ihm 1940 in die Gro├čstadt.

So ruhelos wie Berlin ist auch Catos Leben dort. Sie ist st├Ąndig unterwegs, besucht Vortr├Ąge, geht zu Gesellschaften, trifft sich mit FreundInnen. Durch ihren Vater kommt Cato mit der Widerstandsgruppe um Harro Schulze-Boysen in Kontakt. Als der Zweite Weltkrieg beginnt, schlie├čt sich die junge Frau dem Kampf gegen das nationalsozialistische Regime an. Mit anderen AktivistInnen der Gruppe vervielf├Ąltigt sie die Flugschrift "Agis" unter dem Titel "Die Sorge um Deutschlands Zukunft geht durch das Volk".

Dieses Flugblatt prangert die Politik der Nationalsozialisten an:
"...vergeblich m├╝ht sich der Minister Goebbels, uns immer neuen Sand in die Augen zustreuen, niemand kann mehr leugnen, dass sich unsere Lage von Monat zu Monat verschlechtert. Niemand kann noch l├Ąnger die Augen verschlie├čen vor der Ungeheuerlichkeit des Geschehens, vor der uns alle bedrohenden Katastrophe der nationalsozialistischen Politik."

Diese Aktion wird Cato zum Verh├Ąngnis, wegen Beihilfe zur Vorbereitung zum Hochverrat wird sie zum Tode verurteilt. Im Berliner Gef├Ąngnis Pl├Âtzensee wartet sie monatelang auf ihre Hinrichtung. Die letzen Briefe der 22-J├Ąhrigen an ihre Familie liest die Schauspielerin Anna Thalbach mit einem so gro├čen Einf├╝hlungsverm├Âgen, dass die ZuschauerInnen G├Ąnsehaut bekommen. Passagen, in denen Cato ihr Schicksal akzeptiert, wechseln sich mit solchen ab, in denen sie vollkommen die Fassung verliert. Dies macht die letzten Minuten des Dokumentarfilms auch f├╝r die ZuschauerInnen zu einem Kraftakt, die Briefe veranschaulichen unmittelbar die Todesangst der jungen Frau, die jeden Tag ihre Hinrichtung erwartet. Am Ende bleibt der Familie Bontjes van Beek nur die Erinnerung an Cato und die Aufgabe, diese Erinnerung an die kommenden Generationen weiter zugeben.

Zur Regisseurin: Dagmar Brendecke wurde am 20. Oktober 1954 in Peine (Niedersachsen) geboren, sie studierte an der "Freien Universit├Ąt Berlin" Amerikanistik, Publizistik und Politologie. Nach ihrem Studium arbeitete sie als freie Mitarbeiterin f├╝r die Sender NDR, ZDF, WDR und Arte. F├╝r ihr Film-Portr├Ąt ├╝ber den Schriftsteller Raymond Federman erhielt sie den "LiteraVision" Preis der Stadt M├╝nchen. Ihr Film "T├Âdlicher Schuss" wurde mit dem "Juliane-Bartel-Preis" ausgezeichnet und wurde, wie auch der Film "Und dann war alles still" f├╝r den "Prix Europa" nominiert.

AVIVA-Tipp: ZeitzeugInnenberichte, Briefe und Fotografien ergeben ein sehr pers├Ânliches Portr├Ąt einer Schwester, einer Freundin und einer ├╝berzeugten Widerstandsk├Ąmpferin. Insbesondere die von der Schauspielerin Anna Thalbach gelesenen Briefe Cato Bontjes van Beeks lassen die ZuschauerInnen das Schicksal der jungen Frau hautnah miterleben und ihre Todesangst unmittelbar sp├╝ren. Die nur schwer ertr├Ąglichen Szenen sind nichts f├╝r Zartbesaitete, aber sie sind Teil einer Geschichte die erz├Ąhlt werden muss und nicht vergessen werden darf.

Cato
Deutschland 2010
Buch und Regie: Dagmar Brendecke, Walter Brun
Verleih: Realfiction
Laufl├Ąnge: 90 Minuten
Kinostart: 23. September 2010
www.realfictionfilme.de

Der Film ist in Zusammenarbeit mit dem RBB und dem Radio Bremen entstanden, gef├Ârdert wurde das Projekt von Medienboard Berlin-Brandenburg, Nordmedia Fonds GmbH und dem deutschen Filmf├Ârderfond (DFFF).

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Kultur Beitrag vom 23.09.2010 AVIVA-Redaktion 

   




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