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AVIVA-BERLIN.de im Dezember 2017 - Beitrag vom 29.11.2010

Knackige Zwanzig - wuchs zusammen, was zusammengehört
Isabell Serauky

Zwanzig Jahre sind eine lange Zeit, um Unterschiede und Gemeinsamkeiten zu entdecken. Ich suchte ganz, ganz schnell die unmittelbare Konfrontation und begann ein Studium an der Freien Universität...



... Berlin. So anders konnte die andere Welt doch nicht sein, oder doch?

Isabell Serauky schildert an dieser Stelle in regelmäßigen Abständen Höhen und Tiefen, Absurditäten, Liebenswürdigkeiten und Aufreger aus der Hauptstadt.

Geradezu von Euphorie getragen, betrat ich an einem wunderbar sonnigen Herbsttag den Henry-Ford-Bau der Freien Universität Berlin. Hier wollte ich fortan studieren. Studieren im fremden Teil der Stadt. Wenn nun schon alles möglich war, dann sollte es das Komplettpaket sein. Es war Oktober 1990.

Mit Schwung nahm ich die Tür und betrat die große Vorhalle. Sie war komplett menschenleer. Wie immer war ich zu früh dran. Ich sah mich um. Eigentlich war nichts wirklich Spektakuläres zu sehen. Musste ja auch nicht. Große Hörsäle, lange Gänge und Kaffeeautomaten. Plötzlich sprach mich jemand von hinten an: "Haste mal die Uhr?" Ich drehte mich um. Ein strubbeliger Typ stand vor mir. Er blickte ungeduldig und ich verlor die Fassung. Mit allem hatte ich gerechnet, aber nicht damit. Wir waren zwar geteilt gewesen, aber Herrgott, wir sprechen doch die gleiche Sprache! "Haste mal die Uhr?" Ich verstand überhaupt nicht, was er von mir wollte. Er fragte noch einmal und ich war weiterhin ohne Antwort und Fassung. Entnervt nahm er schließlich mein linkes Handgelenk und dreht es so, dass er die Uhrzeit ablesen konnte und verschwand.

Die erste Begegnung mit einem Wessi war damit ganz klar von komplettem Unverständnis geprägt.
Sprachlich war es der erste und zugleich letzte gesamtdeutsche Supergau, bei dem ich versagte. Schnell lernte ich, dass Broiler, Ein-Raum-Wohnung, Kaufhalle und Plaste mich ganz klar als Ost-Nudel outeten. Fix strich ich sie aus meinem Sprachgebrauch.

Nachdem ich mich sprachlich mit einer Tarnkappe versehen hatte, ging es schnell bergauf. Das Studium schritt voran. Nur den Frontalangriff: "Kommst´e aus´m Osten oder Westen?" musste ich noch fürchten. Nach den ersten Monaten des wohlwollenden Exotenstatus´ kam dieser oft. Es waren manchmal völlig unverfängliche, kurze, oberflächliche Begegnungen, bei denen es völlig Wurst war, ob ich aus Osnabrück, Wladiwostok oder eben Ost-Berlin kam. Nicht selten kreierte ich mir flugs eine neue Biografie. Natürlich unverfänglich westdeutsch. Heute weiß ich nicht mehr recht, ob ich mir die biografischen Luftschlösser aus Scham oder einfach nur aus Bequemlichkeit gezimmert habe.

Als ich das Studium beendet hatte, fühlte ich mich gesamtdeutsch angekommen. Mein Freundeskreis zog sich von Rhein bis Oder. Und die Frage nach meiner Herkunft war einfach unspannend geworden. Ein wohltuender Zustand.
Das letzte Mal wurde ich in New York gefragt, woher ich denn genau käme. Das dürfte im November ´98 gewesen. Die Frage entsprang purer Neugier meines Gegenübers. Und sein Interesse wuchs mit jeder meiner Antworten: "Germany." "Berlin." "East Berlin." Es war ein großartiges, erstmaliges Gefühl, allein aufgrund meiner ostdeutschen Vergangenheit interessant zu sein.

Zwanzig Jahre hatten wir nun Zeit, uns aneinander zu gewöhnen, zu akzeptieren oder gar anzunehmen. In Berlin erlebe ich die nahezu völlige Symbiose, zumindest an zentralen Orten der Stadt. Ossis und Wessis ziehen kreuz und quer durch die Bezirke. Feiern gemeinsam an den Hot Spots der Party- und Clubszene, im Osten und im Westen. Ob Club der Visionäre, Oxymoron, Frannz Club oder Roter Salon - egal, Hauptsache schrill, laut und hip.

In den letzten zwanzig Jahren bin ich auch Patentante eines fidelen Burschen geworden, dessen Eltern in Kindertagen westliche Berliner Luft geschnuppert haben. Mein Büro ist von Westfalen nur so unterwandert: MigrantInnen aus Bielefeld, Dortmund und Werl erhielten Asyl. In meinen Partnerschaften konnte ich die Vorurteile gegenüber Ost- und Westmännern auf das Vortrefflichste überprüfen. Sie stimmen natürlich alle. Und kürzlich habe ich im Gespräch mit einer langjährigen Freundin zufällig entdeckt, dass sie auch eine Ostpflanze ist. Das war bei uns über die Jahre einfach nie ein Thema. Herkunft ist im besten Sinne vergessen.

In dieser Woche stand ich nun vor jungen Menschen und wollte ihnen die Soziale Markwirtschaft näher bringen. In der Erklärung half natürlich das Gegenbeispiel - die Planwirtschaft - wunderbar weiter. Ich fragte in die Runde, ob die Planwirtschaft dazu beigetragen habe, dass die DDR so untergegangen ist, wie sie untergegangen ist. Mir wurde in dem Augenblick meiner Frage siedend heiß. "Sie sind sicher alle so um die Zwanzig, oder?" Nicken, nicken und nochmals nicken. Das war einer dieser Momente, in denen ich mich uralt fühlte. Dekaden entfernt von aller Jugendlichkeit. Erlebte Dinge erzählen, die für andere nur noch schlichte historische Fakten sind. Neben meiner Mottenkistenaura hatte der Augenblick aber auch einen bestimmten Zauber. Alle jungen Frauen und Männer schauten mich auf die gleiche Weise an, eine Mischung aus Gelassenheit und Neugier. Ihre Vergangenheit, ihre Herkunft wird sie unterscheiden. Aber nie mehr eine Frage politischer Systeme sein. Hier hat Vergangenheit die gleiche Chance.

Die zwanzig Jahre verliefen oft holprig, naturgemäß. Es gab ja schließlich kein Patentrezept für unser Zusammenwachsen. Einen derartig optimistischen Menschen, der diesen Plan in den Jahren der Trennung schon mal ausgetüftelt hätte, gab es selbst in unseren Reihen nicht. Wenn ich mir jedoch die jungen Menschen anschaue, dann wird mir nicht Bange, da haben wir vieles richtig gemacht.

Und heute würde mich die Frage: "Haste mal die Uhr?" auch nicht mehr umhauen. Bin ich doch eine gesamtdeutsche Globetrotterin geworden und weiß, dass es in unserem Land nur so von obskuren sprachlichen Eigenheiten wimmelt.

Nu zu! Pack ma´s! Aujen zu und durch!
Auf in die nächsten zwanzig gemeinsamen Jahre.

Die Autorin Isabell Serauky ist in ihrem anderen Leben Rechtsanwältin und hat eine Kanzlei im Berliner Prenzlauer Berg.

Nächstes Thema: In Kürbislaune – der Weg nach Canossa führt über den Wochenmarkt

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Berliner Sommergefühl - Yogi Tee statt Caipirinha, die 1. Kolumne von Isabell Serauky

Kultur Beitrag vom 29.11.2010 AVIVA-Redaktion 

   




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