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AVIVA-BERLIN.de im Dezember 2017 - Beitrag vom 04.11.2010

Schnupfen im Kopf - Ein Film von Gamma Bak
Evelyn Gaida

Oder Fieber der Seele? Was den meisten Menschen panische Angst einflößt, hat die Filmemacherin Gamma Bak mit 30 Jahren zum ersten Mal erlebt: einen Nervenzusammenbruch zu erleiden und von den ...



... eigenen Kontrollmechanismen zeitweilig im Stich gelassen zu werden. Systemüberlastung, Absturz. 1995 wurde bei ihr eine Psychose diagnostiziert. Es sollte nicht die letzte bleiben - Bak wurde chronisch krank, ihr Leben war von Grund auf verändert.

Sieben Jahre später begann sie als Autorin und Regisseurin ein einzigartiges Projekt zu realisieren: Jenseits von Klischees und Voyeurismus ist ihre autobiographische Selbstdokumentation "Schnupfen im Kopf" filmisch wie inhaltlich herausragend und mutig, insbesondere vor dem Hintergrund der gesellschaftlichen Tabuisierung und Ausgrenzung von Gemütskrankheiten. Gespräche, Selbstinterviews, Videobriefe von Verwandten, FreundInnen, Partnern, Ausschnitte aus Baks früheren Kurzfilmen und im Studio aufgezeichnete Sequenzen reflektieren über acht Jahre hinweg die persönliche Entwicklung der Künstlerin in Auseinandersetzung mit der Psychose und ihren einschneidenden Folgen.

Souverän, hochanalytisch, eloquent und humorvoll äußert Bak sich über ihr Leben, oft durchdringen auch die Spuren eines zermürbenden Kampfes, einer existenziellen Verunsicherung und eine große Traurigkeit ihre Stimme und ihren Gesichtsausdruck. Zugleich analytisch, ergriffen und fragend ebenso die Berichte, Reflexionen, Anteilnahme ihrer Angehörigen und Bekannten, überwiegend Intellektuelle, KünstlerInnen und FilmemacherInnen. Die montierten Fragmente werden von Daten und Personenangaben begleitet, sind aber nicht chronologisch geordnet. Sie bilden auf filmischer Ebene die Suche nach dem Sinn, den Ursachen, den richtigen Reaktionen ab, das Zusammensetzen von ungeordneten Splittern und Bruchstücken zu einem wandelbaren Bild, einem Prisma, in dem sich Blickwinkel aus verschiedenen Richtungen brechen. Den ZuschauerInnen wird nicht Baks Interpretation angeboten, sondern deren eigenes Tasten, das eine Vielzahl von Interpretationen eröffnet.

"Ich hatte entschieden, daß ich das bildhafte Erleben der psychotischen Zustände nicht in Bilder umsetzen möchte. Da diese Erlebnisse mit der Wahrnehmung im Drogenrausch auf Haschisch oder Kokain zu vergleichen sind, fand ich einen Low-Budget-Versuch hier eher unpassend." Dennoch ist der Film reich an kraftvollen Bildern in Form einer Wort- und Ausdrucksenergie, die über die Betroffene(n) weit hinausreicht. Universelle Themen und essenzielle Grundfragen der menschlichen Existenz werden angestoßen: Maßstäbe der "Normalität", das Verhältnis von Emotion und Intellekt, Orientierung, Halt, einen Platz in einem Familiengefüge, in zwischenmenschlichen Beziehungen, dem eigenen Selbst, der Welt zu finden. Bis hin zu dem auch sonst viel diskutierten generationenübergreifenden Einwirken historisch bedingter Erlebnisse auf die Einzelnen. Die jüdischen Eltern der Filmemacherin, Anna Gara-Bak und Janós Bak, emigrierten auf der Flucht vor dem kommunistischen Regime aus Ungarn nach Deutschland und hatten zuvor die Verfolgung im Zweiten Weltkrieg durchlitten. Ihrer Stiefmutter zufolge sollte die Tochter in Deutschland und Kanada frei und unbeschwert aufwachsen, erfolgreich sein – Möglichkeit und Druck in einem. "Ich fühle mich schuldig, dass ich verrückt geworden bin. Wäre ich klüger, cooler gewesen, wär´ mir das nicht passiert", sagt Bak einmal. Hätte ich klüger, besser sein müssen oder können? Warum ist es so gekommen, wie es gekommen ist? Fragen, die sich nach Aussage der Filmemacherin sicher nicht nur für Menschen stellen, die mit einer psychischen Erkrankung und mit Stigmatisierung zu kämpfen haben.

Eine akute Psychose beschreibt Bak als Heraustreten aus der Realität und dramatisches Wechselbad der Gefühle: Euphorie, Angst, Verfolgungs- und Größenwahn – "im Endeffekt bin ich einfach sehr unsicher." Vorher habe sie diese Gefühle nicht gespürt, sei ein "verdammter Rasenmäher gewesen, der rast und rast und rast". In einer solchen Krise fange sie an, hektisch Papier in ihrer Wohnung aufzustapeln, Schlüssel aus der Küchenschublade auszuprobieren oder Wecker auseinanderzunehmen. Einen Schlüssel zu suchen, eine Mechanik zu durchforsten – auch wenn der Film dies in keiner Weise suggeriert, scheinen solche Handlungen auf einer symbolischen Ebene geradezu logisch. In späteren Phasen kamen Blackouts und selbstverletzendes Verhalten hinzu, wurde aus der offenen psychiatrischen Station zeitweise die geschlossene Abteilung.

"Das ist alles wie ein Schnupfen im Kopf, das vergeht schon wieder", sagte Baks Partner zur Zeit der ersten Psychose und prägte so den späteren Filmtitel. "Auch wenn (letzterer) etwas sehr Bedrückendes und Beängstigendes vielleicht verniedlichend klingen lässt, zeigt er doch auch die Möglichkeit, damit normal umzugehen", so die Filmemacherin. Jahre habe es sie gekostet, Frühwarnzeichen zu erkennen und sich ihnen rechtzeitig entgegenzustemmen. Anders als bei vielen körperlichen Erkrankungen gibt es für eine angegriffene Psyche keine klar definierbaren Verursacher und Gegenmittel. Medikamente bestimmen dennoch Baks Lebensgestaltung in gravierender Weise, 14 Produkte werden im Abspann aufgezählt. Die Grenzen zwischen eigenem Ich und medikamentöser Einwirkung verschwimmen irgendwann: Geht eine Veränderung auf Baks Persönlichkeitsentwicklung zurück oder auf den Einfluss der Medikamente? Ist der Gedanke, die Medikamente abzusetzen, schon in sich psychotisch? Ist ein Gefühl ein Gefühl oder Vorzeichen einer Krise? Diese existenziellen Selbstzweifel bringen für die ZuschauerInnen auch das ungeheure Ausmaß der Selbstbehauptung Baks zutage.

AVIVA-Tipp: Physisches Fieber ist eine Erhöhung der Körpertemperatur, die zumeist als Abwehrreaktion gegen eindringende Mikroorganismen und als fremd erkannte Stoffe auftritt. Aus den Parametern, die die Krisen verursachten, sei sie in den ersten Jahren nicht herausgekommen, berichtet die Regisseurin. Ist eine Psychose, sind psychische Erkrankungen vielleicht heftige Abwehrreaktionen der Seele auf lebens- und identitätsfeindliche Konstellationen innerhalb und außerhalb eines Menschen? Gegenüber den Vorgaben einer rationalistisch und materialistisch dominierten Gesellschaft sowie familiären Prämissen ist es eine Lebensaufgabe, die eigenen Parameter zu finden. Durch ihre Erkrankung hat Gamma Bak unfreiwillig eine Forschungsreise angetreten, die auch vor dem Bedrohlichen, Selbstzerstörerischen und Bodenlosen der Psyche nicht zurückschreckt. Die filmische Umsetzung dieser Expedition ist dabei nicht nur im individuellen, sondern im allgemeinmenschlichen Sinne ein extrem wertvolles Dokument. Im Grunde wird hier nicht allein die Frage "Wer bin ich?" umkreist, sondern die Frage "Wer sind wir?".

Zur Regisseurin: Gamma Bak, 1965 geboren, absolvierte ihre Filmausbildung an der Simon Fraser University Vancouver, Center for the Arts. Sie lebt und arbeitet als Regisseurin und Produzentin in Berlin. Regiearbeiten: LIVIN´ IN THE CITY (1983), 12 min., Experimentalfilm. DO YOU KNOW THIS MAN? 3 min., 16 mm, sw, stumm, Kurzfilm (1983), RUBBLEWOMEN/TRÜMMERFRAUEN, 15 min., 16 mm, Farbe und sw (1985), Regie in Zusammenarbeit mit Ian Doncaster und Bryan Sutton, Experimenteller Dokumentarfilm. SOMMER DES INNOVATIVEN FILMS 1989 I+II, 2 x 20 min., Betacam, Regie in Zusammenarbeit mit Penelope Buitenhuis Dokumentation für RIAS-TV, Berlin (1989), EAST…WEST…HOME´S BEST, 75 min., 16 mm, Dokumentarfilm (1992). EINE FRAU UND IHR KONTRABASS (Fragment, 1994), ca. 10 min., Kurzfilm, Teil des Kompilationsfilms "Liebessplitter" für 3sat. ÜBER WALTER BENJAMIN I-III, 3 x 12 min., Dokumentarfilm (Biographie) für arte (1997). BORN UNFINISHED, 28 min., DVD, Fotofilm, autobiographischer Dokumentarfilm (2009). SCHNUPFEN IM KOPF, 92 min., digital Langzeitbeobachtung/autobiographischer Dokumentarfilm (2010).

Schnupfen im Kopf
OV (deutsch, englisch, ungarisch) mit deutschen Untertiteln
Bundesrepublik Deutschland 2010
Idee / Regie / Produktion: Gamma Bak
DarstellerInnen: Gamma Bak, Janos M. Bak, Polly M. Bak, Zsófia Bak, Friedhelm Bartscht, Jackie Crossland, Adele Eisenstein, Kristin Günther, Wiebke Müller, Alexandra Pätzold, Karsten Piel, András Surányi, Dieter Vervuurt u.a.
Verleih: GMfilms
Lauflänge: 92 Minuten
Kinostart: 04. November 2010

Weitere Informationen finden Sie unter:

www.schnupfen-im-kopf.de

www.gmfilms.de

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Kultur Beitrag vom 04.11.2010 Evelyn Gaida 

   




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