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AVIVA-BERLIN.de im Dezember 2017 - Beitrag vom 31.12.2010

Pornografie und Holocaust. Ein Film von Ari Libsker
Claire Horst

Nicht nur das Land der TäterInnen tut sich schwer mit der Aufarbeitung des Holocaust. Auch in Israel, wo Anfang der fünfziger Jahre die Hälfte der EinwohnerInnen Überlebende waren, gab es zunächst...



... kaum eine öffentliche Auseinandersetzung mit der Shoa.

Zu schmerzhaft war die Erinnerung. Dieser Verdrängungsmechanismus führte so weit, dass Überlebende sich nach ihrer eigenen moralischen Integrität fragen lassen mussten - was hatten sie getan, um ihre Haut zu retten? Das geht aus den Interviews hervor, die der israelische Filmemacher Ari Libsker für seine Dokumentation geführt hat.

Erst 1961 ermöglichten zwei Ereignisse eine erste Annäherung an diesen zentralen Teil der Geschichte: der Beginn des Prozesses gegen Adolf Eichmann und das Erscheinen von "Stalag 13", dem ersten einer Reihe von pornografischen Groschenromanen. Deren Geschichte geht Libsker in Interviews mit Sammlern, KulturhistorikerInnen und Autoren nach.

In den "Stalags" stand meist ein amerikanischer Offizier im Mittelpunkt, der in Kriegsgefangenschaft geriet und von "SS-Offizierinnen" gefoltert und vergewaltigt wurde. Die Darstellung der Frauen ist immer die gleiche: großbrüstige Blondinen in Uniform, die zugleich aggressiv und sexuell anziehend sind. Die Handlung gipfelt in der Überwältigung und Ermordung der Frau durch das Opfer. Dass es keineswegs Konzentrationslager waren, in denen die Handlung angesetzt war, dass die Protagonisten amerikanische Soldaten waren statt jüdischer Häftlinge, macht deutlich, wie tabuisiert die Auseinandersetzung mit der Geschichte noch war.

Die ungeheure Popularität der "Stalag"-Groschenromane (schon das erste Heft wurde 80.000mal verkauft) ist einerseits Folge der Verdrängung. Andererseits sind die Hefte mit dafür verantwortlich, dass Sexualität und Gewalt in den Nazilagern im israelischen kollektiven Gedächtnis bis heute miteinander verknüpft sind.

Im konservativen Israel, in dem sexuelle Aufklärung ebenso wenig stattfand wie die Aufklärung über den Holocaust, kamen in den 60er Jahren zwei Ebenen zusammen: Zum ersten Mal hatten Jugendliche die Möglichkeit, erotische Literatur zu konsumieren, und zum ersten Mal erfuhren sie von der Gewalt in den Lagern. Wie beliebt die Hefte tatsächlich waren, zeigt ein Ausschnitt aus dem bekannten Spielfilm "Eis am Stiel", in dem ein Protagonist ein "Stalag"-Heftchen liest.

Die sexuelle Komponente der Erinnerung an die Shoa zeigt Libsker auch auf einer anderen Ebene auf: So sind die Romane des "Stalag"-Autors und Holocaust-Überlebenden K.Zetnik bis heute Schullektüre - "Das Haus der Puppen" etwa thematisiert die "Feldhuren", jüdische Prostituierte in den Konzentrationslagern. Ihre Existenz ist nicht historisch belegt, dennoch sind sie Teil des kollektiven Gedächtnisses. Der Holocaust war schlimm genug, auch ohne den Vorwurf an überlebende Frauen, sich prostituiert zu haben, sagt eine Historikerin im Film.

Parallel dazu ermöglicht die Identifikation mit dem Helden der Hefte den männlichen Lesern das Ausleben eigener Rachefantasien. So erzählt ein junger Mann von seiner Beziehung zu einer Deutschen: "Der Gedanke an diese nichtjüdische Deutsche erregt mich so, dass ich sie im Namen der sechs Millionen ficke. Und zwar so, dass ich sie von hinten ficke oder Gewalt anwende. Das macht mich an. Und es macht sie an." Dabei denke er an den Großvater seiner Freundin, einen SS-Offizier.

Der Film zeigt zum einen, dass die fiktive Handlung der Hefte bis heute Einfluss auf die Wahrnehmung des Holocaust hat. Dass es sich keineswegs um authentische Erinnerungen amerikanischer Kriegsgefangener handelt, dass die Autoren Überlebende waren, die unter englischem Pseudonym schrieben, nehmen LeserInnen bis heute nicht an.

Zum anderen wirft Libsker Fragen auf, die er nicht direkt beantwortet. Welche Folgen hat es auf die sexuelle Entwicklung einer ganzen Generation, wenn erste sexuelle Erlebnisse mit Gewalt und Scham, Rache und Unterwerfung verknüpft sind? Was bedeutet es für den Umgang mit der Shoa, wenn Opfer zu TäterInnen gemacht werden, weil immer die Frage nach ihrer Täterschaft als Kapo oder Prostituierte im Raum steht? Wie sind Fantasien von sexueller Macht über Frauen und der Wunsch nach Rache an den TäterInnen verknüpft?

Unterschwellig verrät der Film einiges über das Frauenbild der Leser, die bis heute kein Problem mit ihren sexuellen Fantasien haben. Ein alter Mann behauptet, er wäre als Häftling nicht aus dem Lager geflohen, selbst wenn es möglich gewesen wäre. "Ich wollte dort sein, mit der Aufseherin, der Offizierin. Mit ihr schlafen, sie lieben und sie als Frau spüren. Ich sah sie nicht als Nazis, für mich waren sie Frauen."

AVIVA-Tipp: "Pornografie und Holocaust" verstört und irritiert. Dieser in Deutschland weitgehend unbekannte Teil der israelischen Populärkultur verdeutlicht die Unmöglichkeit, die Shoa "aufzuarbeiten".

Zum Regisseur: Ari Libsker wurde in einem orthodoxen Kibbuz im Norden von Israel geboren. Er ist Finanzjournalist und Dokumentarfilmer. Weitere Filme sind "Circumcision" über die Auswirkungen der Beschneidung auf die Sexualität und "The Home Porn" (2006). Er ist Mitbegründer der "free academy", die im Jahr 1990 von israelischen KünstlerInnen und Intellektuellen ins Leben gerufen wurde. Libsker ist auch als Mitherausgeber der Zeitschriften Maayan und Maarvon.

Weitere Infos zum Film unter www.stalags.com

Pornografie & Holocaust
Israel 2008, 63 min
Verleih: Moviemento
bundesweiter Kinostart: 30.12. 2010
Regie: Ari Libsker, Produzent: Barak Heymann, Co-Produzent: Ari Libsker, Drehbuch: Ari Libsker, Kamera: Uri Levi, Dror Lebendiger, Schnitt: Morris Ben-Mayor
mit Eyal Liani, Ami Maoz, Dan Newman, Ronit Yedaya, Oded Yedaya, Eli Eshed, Nitsa Ben-Ari, Jonathan Ben-Nachum, Uri Aloni, Eli Keidar, Ezra Narkis, Miryam Uriel, Isaac Noodleman, Nachman Goldberg, Isaac Guttman, Victoria Ostrovsky Cohen, Uri Avneri, Ezekiel Adiram, Prof. Omer Bartov, Ruth Bondy, K. Zetnik, Prof. Dan Miron, Jechiel Scheontoch, Naama Chic, Michael Gross, Sarah Blau, Carmella Meroz

Termine der Kinovorstellungen unter: www.moviemento.de

Kultur Beitrag vom 31.12.2010 Claire Horst 

   




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