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AVIVA-BERLIN.de im Oktober 2017 - Beitrag vom 06.01.2011

Eine flexible Frau - Ein Film von Tatjana Turanskyj
Evelyn Gaida

Greta, arbeitslos gewordene Architektin, geschieden, um die 40, driftet desorientiert durch ihr Leben und Berlin, dessen Neubauten zum Inbegriff der Beziehungslosigkeit werden. Gesellschaftsbild,...



… eine heftig angegriffene Selbstwahrnehmung angesichts der Arbeitslosigkeit, Gentrifizierung, die Brüchigkeit postmoderner Biographien, Feminismus heute, Selbstbehauptung im Widerstreit mit einem wirtschaftlichen Mahlstrom, der nicht nur Existenz- sondern auch Identitätsgrundlagen dirigiert – all das möchte Regisseurin Tatjana Turanskyj in ihrem Film thematisieren und darstellen.

Mit "Eine flexible Frau" kreiert sie ein widerspenstiges Film-Konstrukt aus diversen Versatzstücken. Letztlich erweist sich diese Herangehensweise als eine passende Methode, uniformen Erfolgsbild-Konserven, die im Auftrag des "allmächtigen" (Arbeits-)Marktes an das ebenso konstruierte Menschenbild gebracht werden sollen, einen gespenstischen Spiegel vorzuhalten.

"Die erste Inspiration für meinen Film war Richard Sennets Buch `Der flexible Mensch´. Sennet beschreibt die harten Veränderungsanforderungen des postmodernen Kapitalismus an das Individuum. Diese Grundtatsache aktueller gesellschaftlicher Entwicklung wollte ich mit der speziellen Situation von Frauen verknüpfen und die Frage aufwerfen, in wieweit das propagierte Bild der `modernen emanzipierten Frau´ nichts weiter ist als eine Affirmation an den derzeitigen Status Quo, eine `konservative Emanzipation´."

Die neuen Townhouse-Siedlungen Berlins sind Turanskyj zufolge Zeitgeist-Repräsentanten, sind "der in Stein gehauene Antagonist meiner Heldin. Und gegen den kämpft sie wie Don Quichotte. Es ist also ein aussichtsloser Kampf. Aber sie ist nicht naiv: Sie weiß genau, dass auch sie sofort Townhäuser bauen würde, wenn sie einen Job in einem Architekturbüro hätte, das eben Townhäuser baut. Das ist das Dilemma unserer Gegenwart."

Turanskyj wählt eine Durchbrechung fortlaufender Erzählstrukturen, eine szenische Montage, die sich bruchstückhaft auf die angepeilten Themen bezieht. Ihre Figuren treten wie im Theater auf, sprechen meist bewusst einstudiert, bieten Regeln, Formeln und Floskeln dar, die von der Protagonistin laut Bewerbungscoach verinnerlicht werden sollen - "eine flexible Frau" ist nicht etwa arbeitslos, sondern auf der Suche nach einer "neuen Herausforderung", möchte im Callcenter "neue Welten" kennen lernen. Stadtansichten und Innenräume stehen als starre, gleichgültige Kulissen herum, urbane Geräuschkulissen gehen als einziger Soundtrack ebenso gleichgültig über die Hauptfigur hinweg.

Anfangs erfordern die sperrig zusammengezimmerten Szenenwechsel einiges an Geduld und bereits mitgebrachtem Interesse. Im Lauf des Films macht diese Dekonstruktion in sich jedoch zunehmend "Sinn", indem sie dessen Verlust abbildet, spitzen sich sowohl Gretas persönliche Tragik als auch die angeschnittenen Themen- und Handlungs-Splitter zu: suggestiv aufgedrängte Sinnentleerung und bizarre Sprachverzerrung durch die Bewerbungsberaterin, formelhafter Marketing-Sing-Sang im Callcenter, ernüchternde bis skurrile Begegnungen mit Gretas arrivierten ArchitektInnen-FreundInnen oder der "sicherheitspsychotischen" Bewohnerin eines frisch aus dem Boden gestampften Townhouses. Die filmische Auflösungstechnik wird zum Abbild völliger Entfremdung.

Die Dame vom Jobcenter bricht gleich selbst in Tränen aus, die Lehrerin von Gretas Sohn geht nach dem Besprechungstermin mit in die Kneipe, um sich zu betrinken, und der Bewerbungscoach fertigt Videos seines "Opfers" an, die einem Psychothriller oder einer Überwachungskamera entsprungen sein könnten. Der Film ist oftmals eine Parodie, vorgebracht jedoch mit einer Ernsthaftigkeit, die surreal, traurig und beklemmend ist, wie ihr realer, parodierter Ausgangspunkt.

Hauptdarstellerin Mira Partecke ist die geeignete Besetzung, um die Aufmerksamkeit der ZuschauerInnen lebendig zu halten. Ihr zumeist abwesend wirkendes Pokerface bildet im Zusammenspiel mit den wachen, abwartenden Augen und ihrer mädchenhaften Stimme einen interessanten Widerspruch, kann in aufmüpfige Schlagfertigkeit und Verweigerung umschwenken. Greta ist jedoch keinesfalls ein kämpferische Jeanne d´ Arc, sondern eine immer mehr Gebeutelte, Angegriffene, Sich-Verlierende, zugleich widerstrebend und tief verstrickt in die von ihr abgelehnten Mechanismen. Für ihren zwölfjährigen Sohn hatte sie keine Zeit, bevor sie ihren Job verlor, er nun umgekehrt nicht für sie. Die Aversion und Beeinflussung des Jungen gegen seine Mutter gehen so weit, dass er mit "Losern" wie ihr nichts zu tun haben will. Ein Schlag, der Greta vollends aus der Bahn wirft. Die distanziert-künstliche BeobachterInnenperspektive des Films wird in solchen Momenten selbst brüchig.

"Ich habe nichts, wovon ich sagen möchte, es sei mein eigen. (...) Mein Geschäft auf Erden ist aus. Ich bin voll Willens an die Arbeit gegangen, habe geblutet darüber, und die Welt um keinen Pfennig reicher gemacht. Ruhmlos und einsam kehr ich zurück und wandre durch mein Vaterland, das, wie ein Totengarten, weit umher liegt, und mich erwartet vielleicht das Messer des Jägers (...)" Eine ältere Dame und zufällige Begegnung schenkt Greta dieses Hölderlin-Zitat zum Geburtstag, den die isolierte Architektin allein überstehen muss. Einen "Trost aus einer anderen Zeit" nennt Turanskyj diese Worte, die eine "Fremdheit" in den Film brächten. Fremd geworden in einer blutleeren Umwelt, ein scharfer Riss durch den Wall der Phrasen, geben sie den Blick frei auf einen schrecklichen Verlust.

AVIVA-Tipp: Abstürzende, arbeitslose Berliner Architektin, statt einstürzende Neubauten. Mehr menschliche Nähe zur Hauptfigur und weniger Kopflastigkeit hätten dem Film zwar gut getan. Regisseurin Tatjana Turanskyjs zeigt in ihren eigenwillig montierten Film-Perspektiven jedoch eindrucksvoll das bodenlos gähnende Wasteland, das der wirtschaftliche und soziale Anpassungs- und Erfolgsdruck für unwillig Widerstrebende bereithält.

Eine flexible Frau
Deutschland 2010
Buch und Regie: Tatjana Turanskyj
DarstellerInnen: Mira Partecke, Katharina Bellena, Laura Tonke, Sven Seeger, Torsten Haase, Fabio Pink, Michaela Benn u.a.
Verleih: Filmgalerie 451
Lauflänge: 97 Minuten
Kinostart: 6. Januar 2011

Weitere Informationen finden Sie unter:

eineflexiblefrau.wordpress.com

www.filmgalerie451

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Kultur Beitrag vom 06.01.2011 Evelyn Gaida 

   




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