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AVIVA-BERLIN.de im November 2017 - Beitrag vom 15.01.2011

Elly ... - Ein Film von Asghar Farhadi
Evelyn Gaida

Der ausgelassene Wochenendausflug von drei iranischen Ehepaaren und zwei FreundInnen wird zum Alptraum. Farhadi zeichnet ein in der westlichen Welt völlig ungewohntes und differenziertes Bild ...



... einer iranischen Mittelschicht zwischen Moderne und Religionsdiktatur. Der Regisseur entwickelt die Psychologie und Gruppendynamik seiner Figuren in einer virtuos zusammengewirkten Handlungsfolge und lässt den modernen Lack immer drastischer abbröckeln.

Übermütig rufen die Frauen auf der Fahrt von Teheran ans Meer etwas aus dem Auto, die Gespräche der Reisenden sind ein geistreich-schlagfertiger Austausch, ein unablässiges Scherzen und Gut-drauf-Sein. Hier fällt die zurückhaltendere, stille und ledige Elly (Taraneh Alidousti) schnell als Außenseiterin auf. Sie ist die Lehrerin eines der mitfahrenden Kinder und wurde von dessen Mutter Sepideh (Golshifteh Farahani) dazu überredet, ebenfalls mitzukommen. Elly soll mit dem frisch geschiedenen Ahmad (Shahab Hosseini) verkuppelt werden, der aus Deutschland zu Besuch ist.

Am Ziel angekommen machen sich alle Beteiligten unter spontanen Showeinlagen und viel Gelächter eifrig daran, das nicht ganz planmäßig zugeteilte und etwas heruntergekommene Wochenenddomizil aufzumöbeln. Der Gruppenzwang ist nicht weit: Die Verkupplungsmaßnahmen werden wenig dezent ausgeübt, deutlich hörbare, wenn auch scherzhafte Hochzeitsgesänge angestimmt, als Elly kurz den Raum verlässt. Sie hat aber ohnehin andere Verpflichtungen und kann nur eine Nacht bleiben, möchte am nächsten Tag zur Bushaltestelle im nächsten Ort mitgenommen werden, wohin Sepideh zum Einkaufen fährt. Jetzt wird es klaustrophobisch: Ellys dringlicher Wunsch wird einfach ignoriert, Sepideh fährt ohne sie. Für die ehrgeizige Heiratsstifterin offenbar ein Riesenspaß.

Kurz darauf ist Elly verschwunden. Die Kinder hatten sie zuletzt gesehen, eines von ihnen treibt plötzlich leblos auf dem Wasser und kann in letzter Minute gerettet werden. Ist Elly ertrunken? Im Verlauf der Suche nach ihr kommen immer mehr Details zum Vorschein, die weniger nach einem lustigen Streich, als nach Nötigung aussehen. Den SpaßmacherInnen ist das Lachen vergangen, Konflikte brechen auf, Schuldzuweisungen gehen um, auch Gott wird in dieser unheilvollen Spirale nun als Rächer beschworen: "Gott verdamm dich, Sepideh!" spricht deren eigener Mann.

Als Ellys Verlobter auf der Bildfläche erscheint, wird endgültig klar, dass hinter dem ehemals flapsigen Umgang keine Offenheit stand, sondern ein Abgrund. Unter diesen Umständen hätte Elly nicht mitkommen dürfen, so die Meinung der Ehemänner, man hätte nicht geglaubt, dass sie "so eine" sei, ihre Ehre sei nun ruiniert. Um den eigenen Schaden möglichst gering zu halten, entspinnt sich ein immer abstruser werdendes Lügengewebe. Vorherige Nebensächlichkeiten und scheinbar harmlose Details nehmen Formen und Bedeutungen an, die eine atemberaubende narrative Dynamik hervorbringen. Die verschwundene, stille Elly wird immer mehr zum Phantom und zur Zielscheibe der Wirklichkeitsverfremdung. Fahrlässiges Gerede erhält das Ausmaß fahrlässigen Rufmords – die "Werte" des fundamentalistischen Hintergrunds tun schließlich ihr verheerendes Werk. Es ist nicht mehr zu sagen, ob es für Elly besser wäre, tatsächlich ertrunken zu sein oder wieder `aufzutauchen´.

AVIVA-Tipp: Regisseur Asghar Farhadi verzichtet auf jeglichen Schmuck, Soundtrack oder sonstigen verstärkenden Effekt – die ZuschauerInnen sind mitten in ein psychologisch wie dramaturgisch umso fesselnderes Szenario eingelassen, dem sie als unsichtbare Dritte beizuwohnen scheinen. Die SchauspielerInnen agieren so vollkommen glaubwürdig und spontan, dass ein frappierender Realitätseindruck entsteht. Starke Bilder beeindrucken gerade durch ihre Einfachheit: Das rote Auto etwa, das sich vor dem fahlen, immer bedrohlicher rauschenden Meer im Sand festgefahren hat, oder der flatternde Drache, den Elly steigen lässt, wie einen wild aufflackernden Funken Freiheit.

Bei der Berlinale 2009 wurde "Elly ..." mit dem Silbernen Bären für die Beste Regie ausgezeichnet – völlig zu Recht!

Zum Regisseur: Asghar Farhadi wurde 1972 in Ispahan, Iran geboren. Er studierte Film und Theater an der Teheraner Universität und beendete das Studium 1998 mit dem Magisterabschluss.

Elly ...
Darbareye Elly
Iran / FR 2009
Buch und Regie: Asghar Farhadi
DarstellerInnen: Golshifteh Farahani, Taraneh Alidousti, Mani Haghighi, Shahab Hosseini, Merila Zarei, Peyman Moadi, Rana Azadivar, Ahmad Mehranfar, Saber Abar u.a.
Verleih: fugu film
Lauflänge: 119 Minuten
Kinostart: 06. Januar 2011

Weitere Informationen finden Sie unter:

www.fugu-films.de

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Kultur Beitrag vom 15.01.2011 Evelyn Gaida 

   




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