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AVIVA-BERLIN.de im Dezember 2017 - Beitrag vom 27.01.2011

Berlin - ein Wintermärchen
Isabell Serauky

In jedem Jahr gibt es in der Stadt ein besonderes Schauspiel, dessen Zauber sich keiner entziehen kann. Der Winter hält Einzug und das Staunen beginnt. Die Februar-Kolumne von Isabell Serauky



Regelmäßig wird Berlin mit einem stets ungeahnten, ja geradezu perfiden und für unsere Zivilisationsstufe schlicht abenteuerlichen Phänomen konfrontiert – dem Winter. Es schneit. Es schmilzt. Es friert. Jeder Aggregatzustand fordert die Stadt und ihre Menschen heraus. Bis auf die Knochen. Dieses traditionelle Überraschungsmoment von Väterchen Frost paart sich mit der Berlin typischen Art feinsinniger Sturheit. Heißt es doch regelmäßig vorm ersten Flockentanz: Die Streusalzreserven reichen dicke. Damit könne man die gesamte Tundra rutschfest präparieren. Die Verkehrsbetriebe tönen, wider jeglichen Erfahrungswerten: Der Winter kann kommen. Und da in der Eiszeit 2010 der Kampf gegen die Schneemassen auf den Gehwegen ein verlorener Kampf windmühlengleich war, wurde flugs ein taufrisches Schnee- und Eisräumgesetz erlassen. Allein, der bloße Gesetzeswille versetzt noch keinen Schneeberg.

Die DenkerInnen und LenkerInnen der Stadt sehen sich der Schneefront gegenüber immer perfekt gewappnet.
Und regelmäßig bremst uns diese eiskalt aus.


Es kam der Dezember und die erste Kälteperiode brachte die weiße Pracht. Wer konnte denn auch damit rechnen? So früh?! Die Naturgewalt brach über uns Arglose massenhaft herein. Schneeschaufeln gab es nur noch als Bückware und Speiks für den knochenerhaltenden Gang wurden zum Verkaufsschlager des Monats.
Wir standen knöcheltief im Schnee und warteten auf Bus und Bahn. Wie in jedem Jahr. Weichen froren ein, die Straßen wurden spiegelglatt und die Schneehügel wuchsen um uns herum. Nur unerschütterliche OptimistInnen, in Berlin eh eine aussterbende Spezies, haben sich den Berliner Winter anders vorgestellt. Nein, er zeigte wie immer die harte Kante.

Wenn die S-Bahn schon bei Sonnenschein und 30 Grad eher steht als fährt, da wird man doch wohl für das winterliche Chaos Verständnis haben! Aber klar doch. Wir entdeckten die Freuden der Langsamkeit. Und das zur Feiertagszeit passende Gefühl der Dankbarkeit machte sich breit, wenn überhaupt eine Bahn unseren Weg kreuzte. Schon in den frühen Morgenstunden war auf diese Weise ein inniger Körperkontakt mit Fremden möglich. Gratiskuppelei dank gefrorener Gleise.

Dann kam die Glätte mit 17 Grad minus. Ich bitte Sie, wer glaubt so wichtig zu sein und dann von A nach B zu müssen, der riskiert nun mal sehenden Auges einen Oberschenkelhalsbruch! Die chirurgischen Abteilungen der Krankenhäuser konnten endlich mal alle Kapazitäten ausfahren, was bei der chronischen Unterbesetzung ein Leichtes war.

Das Fest der Liebe kündigte sich an und mit ihm die nächsten Schneemassen. Die proppere Stimmung begann nun ernstlich zu bröckeln. Der ADAC versprach eine Katastrophe nach der anderen und die Flughäfen, Bahnhöfe und Autobahnen waren Orte des puren Wahnsinns. Die Reise zu den Liebsten wurde bestenfalls eine Geduldsprobe, im Regelfall eine Reise ins Nirwana. Radikale Geister nutzten die eisige Apokalypse und strichen rigoros familiäre Konfrontationen unterm Tannenbaum. Wenn es irgendwie ging, blieb man in der Stadt. Dem Wetter sei Dank.

Die Feiertage zogen vorüber. Das Eis blieb. Ewig Gestrige versuchten die liebevollen Geldgeschenke in praktische Winterkleidung umzusetzen. Aber bitte - wo kommen wir denn dahin, wenn es die im Dezember noch gäbe? Die Zeichen stehen auf Frühling! Spätestens im Januar muss die neue luftige Sommergarderobe gehortet sein. Das weiß doch jede/r.

Also hieß es weiter: Bibbern und schlittern

Die Silvesternacht brachte eine weitere, ganz zauberhafte Facette des winterlichen Vergnügens: Es regnete auf gefrorenen Grund. Berlin eine einzige Rutschpartie. Dieses Idyll wurde durch die Hinterlassenschaften der Silvesterböller nuancenreich variiert. Eine Melange aus Schneeresten, Geröll und Silvesterkrachern entfaltete sich überall – ob Prachtmeile oder hinterste, mickrige Kietzecke. Im Berliner Straßendreck waren wir alle gleich.

Der Januar ließ den Spannungsbogen ins Unermessliche steigen. Das kann doch nicht alles gewesen sein? Grauer Himmel, 2 bis 4 Grad, kein Schnee, nirgends – da sind wir aber anderes gewohnt. Wir beobachteten fortan das Wandern von Tiefausläufern mit mehr Argwohn als die Aktivitäten an den internationalen Finanzmärkten. Es blieb auf beunruhigende Weise ein unverschämt unspektakuläres Januarwetter.

Aber ein Joker im Ärmel verbleibt Väterchen Frost - der Februar. Wehe der, die unachtsam wird. Haltet die Speiks griffbereit, lasst die Schwielen vom Schneeschippen flugs verheilen und sucht den Wetterfrosch Eures Vertrauens. Denn wir wissen: Es ist erst vorbei, wenn es vorbei ist. Und traditionell zeigt Berlin den Schönen und Reichen zur Berlinale, wie eine selbstausgerufene Metropole den Schneemassen in teutonischer Manier trotzt. Die Berlinale läuft in diesem Jahr vom 10. bis 20. Februar. Warten wir es einfach ab. Was sollten wir auch sonst tun?

Die Autorin Isabell Serauky ist Rechtsanwältin und arbeitet in einer Kanzlei im Berliner Prenzlauer Berg, www.jurati.de.

Nächstes Thema: Warum wir bessere Menschen werden sollen

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Kultur Beitrag vom 27.01.2011 AVIVA-Redaktion 

   




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