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AVIVA-BERLIN.de im Oktober 2017 - Beitrag vom 11.01.2012

Tag und Nacht. Ein Film von Sabine Derflinger und Eva Testor. Deutscher Kinostart 13. Januar 2012
Lisa Scheibner

Warum eigentlich nicht? Bei Hanna und Lea ist Ebbe in der WG-Kasse und die Wiener Studentinnen beschließen, Callgirls zu werden. Was aus Neugier beginnt, entwickelt bald eine eigene Dynamik und...



...verändert ihr bisheriges Leben fundamental.

In der Chanel-Schuhschachtel, der Haushaltskasse von Lea (Anna Rot) und Hanna (Magdalena Kronschläger), ist nur noch ein bisschen Kleingeld übrig. Die unzertrennlichen Studentinnen leben zusammen in Wien und teilen nicht nur ihr Geld sondern auch all ihre Erlebnisse miteinander. Ihr neuester Plan ist, sich als Callgirls zu versuchen - wenn auch mehr aus Neugier als aus echter Not. Und was spricht eigentlich dagegen, solange frau selber die Kontrolle hat? Gutes Geld, Sex mit Fremden - ein Abenteuer! Sie wollen auf sich gegenseitig aufpassen: "Wenn eine von uns nicht mehr mag, dann hören wir beide auf!" verlangt Hanna.

Mario (Philipp Hochmair), der Escort-Service-Betreiber, bei dem sie anfangen, ist geschäftstüchtig aber charmant, gar nicht wie ein fieser, zwielichtiger Zuhälter. Er lässt jede seiner neuen Angestellten erst mal einen Fragebogen ausfüllen: Lieblingsblumen, Lieblingsessen... - Callgirls werden von ihren Kunden offenbar durchaus mal verwöhnt.

Ein Orgasmus beim Anschaffen?

Und so beginnt das Leben zwischen Uni-Alltag und 24-Stunden-Service. Regisseurin Sabine Derflinger zeigt die banalen Momente des Anschaffens. Natürlich sind die Freier nicht gerade der Typ Mann, mit dem Lea und Hanna in ihrer Freizeit schlafen würden. Aber nach einem kurzen Schock erscheint ihnen der neue Job geradezu überraschend einfach: Hannas erster Kunde hat nach einer Minute einen Orgasmus und schläft dann ein. Das ist ja fast zum Lachen! Die eher zurückhaltende der beiden Frauen entwickelt schon bald eine ungeahnte Souveränität in ihrer neuen Rolle.

Lea geht von Anfang an sehr selbstbewusst an die Sache heran, sie genießt es, zu verführen und hat mitunter auch sexuell ihren Spaß: "Ich bin ja kein Eisblock, wenn man mich kitzelt, muss ich auch lachen!" Bei der Aufnahmeprüfung an der Schauspielschule war sie noch schrecklich unsicher, aber die Verruchtheit eines heimlichen Lebens als Escort-Girl verschafft ihr von Anfang an ein Machtgefühl. Das Jurastudium, das ihre Eltern wollen, kann getrost warten. Sie stöckelt, hinreißend aussehend, in ein edles Hotel, um dort einen einsamen Manager zu treffen und entwickelt schnell eine besondere Art, Gespräche zu führen: Anstatt zu antworten, lacht sie und behält ihre Gedanken für sich.

Das Experiment ist erst mal geglückt, die Chanel-Schachtel füllt sich mit grünen Scheinen und Hanna und Lea fühlen sich stark wie nie: "Männer kommen und gehen aber wir zwei sind Königinnen". Die Kunden zeigen viel von sich, Gutes und weniger Schönes, und wirken dabei manchmal sehr verletzlich. Die jungen Frauen blicken hinter die Kulissen der offiziellen Männlichkeiten und sind überrascht.

Von der Freiheit der Schamlosigkeit

Ein Stammkunde (Martin Brambach) zitiert Dostojewski: "Geld ist geprägte Freiheit", er muss es wissen, denn er hat viel davon. Er scheint Recht zu behalten, denn die Frauen sagen sich von alten Sorgen los. In einer Szene springen Hanna und Lea immer wieder in einen Swimmingpool, die Unterwasserkamera beobachtet ihre nackten, schwerelosen Körper, sie genießen ihre neue, ungehemmte Offenheit während das Unangenehme an ihnen wie Wasser abperlt.

Sabine Derflinger und Eva Testor, von der die Geschichte des Films stammt, haben mit den Schauspielerinnen Escort-Agenturen besucht und sich dort unter anderem mit Studentinnen unterhalten, die dort arbeiteten. Im Film zeigen sie, dass der Alltag als Sexarbeiterin nicht immer mit Zwang und Gewalt zu tun haben muss, aber dennoch die Persönlichkeit verändert: "Alles was man im Leben macht, hinterlässt Spuren", so die Regisseurin im Interview mit dem Filmjournalisten Peter Krobath.

So auch bei Derflingers Protagonistinnen, denn das Doppelleben schlaucht ganz schön: Hanna verpasst immer öfter ihre Kunstgeschichts-Vorlesungen und lässt ihren Schwarm Harald (Adrian Topol) mehrmals ohne Erklärung stehen, wenn sie zu einem Job muss. Die privaten Liebschaften sind nicht mehr, was sie mal waren, irgendetwas hat sich verändert und Sex verliert für beide Frauen an Bedeutung. Es ist nicht so leicht, Tag und Nacht eindeutig voneinander zu trennen.

Spiel ohne klare Grenzen

Anna Rot und Magdalena Kronschläger verkörpern die ambivalenten Empfindungen und zunehmende Entfremdung der Freundinnen, von ihrem gewohnten Umfeld und auch voneinander, hochsensibel. Der Cast des Films, inklusive der Nebenrollen, ist durchweg überzeugend, Sabine Derflinger gelingt eine sehr realistisch wirkende Erzählung.
So sieht die Zuschauerin etwa ungeschönte Körper, die DarstellerInnen sind absichtlich vor Drehbeginn nicht ins Fitnessstudio gegangen. Auch die Szenen mit den Freiern könnten vom Porno kaum weiter entfernt sein: mit der Standkamera aufgenommen, werden Unsicherheiten der Beteiligten und die Banalität der Situation offenbar. Die emotionalen Zustände der Studentinnen sind erschreckend authentisch dargestellt: Während das Business seine Macht entfaltet, verschieben sich persönliche Grenzen fast unbemerkt, die Gefühle dazu machen sich manchmal erst später bemerkbar.

Zum Filmteam: Regisseurin Sabine Derflinger studierte an der Wiener Filmakademie und hat zahlreiche Dokumentar-, Kurz- und Spielfilme für Kino und Fernsehen gedreht. Vor allem die Langfilme "42plus", (2007), "Kleine Schwester" (2004) und "Vollgas" (2001) erhielten mehrere Preise. Derflinger schrieb das Drehbuch für "Tag und Nacht" zusammen mit Eva Testor, von der die Idee stammt. Testor ist außerdem Kamerafrau und mit ihrer 2003 gegründeten Produktionsfirma Mobilefilm Produzentin des Films (gemeinsam mit Nina Kusturica). Anna Rot (geboren 1983) studierte Schauspiel in Graz und Rostock, war am Theater Göttingen engagiert und spielt seitdem freiberuflich in Film und Theater, wo sie regelmäßig an Stückentwicklungen beteiligt ist. Magdalena Kronschläger (geboren 1982) studierte Schauspiel in Wien und gastierte an verschiedenen Theatern. Sie spricht für Hörspielproduktionen und drehte für Film und Fernsehen, so war sie unter anderem schon im "Tatort" zu sehen. In "Tag und Nacht" spielt sie ihre erste Kinohauptrolle.
Weitere Infos:
Mobilefilm
www.tagundnacht.wfilm.de

AVIVA-Tipp: "Tag und Nacht" schildert realistisch den Alltag zweier Wiener Studentinnen, die sich aus Abenteuerlust als Callgirls versuchen. Sexarbeit wird hier abseits gängiger Klischees weder hocherotisch noch als erzwungene Ausbeutung dargestellt, sondern als Nebenjob, der aber durchaus seine Tücken hat und nicht spurenlos an den jungen Frauen vorbeigeht. Regisseurin Sabine Derflinger stellt die emotionale Entwicklung ihrer Figuren komplex dar und hat, nicht zuletzt dank ihres hervorragenden Casts, einen berührenden und vielschichtigen Film geschaffen. "Tag und Nacht" wirft Fragen nach der Definition von Freiheit oder eines "guten Lebens" auf, denn letztlich sind es die eigenen Abgründe, in die die Protagonistinnen eintauchen, und die gerade darum einen unwiderstehlichen Sog entwickeln.

"Tag und Nacht" feiert am 13. Januar um 20.15 Uhr im Berliner Babylon seine Deutschlandpremiere in Anwesenheit der Regisseurin Sabine Derflinger und der Hauptdarstellerinnen Anna Rot und Magdalena Kronschläger.

Tag und Nacht
Österreich 2012
Regie: Sabine Derflinger
Buch: Eva Testor, Sabine Derflinger
DarstellerInnen: Anna Rot, Magdalena Kronschläger, Philipp Hochmair, Adrian Topol u.a.
Verleih: W-film Distribution
Lauflänge: 101 Minuten
Deutscher Kinostart: 13. Januar 2012
www.wfilm.com

Weiterlesen auf AVIVA-Berlin:

Sabine Derflinger: "42plus"

"Die Lust der Frauen" (2010), Kamera: Eva Testor

Mehr zum Thema Sexarbeit:

Film "Five Sex Rooms und eine Küche" (2007)

Internationaler Hurentag 2010: "Only Rights Can Stop The Wrongs"

Lisa Moos: "Das erste Mal und immer wieder" (2005), autobiographische Schilderung einer Prostituierten

Marcel Feige: "Wa(h)re Lust Zuhälter, Prostituierte und Freier erzählen" (Neuauflage 2007)

Kultur Beitrag vom 11.01.2012 AVIVA-Redaktion 

   




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