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AVIVA-BERLIN.de im Dezember 2017 - Beitrag vom 12.02.2009

Effi Briest
Tatjana Zilg

Die Regisseurin Hermine Huntgeburth drehte eine Neufassung des Klassikers der deutschen Literatur mit Julia Jentsch in der Hauptrolle. Die Weltpremiere des Filmes, der zur Zeit der vorletzten ...



ÔÇŽ Jahrhundertwende im Milieu der Oberschicht spielt, fand stilgerecht im tempor├Ąr zum eleganten Kinosaal umgebauten Friedrichsstadtpalast im Rahmen der Reihe "Berlinale Special" statt.

F├╝r ihren letzten Film "Die wei├če Massai" (2005) begab sich Hermine Huntgeburth auf das Terrain eines anderen Kontinentes und verfolgte die Wandlung einer Schweizerin von einer erfolgreichen Gesch├Ąftsfrau in Europa zu einer Massai-Ehefrau in einem afrikanischen Dorf und vice versa.
Diesmal bleibt die Regisseurin in der eigenen Kultur und adaptiert einen Theodor Fontane-Roman, den viele Kinog├ĄngerInnen bereits als Schullekt├╝re kennenlernten. Wieder nutzt sie opulente Bilder: Malerisch gelegene Landschaften, ein Dorf in rauer, schlichter Sch├Ânheit, ein Berlin, das beginnt, sich zur einer lebhaften Metropole zu entwickeln, und Innen- und Au├čenaufnahmen gro├čfl├Ąchiger, der Epoche entsprechend eingerichteter H├Ąuser. Hundertprozentig passend zu der Geschichte, die sie erz├Ąhlt. Diese ist ber├╝hmt f├╝r ihre poetische Melodramatik und die gro├čen Gef├╝hle, die sie bei den LeserInnen erzeugt, und gilt dar├╝ber hinaus als gelungene Auseinandersetzung mit den strengen Moralvorstellungen vergangener Tage.

Hermine Huntgeburth bringt das Beziehungsgeflecht zwischen den Charakteren gut verst├Ąndlich auf die Leinwand. Daf├╝r nimmt sie sich zwei Stunden Zeit, die aber dank der mit der Erz├Ąhlung stimmigen Bilder und einem dramaturgisch kurzweilig angelegten Handlungsverlauf schnell vergehen. Zudem wagte das Filmteam eine entscheidende ├änderung an der Originalvorlage, die keine Zweifel mehr aufkommen l├Ąsst an der Parteilichkeit f├╝r die junge Effi Briest.

Deren Schicksal ist wohlbekannt: Kaum 20 Jahre alt wird sie von ihren Eltern zur materiell vorteilhaften Hochzeit mit dem 20 Jahre ├Ąlteren Baron Instetten (Sebastian Koch) getrieben. Zwischen erstem Kennenlernen und der ersten gemeinsamen Nacht im Ehebett liegt nur kurze Zeit. Instetten zeigt sich als emotional distanziert, jedoch im Bezug auf seine Karriere ├Ąu├čerst ehrgeizig. Die Ehepartner finden keinen wirklichen Zugang zueinander und Instetten erwartet von Effi ein Verhalten, das der klassischen Frauenrolle dieser Zeit entspricht. Da er sie oft wegen seinen Gesch├Ąftsreisen alleine im Landgut in einem am Meer gelegenen Provinzort l├Ąsst, entwickelt sie ├ängste, die sich durch leichte Halluzinationen und Ersch├Âpfungszust├Ąnde bemerkbar machen. Gleichzeitig sp├╝rt sie immer st├Ąrker den Drang nach einem anderen Leben. Emotionale Unterst├╝tzung findet sie bei dem Apotheker Giesh├╝bler (R├╝diger Vogler). Um dem verschlafenen Ort Leben einzuhauchen, gr├╝ndet Giesh├╝bler eine Theaterlaiengruppe, der sich Effi nach kurzen Z├Âgern anschlie├čt. Dort kommt sie sich mit Major Crampas (Mi┼íel Mati├Ęevi├Ž) n├Ąher, einem Freund von Instetten. In der romantischen Umgebung einer H├╝tte am Meer nimmt die erotische Aff├Ąre zwischen Effi und Crampas ihren Lauf. Als ihr Ehemann nach Berlin versetzt wird, bricht Effi, mittlerweile Mutter einer kleinen Tochter, die Beziehung ab. Jahre sp├Ąter entdeckt Instetten die Liebesbriefe und erschie├čt Crampas in einem Duell nach altem Ehrenkodex. Offensichtlich zu dieser Zeit noch nahezu legal, denn er wird lediglich zu einer zweiw├Âchigen Haftstrafe verurteilt.

Theodor Fontane schrieb seinen Roman inspiriert durch die wahre Geschichte von Elisabeth Freiin von Plotho, sp├Ątere Elisabeth von Ardenne, die der Beweggrund f├╝r das letzte Duell in der Realit├Ąt war. Sie selbst wurde 99 Jahre alt und starb im Jahr 1952. M├Âglicherweise war sie selbstbewusster und entschlossener als die Effi Briest, die Fontane beschrieb.
Die Effi Briest von Hermine Huntgeburth wirkt wie eine Mischung aus der literarischen Vorlage und der historischen Pers├Ânlichkeit. Die dramatischen Konflikte, denen sie sich stellen muss, lassen sie zwar auch im Film k├Ârperlich erkranken, aber zugleich an ihnen reifen bis sie zu innerer und ├Ąu├čerer Freiheit findet.

Ein weiteres Plus an der Neuverfilmung ist, dass diese zeigt, was lange Zeit nicht gezeigt werden durfte: Die Sexualit├Ąt, wie sie in einer solchen Ehe geschieht, an Vergewaltigung grenzend, und im Kontrast dazu die erotische Vertrautheit, die zwischen den Sich-Verboten-Liebenden entsteht.

AVIVA-Tipp: Zu Beginn erscheint die Person des Instetten nicht ganz glaubw├╝rdig, denn Sebastian Koch in der Rolle des Instetten ist attraktiver und junggebliebener als so mancher seiner Vorg├Ąnger in den vorangegangen Effi Briest Verfilmungen. Doch Julia Jentsch ├╝berzeugt schnell davon, wie es um die Gef├╝hle der jungen Frau steht, die Gefangene ihrer Zeit ist. Sie bei ihrer inneren Wandlung zu begleiten sorgt f├╝r einen unterhaltsamen Kinoabend, stimmt aber auch nachdenklich. Es l├Ąsst innerlich erschaudern, dass vor kaum 100 Jahren unter dem Deckmantel einer Ehe eine Vergewaltigung fast wie selbstverst├Ąndlich hingenommen wurde und der Versuch einer Frau, sich aus einer solchen Ehe zu l├Âsen, gesellschaftlich tabuisiert war.

Effi Briest
Deutschland 2008
Regie: Hermine Huntgeburth
Drehbuch: Volker Einrauch
Laufl├Ąnge: 118 Minuten
DarstellerInnen: Julia Jentsch, Sebastian Koch, Mi┼íel Mati├Ęevi├Ž, Juliane K├Âhler, Thomas Thieme, R├╝diger Vogler, Barbara Auer, Margarita Broich, Mirko Lang, Sunnyi Melles
Verleih: Constantin Film
Kinostart: 12.02.2009

Parallel zum Filmstart wurde ein gro├čer Sch├╝lerInnentalentwettbewerb, f├╝r alle Jugendlichen, die gerne tanzen, schauspielern und musizieren, ausgeschrieben. Weitere Informationen hierf├╝r und zum Film unter:
www.effi.film.de

Weiterlesen auf AVIVA-Berlin: Julia Jentsch im Interview anl├Ąsslich des Filmstarts von "Ich habe den englischen K├Ânig bedient".


Kultur Beitrag vom 12.02.2009 AVIVA-Redaktion 

   




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