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AVIVA-BERLIN.de im Oktober 2017 - Beitrag vom 12.03.2009

Hilde
Tatjana Zilg

Ihr Name ist bis heute unvergessen, doch wer war Hildegard Knef jenseits ihres größten Hits "Für mich soll´s rote Rosen regnen"? Der Film von Kai Wessel gibt leider entgegen den Erwartungen ...



... keine ausreichende Antwort.

Heike Makatsch gelingt es zwar, "den ersten deutschen Nachkriegsstar" perfekt zu verkörpern: Gestik, Mimik, die prägnante Artikulation, das aufbrausende Temperament, die unglaubliche Ausstrahlung - dies alles springt im ersten Moment über, in dem die beliebte Schauspielerin aus dem deutschen Film der Gegenwart als Hildegard Knef auf der Leinwand erscheint. Aber wer hofft zu erfahren, wie es zu dem großen Ruhm der 1925 geborenen UFA-Schauspielerin, Hollywood-Karrieristin, Broadway-Akteurin, Schlagersängerin und Schriftstellerin kam, wird das Kino am Ende enttäuscht verlassen. Der Film wirft weitaus mehr Fragen auf, als er beantwortet. Seine Schwerpunktsetzung liegt auf äußeren Gegebenheiten und auf der Beziehungsdynamik zu Hildes jeweiligen Partnern, wogegen ihre künstlerische Arbeit wenig gezeigt wird. Das Drehbuch basiert vor allem auf der Autobiografie "Der geschenkte Gaul", die 1970 erschien und die romanhafte Züge trägt. Dennoch umfasst der Film "Hilde" nur deren Leben von 1943 bis 1966, wodurch der Schreibprozess an der Autobiografie kaum thematisiert wird, obwohl der Wahrheitsgehalt nach der Veröffentlichung besonders in Bezug auf die Ereignisse in Nazideutschland angezweifelt wurde.

Die Dramaturgie des Filmes nutzt als Ausgangs- und Endpunkt das ausverkaufte Konzert in der Berliner Philharmonie 1966: Die umjubelte Ankunft am Flughafen Tempelhof und das Lampenfieber in der Künstlergarderobe werden eindringlich inszeniert.
Das weckt die Neugierde und lässt gespannt sein auf den weiteren Verlauf des Biopics, das nun ins Jahr 1943 zurückblendet: Die junge Hilde bewirbt sich an der Schauspielschule in Babelsberg - gegen den Willen ihrer Mutter Frieda Knef (Johanna Gastdorf), die ohnehin vor allem mit der bevorstehenden Evakuierung der Familie beschäftigt ist. Die UFA-Lehrerin Else Bongers (Monica Bleibtreu) überzeugt die Mutter zur Einwilligung in die Ausbildung der Tochter mit dem Hinweis, dass Göbbels persönlich Hilde für Film und Theater im Dritten Reich gewinnen möchte und sie als "deutsches Mädchen in Reinkultur" bezeichnet habe. Die leichtgängige Darstellung dieser Ereignisse in Kai Wessels Biopic löst erste Skepsis und Unbehagen aus.

Leider folgt nun kein Einblick in die Arbeit an der UFA-Schule zu dieser Zeit. Das Drehbuch des Films interessiert sich vielmehr dafür, wie sich Hilde in eine bis zum Kriegsende andauernde Affäre mit dem Nazi-Film-Dramaturgen Ewald von Demandowsky (Anian Zollner) stürzt, der unter anderem für die Filmzensur zuständig war. Die Schauspielschülerin beginnt ihre Beziehung mit dem verheirateten Mann, nachdem sie Zeugin wurde, wie er einen Film von Hans Albers aufgrund seiner angeblichen demoralisierenden Wirkung auf den Index setzte. Der Film "Hilde" reißt Themen an, die von hoher Komplexität sind, handelt sie dann verkürzt ab und lässt die Knef plötzlich nach einer Kriegsfilm-Episode, wo sie als Soldatenjunge kämpft, im zerbombten Nachkriegs-Berlin auftauchen. Sie findet relativ schnell zurück zum Theater und glänzt bald in einer Hauptrolle. Der neu eingesetzte UFA-Chef Erich Pommer (Hanns Zischler) wird auf sie aufmerksam und überzeugt sie, bei der ersten großen Nachkriegs-Produktion "Die Mörder sind unter uns" mitzuwirken. Die Verhöre zu ihrer Position an der Seite von Demandowsky werden angeschnitten, jedoch in fast nur einem Satz abgehandelt: "Wir haben nie über Politik geredet, nur über Kunst." Wie solche Gespräche im Kontext eines totalitären Regimes, das den Begriff der "entarteten Kunst" verwandt hat, ausgesehen haben könnten, bleibt der Imaginationsfähigkeit der KinogängerInnen überlassen. Dabei hätte die Autobiografie durchaus mehr Material geboten, um der Frage nachzugehen, wie der Alltag gegen Ende des Dritten Reichs aussah und wie sich die UFA danach weiterentwickelt hat. Allein das Melodram "Die Mörder sind unter uns" (1946) hätte Antworten aufweisen können. Aber dessen Inhalt bleibt in "Hilde" verborgen. Stattdessen folgt dem Trailer direkt die Exekution von Demandowsky durch das russische Militär, was zu einer zweifelhaften filmischen Suggestion führt.

Auch im weiteren Verlauf des Films wird nicht erkennbar, worin die große Wirkung von Hildegard Knef bestand. An der Seite ihres ersten Ehemanns, dem jüdisch-amerikanischen Offizier Kurt Hirsch (Trystan Pütter), reist sie bald nach der Premiere von "Die Mörder sind unter uns" nach Amerika aus. Dort erhält sie trotz Hollywood-Vertrag nur wenige Nebenrollen und entschließt sich deshalb nach Deutschland zurückzukehren, wo sie ihre skandalumrankte Hauptrolle in "Die Sünderin" (1951) annimmt. Leider erfährt man wieder nur wenig über den Film an sich, außer dass durch die Nacktszene die Moralvorstellungen der 1950er Jahre stark überfordert wurden. Es wird keine Möglichkeit gegeben, den Film in seiner Vorreiterposition im Aufbruch von filmischen Tabus zu verstehen. Stattdessen wird chronologisch das weitere äußere Auf und Ab ihrer Karriere nachverfolgt: Der große Durchbruch in Amerika, der langjährige Erfolg am Broadway, die erste künstlerische Krise mit dem Wunsch nach anspruchsvolleren Rollen, die Auszeichnung mit dem Deutschen Filmpreis, der Beginn ihrer Liebe zu ihrem späteren zweiten Ehemann David Cameron (Dan Stevens), die verbale Hetzjagd durch die Boulevard-Presse, die Entdeckung ihres Talents als Chanson-Sängerin und -Texterin.

AVIVA-Fazit: Das Filmteam gehört einer anderen Generation an als diejenigen, die Wirkung und Weltruhm der Knef ohnehin sofort aufgrund des eigenen Miterlebens einordnen können. Kai Wessel und sein Cast erklären in Interviews, dass sie sich durch die filmische Arbeit dem "ersten deutschen Nachkriegsstar" um einiges nähergekommen fühlen - fraglich ist, ob sich dies auf das Kinopublikum übertragen wird.

Die Autobiografie "Der geschenkte Gaul" erscheint neu in einer von Heike Makatsch gelesenen Hörbuch-Version:
Hildegard Knef - Der geschenkte Gaul
Auszüge - Gelesen von Heike Makatsch

ISBN: 978 - 3 - 941378 - 19 - 3
Edel-Verlag, VÖ Februar 2009, 4 CDs, 19,90 Euro

Das Album zum Film:
Heike Makatsch singt Hildegard Knef

Sieben Titel aus der Original-Filmversion plus sieben weitere Knef-Songs
Musikalische Begleitung: WDR Big Band
Label: Warner Bros, VÖ Februar 2009

Hilde
Deutschland 2009
Verleih: Warner Bros
Regie: Kai Wessel
Drehbuch: Maria von Heland
DarstellerInnen: Heike Makatsch, Dan Stevens, Monica Bleibtreu, Michael Gwisdek, Hanns Zischler, Anian Zollner, Trystan Pütter, Johanna Gastdorf, Silvester Groth, Roger Cicero
Lauflänge: 136 Minuten
Kinostart: 12. März 2009

Der Film im Netz: wwws.warnerbros.de/hilde


Kultur Beitrag vom 12.03.2009 AVIVA-Redaktion 

   




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