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AVIVA-BERLIN.de im Oktober 2017 - Beitrag vom 20.12.2009

Dinosaurier
Tatjana Zilg

Der demographische Wandel ist ein allgegenwärtiges Thema in den Schlagzeilen. Kult-Regisseur Leander Haußmann nahm die Herausforderung an und filmte eine provokativ-temporeiche, schnittig-witzige...



... sowie philosophisch-nachdenkliche Komödie über Tücken und Freuden im dritten Frühling während krisengeschüttelter Zeiten.

Dritter Frühling oder Herbst des Lebens?

Wenn der Blick durch die Medien streift, verheißen einerseits grauhaarige, agile Menschen die Kunde von einem Leben jenseits der 60, indem jede(r) endlich alle Zeit der Welt für sich hat und alles tun kann, was er/sie immer schon wollte. Anderseits gibt es Berichte über Krankheiten wie Alzheimer und Parkinson, Altersarmut und erschreckende Missstände in den Pflegeheimen. Klar, dass niemand sich gerne unter der Obhut von ständig wechselnden Personal und in platzarmen Räumen wiederfinden möchte. Vorbei ist es dann auch oft mit der Selbstbestimmung, der Alltag ist streng geregelt und die PflegerInnen passen auf, dass keine(r) aus der Reihe tanzt.

Mit Power aus dem Pflegebett und hinein ins turbulente Bonnie And Clyde - Leben

Im Mittelpunkt der Komödie "Dinosaurier" von Leander Haußmann steht die pensionierte Lehrerin Lena Braake (Eva-Marie Hagen), die ein zauberhaftes Häuschen bewohnt und der Ex-Banker Johann (Ezard Haußmann), der von seinem Sohn ins Pflegeheim entsendet wurde. Wie schnell sich die Grenzen verschieben können, muss Lena innerhalb kürzester Zeit erfahren. Anstelle der ersehnten Reiseschecks endet der Besuch bei der Bank ihres Vertrauens damit, dass sie sich von ihrem Berater Tobias Hartmann (Daniel Brühl) zu Anlagespielen überreden ließ, die sie geradlinig in den Ruin führen.

Das Haus ist weg und Lena nun Zimmernachbarin von Johann. Dieser verliebt sich unsterblich in sie und tut alles, um Lenas Aufmerksamkeit zu gewinnen. Dabei sind sie wie Yin und Yang: Sie zurückhaltend, alles sorgfältig bedenkend, höflich und umsichtig gegenüber ihren Mitmenschen, er draufgängerisch, listig und das Beste aus seiner Situation herausholend, auch wenn im Pflegeheim "Sonnenruh" die Voraussetzungen dafür schlecht sind. Direktor Piretti redet das renovierungsbedürftige Haus, das karge Freizeitprogramm und den Pflegenotstand schön und die Oberschwester ist so ausgebrannt, dass sie ihre Anvertrauten kaum noch ertragen kann. Glücklicherweise hat Johann nicht die hohe Pflegestufe, unter der er im Computer registriert ist.
Er hat diese selbst dort hineingeschummelt, um ein bisschen Luxus wie ein Einzelzimmer zu bekommen. Schwindeln und Betrügen ist sein großes Talent, mit dem er auch Lena erobern will. Er verspricht ihr, einen grandiosen Plan auszuhecken, um ihrem Bankberater gewaltig eins auszuwischen und ihr Haus zurückzugewinnen. Zögerlich lässt Lena sich darauf ein, bis sie Johann plötzlich das Ruder aus der Hand nimmt und seine gauner-genialen Ideen noch übertrumpft. Mittlerweile hat das ungleiche Paar viele Mit-LeidensgenossInnen für ihr "David gegen Goliath"-Abenteuer gewonnen.

Wie nicht anders zu erwarten war, scheut Regisseur Leander Haußmann keine Tabus und lässt seinen Helden Johann wie einen Elefanten durch die Gebrechen seiner AltersgenossInnen steppen. So reißt er schon mal der Senioren-Petze das Gebiss aus dem Mund, um das vorzeitige Aus seines Feldzugs zu verhindern. Das angstbesetzte Thema Verlust und Krankheit im Alter verliert rasch seinen Schrecken und die Zuschauerin begleitet die sympathischen Ü80-HeldInnen mit einem lachenden und einem weinenden Auge: Denn der Kontrahent, Bankberater Tobias Hardmann, ist trotz seines smarten Äußeren ein Profitgier-Ekel, wie es die reale Finanzkrise nicht fieser hätte produzieren können. Doch er hat nicht mit Johann gerechnet. Der Senioren-Tausendsassa weiß genau, wo seine wunden Stellen sind, denn bevor er alt und weise wurde, war er selbst ein Immobiliengewinn-Eigennutz. Leander Haußmann schrieb Johann eine Vergangenheit auf den Leib, inspiriert von der Geschichte des Spekulanten Jürgen Schneider, der 1994 nach einer Milliardenpleite verhaftet wurde.

Die Story war bereits 1975 schon einmal auf den Leinwänden zu sehen als "Lina Braake oder Die Interessen der Bank können nicht die Interessen sein, die Lina Braake hat" unter der Regie von Bernhard Sinkel.
Dass der schwierige Plot - als Komödie verarbeitet - im Jahre 2009 erneut funktioniert, ist auch dem brillanten SchauspielerInnen-Ensemble zu verdanken, welches der 38jährige Leander Haußmann zusammentrommelte. Johann ist im wahren Leben sein Vater Ezard Haußmann, der auf eine turbulente Theater- und Film-Karriere vor und nach der Mauer zurückblicken kann, inklusive eines 10jährigen Berufsverbot unter dem SED-Regime. An seiner Seite die bestechend charmante Eva-Maria Hagen, die ebenfalls auf ein bewegtes Leben auf Bühne und Leinwand zurückschauen kann, wobei sie bereits 1956 nach Westberlin übersiedelte. Die Rache-Gang der Beiden wird durch Walter Giller in der Rolle des Siegfrieds und Nadja Tiller in der Rolle des Hildchen bereichert. Leander Haußmann selbst mischt im Cast kräftig mit als Johanns Sohn, der plant, den eigensinnigen Vater durch eine Generalvollmacht zu entmündigen.

AVIVA-Tipp: Ein modernes Märchen für Erwachsene: Es ist nie zu spät für Liebe, Lebenslust und das Glück vom eigenen Heim und wenn man es richtig macht, rockt es dann auch für alle Ü80 noch gewaltig! Als besonderes Highlight tauchen die drei britischen Rockabilly-Geschwister Kitty, Daisy And Lewis bei einer Altersheim-Party auf und auch der restliche Soundtrack swingt dank James Lasts Einsatz munter los.
Der Film startet exakt am Familienfest-Tag in den deutschen Kinos. Ob er eine geeignete Alternative zum Generationenkonflikt unter dem Tannenbaum ist, kann nicht garantiert werden, aber als heiteres CineastInnen-Bonbon für zwischen den Jahren ist er 100prozentig empfehlenswert.

Dinosaurier - Gegen uns seht ihr alt aus!
Deutschland 2009
Regie: Leander Haußmann
Drehbuch: Mark Kudlow
Nach dem Film "Lina Braake" von Bernhard Sinkel
DarstellerInnen: Eva Maria Hagen, Ezard Haußmann, Daniel Brühl, Hans Teuschner, Walter Giller, Nadja Tiller, Horst Pinnow, Ralf Wolter, Tom Gerhardt, Heinz Meier, Ingrid van Bergen, Leander Haußmann, Steffi Künert, Bernhard Schütz, Anja Karmanski, Benno Fürmann, Simon Böer
Länge: 105 Minuten
Verleih: Constantin Film
Filmstart: 24.12.2009

Mehr zum Film: www.dinosaurier.film.de


Kultur Beitrag vom 20.12.2009 AVIVA-Redaktion 

   




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