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AVIVA-BERLIN.de im Oktober 2017 - Beitrag vom 14.02.2002

Interview mit Catherine Millet
Anne-Catherine Coppens

Die Autorin des Romans "Das sexuelle Leben der Catherine M." und Chefredakteurin der Art Press ist nicht nur Schriftstellerin, sondern gilt auch als Yves Klein-Expertin.



AVIVA-BERLIN traf die 53j├Ąhrige im Berliner Four Seasons Hotel zum Gespr├Ąch.

AVIVA-Berlin: Wenn man ein kurzes Res├╝mee nach der Ver├Âffentlichung des Buches zieht, und sich die Kritiken anschaut, findet man sehr oft, ja sogar ├╝berall, die gleichen Formulierungen wie die "lineare Dramaturgie", die "eiskalte Monotonie", die "klinische Rohheit", die "pornographische Sprache", die "Provokation", der "Exhibitionismus einer Frau, die ├╝ber ihre sexuelles Leben spricht", oder gar einfach "Sex". Wenn Sie diese Kritiken lesen und sich die Reaktionen anh├Âren, f├╝hlen Sie sich "verstanden" in Ihrem Projekt? F├╝hlen Sie sich best├Ątigt in dem, was Sie geschrieben haben?
Catherine Millet: Es ist schwer, eine globale Antwort darauf zu geben. Die Anzahl der Leser - 300000 sind es allein in Frankreich - schlie├čt eine gro├če Diversit├Ąt ein. Ich sage zwar oft, ich w├Ąre keine Demagogin, aber (lacht) ich habe den Eindruck, dass die Reaktion des Publikums im weitesten Sinne des Wortes - ob spontane Reaktionen in den Begegnungen, so wie gestern Abend (Lesung bei ), oder einfach auf der Strasse - eine viel "bessere" Lekt├╝re des Buches beweist, als manche Zeitungsartikel es glauben lassen.
Zum Thema "falsche" oder "richtige" Lekt├╝re des Buches: Die richtigste war f├╝r mich die von Philippe Sollers , einem franz├Âsischen Journalisten von "Le Monde". In einigen Artikeln, nicht nur in Le Monde, und in Interviews hat er die Sache - aus meiner Sicht - sehr richtig zusammengefasst, in dem er sagte (L├Ącheln):
Na gut, M├Ąnner haben sich schon immer Fragen ├╝ber die "Black Box" der weiblichen Sexualit├Ąt gestellt. Catherine Millet hat jetzt diese Box ein wenig ge├Âffnet und man muss einfach feststellen: Da drin gibt es nicht viel!!! Also,es gibt wenig zu entdecken (Lachen)...
Genau das ist meine Intention: Den Mythos zu entmystifizieren.
Ich glaube nicht, dass es ein Geheimnis gibt, weder in dem weiblichen noch in dem m├Ąnnlichen sexuellen Spa├č, aber wir stehen ja alle vor diesem gro├čen Enygme des Spa├č des anderen: Hat der andere mehr, weniger Spa├č als ich? Hat der Mann, den ich liebe, mehr Spa├č mit einer anderen Frau als mit mir, und umgekehrt f├╝r einen Mann, hat die Frau, die ich liebe, mehr Spa├č mit einem anderen Mann als mit mir? Man wird sich immer diese Frage stellen...

AVIVA-Berlin: Auch unabh├Ąngig vom anderen Geschlecht? Was ist, wenn eine Frau mit einer Frau zusammen ist, oder ein Mann mit einem Mann? Stellt man sich auch dann diese Frage, ob es noch dieses R├Ątsel zu dem Spa├č des anderen gibt?
Catherine Millet: Nein, ich glaube, das ist mehr von einem Geschlecht zu dem anderen, immerhin...

AVIVA-Berlin: .. immerhin ist es aber keine Selbstverst├Ąndlichkeit..
Catherine Millet: Nein, sicherlich nicht.. aber so meinte ich das.

AVIVA-Berlin: Ich bin zwar fest von Ihrer F├Ąhigkeit ├╝berzeugt, sehr wahrheitsgem├Ą├č, ehrlich und, sagen wir, pragmatisch zu berichten, was Sie erlebt haben. Jetzt m├Âchte ich jedoch Sie in die Lage versetzen zu abstrahieren. Wie w├╝rden Sie als Kritikerin ├╝ber ein solches autobiographisches Projekt einer Frau, die ihr Sexleben so methodisch und stringent berichtet, reagieren? Was w├╝rden Sie dar├╝ber schreiben?
Catherine Millet: Wenn ich ein mehr oder weniger ├Ąhnliches Buch zu rezensieren h├Ątte?

AVIVA-Berlin: Ja, genau!
Catherine Millet: ├ä├Ąh.. Ich glaube, ich w├╝rde zuerst mal die literarische Qualit├Ąt beurteilen.. Als ich letzte Woche Paris verlassen habe, habe ich ein Buch ├╝ber das Sexualleben der Franzosen bekommen. Ich habe es aber nur durchgebl├Ąttert. Der Autor hat viele Interviews durchgef├╝hrt. Leute, die ├╝ber Ihr Leben erz├Ąhlen, und das ist immer sehr interessant. Aber - und vielleicht deswegen interessiere ich mich f├╝r Literatur - ich denke, dass Literatur, also die Gestaltung durch eine k├╝nstlerische Arbeit, der Stil des Schreibens, es erst erm├Âglicht, in der Suche der Wahrheit weiter zu gehen. Ich glaube nicht, dass ein rohes "Zeugnis", eine spontane Aussage, egal wie ehrlich sie ist, eine richtige Wahrheit enth├Ąlt. Ich denke, um diese Wahrheit zu erreichen, muss man eine Arbeit leisten - also wenn man schreibt, eine Schreibarbeit. Als Kritikerin sch├Ątze ich zuerst die literarische Qualit├Ąt, um mehr oder weniger dem richtigen Inhalt zu vertrauen.

AVIVA-Berlin: Um Wahrheit handelt es sich in Ihrer Arbeit sehr. Sie bem├╝hen sich darum, ehrlich zu sein. Ist das der Grund, warum Sie unter Ihrem Namen geschrieben haben? Warum haben Sie nicht unter einem Pseudonym geschrieben? Ihr Name ist ja schwer trennbar von Ihrem Beruf, Ihrer Funktion, Ihrer beruflichen Reputation, und ich frage mich, ob der Name eine Rolle spielt, wenn Sie letztendlich ├╝ber die weibliche Lust schreiben wollten, h├Ątte nicht einfach der Bericht einer Frau gereicht?
Catherine Millet: Nein, ich habe immer gesagt, mit meinem Namen will ich sogar mehr Glaubw├╝rdigkeit einbringen. Gerade weil ich einen beruflichen Ruf hatte, k├Ânnte man denken, dass ich ein Risiko eingehen w├╝rde, indem ich dieses Buch ver├Âffentlichte. Im Endeffekt geht man solche Risiken nur ein, wenn sie es einem wert sind. Und genau das ist es f├╝r mich. Ich hatte ehrlich gesagt auch keinen Grund, mich zu verstecken, nicht vor einer beruflichen Instanz, oder vor einer Familie, die ich nicht habe. Vor keiner dieser moralischen Autorit├Ąten. Was h├Ątte also ein Wandschirm, ein Pseudonym gebracht? Wei├č ich nicht. Es war wichtig f├╝r mich, als Unterzeichnerin des Buches zu erscheinen, gerade weil ich nicht in der Sexbranche besch├Ąftigt bin. Ich bin eine normale Frau, bin Journalistin, in der klar definierten Spezialisierung der zeitgen├Âssischen Kunst. Es war mir wichtig zu zeigen, dass man eine solche Sexualit├Ąt f├╝hren kann, auch neben einer beruflichen Karriere, wie viele andere Frauen auch, ohne eine Sex-Fachfrau zu sein!! Es gibt viele Berichte in Frankreich, wie zum Beispiel den von Raffaela Anderson in Frankreich, die ├╝ber ihre Porno-Karriere erz├Ąhlt. Es wird sicherlich anders wahrgenommen - man sieht, dass ich keine Karriere darin gemacht habe, sondern woanders. Ich bin eine Bourgeoise, voil├á.. (lacht).

AVIVA-Berlin: Zwischen nicht verstecken m├╝ssen und zeigen wollen gibt es aber eine gro├če Skala. Hatten Sie ein anderes Bed├╝rfnis, dieses Buch zu schreiben, als nur die m├Ąnnlichen Fragen ├╝ber die weibliche Sexualit├Ąt beantworten zu wollen? Sie sagten, dass Sie dieses Buch geschrieben haben, weil Sie von Ihrer m├Ąnnlichen Umgebung aufgrund Ihrer Erfahrung aufgefordert wurden, eine Antwort zu publizieren..
Catherine Millet: Selbstverst├Ąndlich habe ich die Idee des Buches selbst gehabt, es war nicht nur auf die dringende Bitte meiner Umgebung, aber ich wollte dadurch diese Antwort an M├Ąnner geben, indem ich das Einverst├Ąndnis anderer Frauen gesucht habe. Ich meine damit: Mein pers├Ânlicher Bericht hat korrigiert, widersprochen und nuanciert, was bisher ├╝ber das weibliche Sexualleben gesagt worden ist und bisher sehr oft von M├Ąnnern dargestellt wurde...(lacht) Ein Einverst├Ąndnis... wenn ich zum Beispiel im Publikum sehe, wie einige Frauen zustimmend den Kopf sch├╝tteln!

AVIVA-Berlin: .. sicherlich nicht feministische Frauen...
Catherine Millet: .. in Deutschland spielen sie sicherlich eine gr├Â├čere Rolle, aber ich verstehe kein Deutsch! In Frankreich habe ich nichts dazu gelesen.. In den USA ist das Buch noch nicht erschienen, das wird auch interessant. In der amerikanischen Vogue - und da sind kaum emanzipierte Frauen vertreten - (lacht) war der erste Artikel ├Ąu├čerst positiv.

AVIVA-Berlin: Sie sagen zweimal in Ihrem Buch, "mit einer Frau hat es weniger Folgen", einmal sagen Sie es selbst, einmal sagt es eine Freundin von Ihnen. Was meinen Sie damit? Warum ist es so f├╝r Sie?
Catherine Millet: (am├╝siert und vergn├╝gt) Ah!! (Gro├če Pause) Sie lassen mich ├╝ber Dinge nachdenken, wor├╝ber ich noch nicht nachgedacht habe!! Ich glaube, ich h├Ątte nicht den Eindruck, einen Geschlechtsverkehr mit einer Frau v├Âllig zu erf├╝llen..

AVIVA-Berlin: Das sehen Sie also sehr unter dem physischen Blickwinkel..
Catherine Millet: Ja, genau, weil es kein Eindringen gibt.. Heutzutage, in unseren Mentalit├Ąten, aus der Sicht heterosexueller Frauen, wird Geschlechtverkehr mit einer anderen Frau oft nicht als vollst├Ąndig betrachtet werden.. Wissen Sie, es gibt zur Zeit ganz interessante Diskussionen. Auch die Clinton-Aff├Ąre hat dazu beigetragen. Gab es Geschlechtverkehr, ja oder nein? Oder war es nur eine Fellatio? In Frankreich wurde das Gesetz ├╝berarbeitet. Zum Beispiel kann es nur eine Vergewaltigung geben, wenn es ein Eindringen bei dem Verkehr gab, egal, welches Objekt dazu gebraucht wurde... Das ist ja eine bedeutende Frage, die junge M├Ądchen auch sehr besch├Ąftigten, die sich sch├╝tzen wollen: Ab wann gibt es dann ├╝berhaupt Geschlechtverkehr?? Geschlechtverkehr wird gegebenenfalls abgelehnt, Fellatio eher weniger... Danach stellt man fest, dass es vielf├Ąltige Definitionen daf├╝r gibt.. (lacht)

AVIVA-Berlin: Im Endeffekt soll jeder f├╝r sich entscheiden, ab wann es Geschlechtverkehr gab oder nicht.
Catherine Millet: Ja, genau!

AVIVA-Berlin: Ich komme auf Rafaella Anderson zur├╝ck und auf all die Schriftstellerinnen, die den Verlagen in Frankreich zur Zeit sch├Âne Tage bescheren wie Christine Angot, Catherine Breillat, Virginie Despentes.. F├╝hlen Sie sich irritiert, wenn man Sie in den gleichen Sack steckt?
Catherine Millet: Nein, ├╝berhaupt nicht, im Gegenteil. Mein Buch nimmt auch seinen Platz in dieser Bewegung ein. Ich habe eine gro├če Sympathie f├╝r Christine Angot, die bewundere ich sehr, genauso wie Catherine Breillat ├╝brigens. Ich f├╝hle mich sehr solidarisch dabei.

AVIVA-Berlin: Diese B├╝cher benutzen aber eine sehr pornographische Sprache, das ist eigentlich nicht Ihre Vorgehensweise..
Catherine Millet: Sicher gibt es bei mir keine Gewalt oder Aggressivit├Ąt, ich habe nicht die gleiche Einstellung. Aber sie haben alle recht, das zu tun, was sie tun.

AVIVA-Berlin: Nach dem Riesenerfolg Ihres Buches ist es h├Âchstwahrscheinlich, dass einige Filmproduzenten sich an Sie wenden werden... K├Ânnen Sie sich vorstellen, das Buch verfilmen zu lassen, in den Kinos zu zeigen?
Catherine Millet: Es gab einige Kontakte, die noch nichts Konkretes ergeben haben. Ich habe einige Zweifel, aber warum nicht, vielleicht habe ich nicht ausreichend Vorstellungsverm├Âgen daf├╝r.. Ich habe keine Ahnung, wie das aussehen k├Ânnte. Ich bin allerdings sehr neugierig, ich m├Âchte gerne sehen, was Profis daraus machen w├╝rden.Ich denke, dass ich sogar kaum darauf Einfluss nehmen w├╝rde, ich w├╝rde sie mit gro├čer Neugierde machen lassen. Ich finde das sehr interessant - wie w├╝rden sie das verwandeln??

AVIVA-Berlin: Also keine stringente Adaption?
Catherine Millet: ...Nein .. eher eine Verwandlung..

AVIVA-Berlin: K├Ânnten Sie sich vorstellen, in diesem Film Ihre Rolle zu spielen?
Catherine Millet: (schallendes Gel├Ąchter) Nein, nein... (kurzes Schweigen, ├╝berlegt) .. nein, a priori, nein.. ich m├Âchte diesen Abstand mit der Adaption behalten und dass meine physische Person auf dem Bildschirm nicht erscheint.

AVIVA-Berlin: Ein Film w├Ąre noch etwas anderes, etwas mehr, wie eine Parallele, ein neuer Blickwinkel. Und gleichzeitig w├╝rden die Bilder das Vorstellungsverm├Âgen der Zuschauer unmittelbar reduzieren.
Catherine Millet: Sie haben v├Âllig recht. Au├čerdem w├╝rde meine eigene Person im Film nur die Identifikation mit Catherine M. verst├Ąrken... Im Gegenteil habe ich jetzt den Eindruck, nach der Ver├Âffentlichung, der Mediatisierung des Buches und so weiter, dass ich mich eher davon entferne.

AVIVA-Berlin: Merci.



Lesen Sie hierzu auch die Rezension des Romas von Catherine Millet "Das sexuelle Leben der Catherine M."

Kultur Beitrag vom 14.02.2002 AVIVA-Redaktion 

   




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