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AVIVA-BERLIN.de im November 2017 - Beitrag vom 10.03.2005

L´esquive
Danielle Daum

Kechiches Film über das Leben, die Liebe und die Liebe zum Theater erhielt in Paris den César für den besten französischen Film, das beste Drehbuch sowie die beste Regie und Nachwuchsdarstellerin.



Nach Premieren auf renommierten europäischen Filmfestivals wurde der zweite Spielfilm des tunesischen Regisseurs Abdellatif Kechiche im Oktober 2004 auf dem
20. Internationalen Filmfestival in Haifa mit dem Golden-Anchor-Preis ausgezeichnet. Bei der Verleihung der französischen Filmpreise am Samstag Abend in Paris setzte sich "L´esquive" gegen "Mathilde" und "Die Kinder des Monsieur Mathieu" durch und gewann den César als bester Kinofilm des Jahres. Der 44-jährige Kechiche wurde zudem als bester Regisseur geehrt.

"L´esquive" ist Slang und bedeutet soviel wie ausweichen, sich vor etwas drücken, kneifen und genau das ist die permanente Situation, in der sich sowohl der 15-jährige Krimo wie auch seine Klassenkameradin Lydia befinden - einander gegenüber, aber auch im Verhältnis zu sich selbst.

Krimo (Osman Elkharraz) steht vor einem Dilemma. Er ist hoffnungslos Lydia (Sara Forestier) verliebt, bringt es aber nicht übers Herz, es ihr zu sagen und dass die beiden sich schon von klein auf kennen, macht es ihm nur noch schwerer. Krimo tut sich schwer, seine Gefühle zum Ausdruck zu bringen. Coolness hat im Umgang miteinander oberste Priorität. Um sich Lydia zu nähern, hat Krimo nur eine Möglichkeit. Die Klasse arbeitet an der Theateraufführung zu Marivaux´ Liebeskomödie "Das Spiel von Liebe und Zufall". Lydia spielt die weibliche Hauptrolle und blüht in ihrem Spiel regelrecht auf.
Krimo hat keine Wahl: er überzeugt einen Kumpel, ihm den männlichen Gegenpart des Harlekin zu überlassen, doch auf der Bühne fangen die Probleme für den eher introvertierten Krimo erst richtig an. Irgendwann muß er über den eigenen Schatten springen und sich Lydia offenbaren. Doch als er ihr endlich seine Liebe gesteht, zögert sie, kann sich nicht entscheiden...

Kechiche entwickelt sein Drama um die Proben zu Marivaux, doch das Drama weitet sich aus auf das Umfeld von Krimo und Lydia - Frauensache, Männersache, Freundinnen, Freunde, Gender-Konflikte. Er hat seinen Film mit LaiendarstellerInnen an Originalschauplätzen realisiert:

"Diese Vororte werden dermaßen stigmatisiert, dass es fast revolutionär erscheint, dort eine Geschichte anzusiedeln, bei der es nicht um Drogen, verschleierte Mädchen oder Zwangsheirat geht. Ich hingegen wollte verstehen, wie dort über die Liebe und auch das Theater geredet wird. Ich wollte eine andere, persönliche Sichtweise vermitteln."


L´esquive ist in der Tat kein rein sozialkritisches Werk. Nicht das Milieu der Pariser Vororte mit ihren Drogenproblemen und der Orientierungslosigkeit ihrer BewohnerInnen stehen im Mittelpunkt, sondern vielmehr der jugendliche Held, der mit dem Phänomen der Liebe und des Theaters verzweifelt zurecht zu kommen versucht. Nur einmal bricht das auf, was man einzig mit der Realität der Banlieue verbindet, als Schock, aus dem Nichts, von außen. Eine ganz alltägliche Polizeikontrolle mit einer Gewalttätigkeit, die durch nichts gerechtfertigt ist.

An die Stelle dieser Klischees setzt der Regisseur und Drehbuchautor Marivaux. Niemand geringeren also als den Dramatiker des 18. Jahrhunderts, der die Pariser Theaterwelt einst mit geistreichen Komödien voller Wortwitz unterhielt. Sein Hauptaugenmerk galt der Liebe und den psychologischen Veränderungen, die sie verursachte. Um diese szenisch zu durchleuchten benutzte Marivaux eine kunstvolle, stets poetische Sprache. Kechiche geht in L´esquive grundsätzlich genauso vor. Ähnlich wie im gespielten Stück Marivauxs benutzt Krimo eine Verkleidung, um sich seiner Angebeteten und den ZuschauerInnen zu öffnen. Der gesprochene französische Slang des Originaltons hat, ebenso wie die Sprache des barocken Dramatikers, seine eigene poetische Dimension. Unaufdringlich beobachtet Kechiche die Interaktionen, die Leidenschaften, die minutenlangen Tiraden und kommt seinen ProtagonistInnen dabei immer wieder sehr nah. Zur sentimentalen Auflösung des Liebesdramas aber kommt es nicht, die Geschichte verläuft sich wie im Sande.

AVIVA-Tipp:
L´esquive
selbst ist ein Spiel von Liebe und Zufall, das ganz wesentlich über die Sprache funktioniert. In wunderbarer Weise weckt Kechiche unseren Sinn für Nuancen, für Töne, fürs genaue Hinhören - selbst dann, wenn nicht jeder erkennt, welch wunderbares Französisch hier, nicht nur wenn Marivaux rezitiert wird, sondern auch in Form des Vorstadtslangs, gesprochen wird. Die Kunst fungiert in alldem sowohl als Befreiungsakt als auch als Weg zur Selbstentdeckung.

Zum Regisseur:
Abdellatif Kechiche,
geboren 1960 in Tunis, arbeitet seit den 80er Jahren als Schauspieler in Filmen u.a. von André Techiné und Abdelkrim Bahloul. Seine erste Regiearbeit, La Faute à Voltaire (2000), erhielt bei den Filmfestspielen in Venedig den Publikumspreis der Jugend. L´Esquive ist sein zweiter Spielfilm.



L´Esquive
Buch u. Regie: Abdellatif Kechiche

DarstellerInnen: Osman Elkharraz, Sara Forestier, Sabrina Ouazani, Nanou Benahmou, Hafet Ben-Ahmed, Aurélie Ganito, Carole Franck u.a.
Frankreich 2003, Französisch mit dt. Untertiteln
Dauer: 117 Min.
Kinostart: 10.03.2005

Kultur Beitrag vom 10.03.2005 AVIVA-Redaktion 

   




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