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AVIVA-BERLIN.de im Oktober 2017 - Beitrag vom 24.03.2003

Phaidras Liebe oder nur Sterben ist schöner!
Gaby Miericke-Rubbert

Phaidras Liebe in der Schaubühne am Lehniner Platz - ein Drama von Sarah Kane zum Auftanken winterlicher Restdepressivitität für potentielle SelbstmörderInnen und sonstige Wahnsinnshungrige



Mord oder Selbstmord? Das ist hier die Frage. Das Leben scheint angesichts des allgemeinen Grauens, der satten Langeweile und Sinnlosigkeit, des aussichtslosen Liebesschmachtens nicht angesagt. Ist das die zentrale Botschaft, mit der sich die britische Autorin Sarah Kane und ihrem eigenen dramatischen Freitod durch Erhängen von ihrer Nachwelt verabschieden wollte?

Schon der Prolog von Euripides, wo von der schlimmen Brut der einfältigen Frauen die Rede ist, währenddessen oben im Olymp die Liebesrachegöttin in Versen im Theaterblut duscht, stimmt das Publikum auf ein Drama von der besonders brutalen Art ein.

Dabei geht es doch eigentlich nur um Liebeskummer. Phaidra, seit Jahrzehnten von ihrem Gemahl Theseus, König von Athen, vernachlässigt und allein gelassen, verliebt sich unsterblich, nein sterblich in ihren 20 Jahre jüngeren Stiefsohn Hippolytos. Mit Durchhalteparolen wie " Vernunft muß siegen über dumpfem Trieb" und "Ehebruch bringt Unheil über die Frauenwelt" versucht sie, zum Sterben an Liebesleid bereit, es zu verhindern, Schande über die königliche Familie zu bringen.

Da ist guter Rat erfolglos. Die Amme meint zwar, dass Anstandsregeln eher lebensvernichtend als -erhaltend wirken und will durch ihre Ermunterung zum Ehebruch den Tod der Liebenden verhindern. Und die Tochter versucht der Mutter das Objekt ihrer Begierde madig zu machen, weil sie aus eigener inzestuöser Erfahrung weiß, dass ihr Halbbruder ein "sexuelles Katastrophengebiet" ist.

Und dann steigt der heiß umsehnte Hippolytos mithilfe beeindruckender Hebe- und Schwebemechanik aus dem Theaterkeller ins Erdgeschoß der Bühnenrealität und wir ZuschauerInnen können es nicht fassen: dieser dekadente, menschenverachtende und zynische Langweiler soll der Grund für Phaidras verzehrende Leidenschaft und Todessehnsucht sein.

Zwischen Kissenschlacht, Fellatio und sonstigem sinnlosen Zeitvertreib erhält Phaidra einen Korb der Zurückweisung von Hippolytos und zieht sich resigniert in den Tod zurück, nachdem sie ihren Stiefsohn vorher noch der Vergewaltigung bezichtigt hat.

Das ist der Auftakt zum endgültigen Familiengemetzel: Phaidra hat sich erhängt. Hippolytos wird vom Mob kastriert und aufgeschlitzt, sein Hoden wird einem Schäferhund als Leckerli zum Fraß hingeworfen. Der spät heimgekehrte Theseus geilt sich angesichts der toten Gemahlin auf, vergewaltigt die erstbeste Frau, die ihm über den Weg läuft, das ist fatalerweise seine Tochter, und schneidet ihr dann noch die Kehle durch.

Das wert- und belanglose Leben aller Hauptfiguren hat endlich ein Ende gefunden. Die Frage nach der Botschaft dieses Stückes bleibt allerdings bis zum blutigen Schluß offen.

Die Inszenierung scheint zwar symbolträchtig, deren Interpretation will sich allerdings nicht so recht erschließen. Die Kostüme in rot, weiß, grau oder schwarz gehalten, eine überdimensionierte rote Schleppe, in die Phaidra sich und andere immer wieder einwickelt, der Indianerfederschmuck des Angehimmelten, alles zwar sehr theatralisch, aber plakativ und beliebig. Die Schwebebühnen, die aufwendige Gestaltung des überladenen Kinderzimmers als Tipi zwischen Videokamera, Pin-up-Wand und Tischtenniskellen, die vielen Blutkonserven, der Schäferhund - viel Aufwand, wenig Tiefgang.

Das Gespann Kane und Paulhofer transportiert ein düsteres bis resigniertes Frauenbild, das trotz Plateauschuhen und Popcorn nicht so recht den Anspruch einlöst, der antiken Tragödie eine aktuelle Sinnhaftigkeit zu verleihen.

Und wir, die Hinterbliebenen, sind entsetzt bis ratlos: Soll das die Aufforderung zur kollektiven Depression sein? Hippolytos´ kraftvoller Sprung aus der Hölle des Grauens, eine meterhohe Betonmauer überwindend, um sich im Olymp endlich mit Phaidra zu vereinen, könnte am Ende doch noch auf eine optimistische Message einschwenken.

So fallen die übrigen DarstellerInnen schlußendlich grinsend aus ihren Leichen-, bzw. Mörderrollen und verspüren, gemeinsam mit den ZuschauerInnen, Erleichterung durch die Erlösung von irdischem Liebes- und Weltschmerz. Sie lächeln angesichts der beeindruckenden Sportlichkeit des wiederauferstandenen, gen Himmel gesprungenen jungen Mannes und möchten gern, wenn schon nicht an ein Leben, so doch an die Liebe nach dem Tod glauben.



Phaidras Liebe von Sarah Kane
Deutsch von Sabine Hübner
Regie: Christina Paulhofer
Bühne: Alex Harb
Kostüme: Caritas de Wit
Musik: Sylvain Jacques
DarstellerInnen: Thomas Bading, Lars Eidinger, Corinna Harfouch, Julika Jenkins, Ronald Kukulies, Linda Olsansky, André Szymanski
Schaubühne am Lehniner Platz
Kurfürstendamm 153
10709 Berlin
Weitere Aufführungen im April: 16., 18., 19., 21. + 22.4.2003
Karten telefonisch bestellbar unter: 030- 89 00 23
oder online bei www.berlin.de
www.schaubühne.de

Kultur Beitrag vom 24.03.2003 AVIVA-Redaktion 

   




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