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AVIVA-BERLIN.de im Oktober 2017 - Beitrag vom 18.05.2003

Lateinamerikanisches Kino auf dem Vormarsch
Kirsten Eisenberg

"City of God" ist paradoxerweise der Name jener Favela am Rande Rios, in der Gewalt und Drogen den Alltag beherrschen - Thema des gleichnamigen Films von Fernando Meirelles



"Wo willst Du die Kugel hinhaben? Hand oder Fu├č?"
Diese Frage kommt nicht etwa aus dem Mund eines fiesen Mafiabosses, sondern wird von einem 18j├Ąhrigen Drogendealer an einen Knirps von 4 Jahren gerichtet.
Die Szenen im Film des brasilianischen Regisseurs Fernando Meirelles sind schockierend. Am liebsten w├╝rde man verdr├Ąngen, dass es sich hier um authentische Erlebnisse handelt. Der Fotograf Paulo Lins lieferte mit seinem autobiografischen Roman die Vorlage f├╝r "City of God".

Lins wuchs in den 60er/ 70er Jahren selbst in der brasilianischen Favela mit dem fast paradiesisch anmutenden Namen auf. Doch was nach Palmen und Idylle klingt, ist in Wahrheit Armut und Brutalit├Ąt eines Slums im Schatten des Zuckerhutes. Paulo lernte schnell, dass man sich an die ungeschriebenen Gesetze der Bandenchefs und den Sumpf aus Bandengesetzen, Gewalt und Korruption besser gew├Âhnt, wenn man ├╝berleben will.
In seinem Film verarbeitete Meirelles nun die knallharten Kindheits- und Jugend-Erinnerungen des Schriftstellers.

Erz├Ąhlt wird die Geschichte einer Bande von Jungs, die zu Beginn einfach nur unbeschwerte, fu├čballspielende Teenager sind. Doch L├Âckchen (Leandro Firmino da Hora), Karotte, Ben├ę (Phelipe Haagensen) und all die anderen Halbw├╝chsigen entwickeln sich im Laufe der 70er und 80er Jahre zu ber├╝chtigten Killern und Drogenbossen, die ihr Revier mit brutaler H├Ąrte und ganzen Bergen von Munition kontrollieren.
Wer aufmuckt, kriegt eine Kugel in den Kopf, auch wenn er eben noch ein Freund war.

Die Kinog├ĄngerInnen erleben diese Halbwelt aus der Sicht des jungen Buscap├ęs (alias Paulo Lins, gespielt von Alexandre Rodrigues), der mit seiner Sanftm├╝tigkeit so gar nicht zum knallharten Gangster taugt. Irgendwie mogelt er sich trotzdem durch, macht sich in brenzligen Situationen unsichtbar und entwickelt nebenbei seine Leidenschaft f├╝r die Fotografie. Was mit harmlosen Schnappsch├╝ssen seiner Freunde am Strand beginnt, wird schlie├člich zu einer Fahrkarte aus einem hoffnungslosen Dasein...

Wie Buscap├ę in der fiktiven Welt des Kinos hatte Paulo Lins das au├čergew├Âhnliche Gl├╝ck, die City of God dank seines Talents verlassen zu k├Ânnen. Diese Chance ist im Regelfall allerdings fast gleich Null, was der Film unmissverst├Ąndlich anhand der Figur Ben├ęs verdeutlicht: Seine Abschiedsparty, die den Ausstieg aus der Szene und den Neuanfang au├čerhalb der City of God zusammen mit seiner Freundin Ang├ęlica beschlie├čen soll, endet auf tragische Weise.

Sch├╝chtern flirtet Buscap├ę mit Ang├ęlica, ausgelassene Teenager albern fr├Âhlich am Traumstrand von Rio. Im Kontrast zu diesen idyllischen, "normalen" Bildern zeigt Meirelles die gleichen Kids in erbitterten Ghetto-Schie├čereien als kalte M├Ârder. Die Schockwirkung ist umso gr├Â├čer, denn die ZuschauerInnen verbindet ein St├╝ck Sympathie mit den Jugendlichen.

Irgendwann im Laufe des Films stumpft und schaltet man leider ab. Keiner kann wohl nach Verlassen des Kinos sagen, wie viele Menschen da sozusagen im Vorbeigehen und manchmal sogar aus "Spa├č" abgeknallt worden sind. Selbst wenn wirklich alles der Realit├Ąt entspr├Ąche, h├Ątte auch hier der gute, alte Satz "Weniger ist mehr" gegolten. Reagiert man anfangs auf die Brutalit├Ąt noch voller Entsetzen, rei├čt einen das Gemetzel der letzten Minuten kaum noch aus dem Gef├╝hl der Resignation heraus.

Der Film ist neben der inhaltlichen Seite besonders hinsichtlich der Kameratechnik und des Drehbuchs ein Meisterwerk. Personen werden zun├Ąchst vorgestellt und Neugierde beim Zuschauer gesch├╝rt, bevor der Hinweis "Doch seine Geschichte ist noch nicht dran" den Film wieder in eine ganz andere Richtung und Zeitspanne lenkt. Mit Zooms, schnellen Schnitten und wackeligen Bildern werden die ZuschauerInnen bis zur Atemlosigkeit durch die Strassen der Stadt Gottes gejagt.
In seiner Geschwindigkeit und Schonungslosigkeit "Amores Perros" ganz ├Ąhnlich, geh├Ârt auch "City of God" zu den Aush├Ąngeschildern eines neuen, aufstrebenden lateinamerikanischen Kinos.

Der Film macht auf ein r├╝ckst├Ąndiges, willk├╝rliches System aufmerksam, in welchem man ohne Kriminalit├Ąt im Netz von Drogendealern, korrupten Polizisten und Journalisten nicht existieren kann. W├Ąhrend am Ende einer der beiden Drogenbarone verhaftet wird, damit man den Medien ausreichend Material liefern kann, schenkt man dem anderen die Freiheit. Denn einer mu├č schlie├člich daf├╝r sorgen, da├č die schmutzigen Gesch├Ąfte zwischen den "Gesetzesh├╝tern" und der Drogenwelt auch weiterhin reibungslos verlaufen.

Der neue brasilianische Pr├Ąsident Lula wurde nicht zuletzt durch den Film zu einem idealistischen Vorhaben angeregt:
Er will den Drogenkrieg durch eine Sanierung der Slums von Rio beenden.
Man kann nur hoffen, dass es sich hierbei nicht um ebenso berechnende Polit-PR handelt, wie sie auch der Film zeigt.




City of God/ Cidade de Deus
Regie: Fernando Meirelles
Mit: Alexandre Rodrigues, Leandro Firmino de Hora, Ph├ęlipe Haagensen
Brasilien, Frankreich, USA 2002
Farbe, 128 Minuten
Kinostart: 8. Mai 2003

Kultur Beitrag vom 18.05.2003 AVIVA-Redaktion 

   




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