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AVIVA-BERLIN.de im Oktober 2017 - Beitrag vom 16.02.2006

Mur - Mauer
Daniela Krebs

Simone Bittons Dokumentarfilm betrachtet die vergehende Schönheit des Landes Israel durch den Bau der Mauer und zeigt eindrucksvoll die Gefühle und Eindrücke der betroffenen Menschen.



Die israelische Pazifistin und Dokumentarfilmerin Simone Bitton kämpft mit den Mitteln des Films für ihre Überzeugungen. In einem früheren Film, "L´Attentat" (Das Attentat, 1998), kritisierte sie die gewaltsamen Kampfformen des palästinensischen Widerstands. Sie dokumentierte die Situation in Jerusalem nach einem palästinensischen Selbstmordattentat, erlebte die Trauer der israelischen Opfer-Familien mit, besuchte aber auch die Familien der palästinensischen Selbstmordattentäter.

In dem Dokumentarfilm "Mauer" geht sie auf die israelische Politik des Mauerbaus zwischen Israel und den besetzten Gebieten ein. Sie begleitet in Wort und Bild den Beginn und die Entwicklung der Arbeiten an der Mauer. Simone Bitton geht mit ihrer Kamera auf die Straße und beobachtet, fragt Menschen nach ihren Gefühlen und Meinungen. Sie redet sowohl mit enteigneten palästinensischen Bauern, israelischen SiedlerInnen, resignierten KibbuzbewohnerInnen, als auch mit den irakischen Bauarbeitern und dem Betonfabrikanten.

Die Autorin Simone Bitton ist selbst im Film nicht zu sehen. Ihre Stimme ist stets nur aus dem Off zu hören. Teilweise werden auch ihre GesprächspartnerInnen nicht im Bild gezeigt, da sie sich vor Repressionen fürchten.

Der Abteilungsleiter im israelischen Verteidigungsministerium beschreibt alle Details und Raffinessen des riesigen Bauprojekts. Er erzählt von den technischen und finanziellen Hintergründen und wirkt selbst begeistert davon, wie durchkonstruiert der Bau ist. Er zählt die verschiedenen Sicherungsmaßnahmen auf, das Zusammenspiel der verschiedenen Kameras, elektrischen Sensoren und Radaren.

Nicht so optimistisch spricht ein israelischer Siedler vom Mauerbau. Er erzählt eine Geschichte, die sich vor einigen Monaten ereignet hatte: Zwei kleine israelische Kinder spielten in einem See, der zwischen dem israelischen und einem palästinensischem Dorf liegt. Als ein palästinensischer Anwohner beobachtete, dass die Kinder Probleme hatten, wieder ans Ufer zu kommen und drohten, zu ertrinken, rettete er die beiden, ertrank dabei jedoch selbst.
Der israelische Siedler wollte daraufhin eine Annäherung zwischen den beiden Dörfern erreichen, um dem Mann ihren Dank und ihre Anerkennung zukommen zu lassen. Doch durch den Beginn der Intifada wurde diese Annäherung zunichte gemacht.

Visuell bleibt der Film stets an der Mauer. Er begleitet sie und beinhaltet sie als durchgehendes Motiv. In etlichen Fahrten entlang der Mauer erkennt mensch die Dimensionen des riesigen Bauwerks und erlebt die scheinbare Undurchdringbarkeit unmittelbar mit.

Am Ende des Films steigen Menschen über die Mauer und reichen Babys über den Stacheldraht. Diese Schlussszene symbolisiert Simone Bittons Hoffnung, dass die menschliche Freiheit nicht einengbar ist und sich stets doch einen Weg durch die Grenze sucht.

2004 bekam Simone Bitton für "Mauer" den Großen Preis des Dokumentarfilm-Festivals in Marseille, den Preis für den besten Dokumentarfilm beim Festival Jerusalem 2004 und den Spezialpreis der Jury beim Sundance Film Festival 2004.

Der Dokumentarfilm geht leider nicht auf den "Erfolg" des Mauerbaus ein, da er dessen Vollendung zeitlich nicht mehr mitverfolgt. So wird bei all den Schicksalen übersehen, dass die Mauer tatsächlich die Anzahl der Selbstmordattentate gegen Israelis gesenkt hat. Der Film behandelt nur die Frage, wie die AnwohnerInnen mit dem Bau der Mauer umgehen und wie sie sich dadurch fühlen. Die Auswirkungen und Ziele, bzw. alternative Möglichkeiten, den Konflikt zu lösen, werden nicht angeboten.

Über die Autorin:
Simone Bitton
bezeichnet sich selbst als arabische Jüdin. Sie wurde 1955 in Marokko geboren und siedelte mit ihrer Familie 1966 nach Jerusalem über. Als Soldatin der israelischen Armee beteiligte sie sich am Yom-Kippur-Krieg (1973). Nach diesen militärischen Erfahrungen kehrte sie dem Militarismus den Rücken und wurde zur pazifistischen Filmemacherin. Sie lebt seit langem in Paris.

AVIVA-Tipp: Ein sehr ruhiger und nachdenklicher Film, der der Zuschauerin noch viel Zeit zum Nachdenken lässt. Beeindruckend und aussagekräftig, ein Plädoyer, Grenzen und Mauern nicht zu akzeptieren.
Der Konflikt um den Bau der Mauer wird nicht aggressiv angegangen, sondern sanft eingeführt und anhand einiger betroffener Menschen gefühlvoll verdeutlicht. Simone Bitton zeigt die Mauer als eine Grenze, die von beiden Seiten als störend wahrgenommen wird. Eine Grenze, die Menschen einzuengen und abzugrenzen versucht und es doch nicht schafft, individuelle Freiheit auszuschließen.



Mauer
Ein Film von Simone Bitton

96 Minuten
Frankreich/ Israel 2005
Sprache: arabisch / hebräisch, mit deutschem Untertitel
Regie, Idee: Simone Bitton
Musik: Jaques Bouquin
60 Minuten Extras
VÖ: 25. November 200590008115&artiId=5156537"


Kultur Beitrag vom 16.02.2006 AVIVA-Redaktion 

   




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