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AVIVA-BERLIN.de im Dezember 2017 - Beitrag vom 23.02.2006

Der Rote Kakadu
Christiane Müller

Wie lebte und liebte die DDR-Jugend 1961 kurz vor dem Berliner Mauerbau? "Der Rote Kakadu" von Dominik Graf ist spannende Zeitreise und rührende Lovestory zugleich. Mit Jessica Schwarz.



DDR, April 1961. Es sind noch vier Monate bis zum Bau der Berliner Mauer.
Der junge Siggi (Max Riemelt) zieht zu seiner Tante Hedy (Ingeborg Westphal) nach Dresden, um am dortigen Theater zu arbeiten. Er will Bühnenbildner werden und träumt von einem Studium an der Theaterhochschule. Schon bald begegnet ihm die hübsche Luise (Jessica Schwarz) in einem Park. Sie beobachtet eine Gruppe junger Leute, die Rock n Roll und Twist tanzen – ohne Musik. Die Begeisterung ist groß, als einer von ihnen endlich den ersehnten Kofferplattenspieler anschleppt und die ersten Klänge von Elvis´ "Jailhouse Rock" ertönen. Doch die kleine Schallplatte hat sich kaum ein paar Mal gedreht, da wird mit einem Knüppel auf den Plattenspieler eingedroschen. Volkspolizisten und Stasi-Leute in Zivil kommen plötzlich von allen Seiten angerannt und prügeln brutal auf die flüchtenden jungen Männer und Frauen ein. Auch Luise wird geschlagen und kann mit Siggi knapp entkommen. Auf der Flucht lernt er auch Luises lebenslustigen Mann Wolle (Ronald Zehrfeld) kennen und sie verabreden sich für den Abend im Tanzclub "Der Rote Kakadu".

Bereits bei dieser Szene ahnen die ZuschauerInnen: Siggi, Wolle und Luise werden bald ernste Schwierigkeiten bekommen. Wenn bereits das Tanzen zur Musik des "Klassenfeindes" als antisozialistisch rücksichtslos verfolgt wird, wie soll das Leben in der Stasi-kontrollierten DDR für die freiheitsliebenden ProtagonistInnen weitergehen?
Doch zunächst überwiegen die Sorglosigkeit, der Lebenshunger und die jugendliche Gier nach Amüsement, obwohl die staatlichen Repressalien bereits den gesamten Alltag beherrschen. Sie feiern und tanzen im angesagten "Kakadu", als wenn es keine ständige Überwachung gäbe. Um dort überhaupt als Gast hineinzukommen, stiehlt Siggi seiner Tante Meißner-Porzellanfiguren und verkauft sie in West-Berlin. Nun hat er Geld, um Luise und ihre Clique zu beeindrucken. Längst hat sich der nette Junge in die verheiratete Hobby-Lyrikerin verliebt. Während Siggi oft daran denkt zu fliehen (1961 flohen täglich 2.000 Menschen in die Bundesrepublik), kommt das für die überzeugte Sozialistin Luise (noch) nicht in Frage.

"Willst du Sarotti-Schokolade oder willst du hier was aufbauen?", fragt sie Siggi einmal. Doch der Traum vom gerechten System platzt natürlich. Die idealistische junge Frau, die ihren Lieblingsschriftsteller Heinrich Böll als das "Gewissen der Westdeutschen" verehrt, muss entsetzt feststellen, dass sie sich gewaltig etwas vorgemacht hat.
Ihr Mann, der sich einen Spaß daraus macht, Stasi-Funktionären Streiche zu spielen, wird eines Tages verhaftet. Siggi geht dummerweise mit seinem neuen Chef, der ein strammes SED-Mitglied ist, zu einem Trinkgelage und verplappert sich.
Das war´s dann mit dem Studium - ab in die harte Produktion ins Straßenbahndepot. Außerdem kommt er auf die romantische, aber wenig sinnvolle Idee, Luises Gedichte zu veröffentlichen, die für staatsfeindlich und dekadent gehalten werden.
Zum Schluss weiß keiner von der Clique mehr, wem er trauen kann, weil die Stasi skrupellos alle gegeneinander ausspielt. Für Siggi steht kurz vor dem 13. August 1961, dem Tag des Mauerbaus, fest: "Ich mache rüber!" Wird ihm seine geliebte Luise folgen?

Der neue Film von Dominik Graf ist eine atemberaubende Zeitreise in die Welt der jungen Erwachsenen in der DDR der frühen 60er Jahre.
Fast ist es überraschend, wie munter und lebenslustig es auch dort zu dieser Zeit offenbar zuging. Regisseur Graf ist es gelungen, auch die überschwänglichsten Szenen so zu drehen, dass sie nie albern wirken. Er sagte dazu in einem Interview mit der Filmverleihfirma X Verleih: "Ich glaube, einerseits ist es Lebensfreude aus Verzweiflung, weil man ahnt, in diesem Staat kommt womöglich nichts Besseres nach als das bisschen Freiheit, was man jetzt gerade erlebt. Andererseits dachten manche der jungen Leute sicher auch noch eine Weile "wir kriegen das schon wieder in den Griff". Alle fühlen sich zunächst noch wie in einem Internat, wo man den Lehrern auf der Nase herumtanzen kann. Die SED-Leute im Lokal sind zu Beginn eher Witzfiguren. Aber das ändert sich dann gewaltig."

Der aufwändig produzierte Film ist bis ins letzte Detail liebevoll ausgestattet. Graf dreht an Originalschauplätzen und ließ seine SchauspielerInnen und StatistInnen bei 40 Grad im "Kakadu" schwitzen. Die Figuren sind bis in die kleinsten Nebenrollen glaubwürdig besetzt. Es macht einfach Spaß, den beiden "Neuen" Max Riemelt (die European Film Promotion wählte ihn zum Shooting Star 2005) und Ronald Zehrfeld (spielte bisher Theater) zuzusehen. Riemelt als verliebter Siggi und Zehrfeld als temperamentvoller, sorgloser Wolle – beide haben eine starke Präsenz und sind hoffentlich noch oft zu sehen. Auch Jessica Schwarz (u.a. "Die Freunde der Freunde", "Kammerflimmern", "Verschwende deine Jugend") ist als romantische und mutige Luise absolut sehenswert.

Übrigens: Das Tanzlokal "Kakadu-Bar" gibt es tatsächlich. Es gehörte zu den Attraktionen des Parkhotels, das 1914 im Dresdner Villenviertel "Weißer Hirsch" eröffnet wurde. Berühmte Stars wie Heinz Rühmann oder Zarah Leander feierten hier in den 30er Jahren rauschende Partys. Zu DDR-Zeiten wurde dort neben dem üblichen Unterhaltungsprogramm auch Jazz, Blues und Rock n Roll gespielt, und die dadurch legendäre "Kakadu-Bar" war bei Live-Musik ständig überfüllt.
Heute ist das damals verstaatlichte Parkhotel wieder im Besitz der Alteigentümer und die Bar ist nur bei besonderen Anlässen geöffnet.

AVIVA-Tipp: Ein wirklich toller Film über die frühen Sixties in der DDR mit allen Zutaten, die großes Kino braucht: Liebe, Drama, Humor, mitreißende Musik, eine spannende Story, gute Schauspieler, authentische Geschichte. Nicht verpassen!

"Der Rote Kakadu" (X Verleih) startet am 16. Februar 2006 in den Kinos.


Deutschland 2006
Regie: Dominik Graf
Buch: Michael Klier, Karin Aström
DarstellerInnen: Max Riemelt, Jessica Schwarz, Ronald Zehrfeld u.a.
Länge: 128 Minuten

Weitere Informationen im Netz: www.roterkakadu.de


Kultur Beitrag vom 23.02.2006 AVIVA-Redaktion 

   




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