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AVIVA-BERLIN.de im Oktober 2017 - Beitrag vom 19.07.2003

Die Kurzlebigkeit einer Utopie
Sabine Grunewald

Architektonische Visionen des Expressionismus zeigt die Sonderausstellung im Bauhaus-Archiv Museum für Gestaltung vom 16. Juli bis 15. September 2002



Die Zerrüttung der gesellschaftlichen Ordnung nach dem Ersten Weltkrieg 1918 formte in Deutschland den Wunsch nach einer sozialen Utopie, einer neuen Menschengesellschaft. Der Architekt wurde als "Führer der Menschheit" betrachtet. "Nur wer durch Formen an der Seele bildet, schafft die Zukunft, die wir brauchen", sagte Bruno Taut. Zusammen mit Walter Gropius war er die treibende Kraft einer Bewegung, die zur Gründung des Berliner Arbeitsrat für Kunst im November 1918 führte. Dieser Kreis um Bruno Taut erhielt später vom Dichter Alfred Brust den Namen Gläserne Kette. Der Dichter Paul Scheerbart, Autor utopistischer Visionen, galt als der literarische Patron dieses Zirkels.

Mitteleuropa bildete das Zentrum des deutschen Architekturexpressionismus, da dort die Zusammenhänge mit den anderen Künsten am engsten waren. Es bestand der Glaube an die erlösende Kraft der Kunst und an das schöpferische Potential des Handwerks. "Wollen, erdenken, erschaffen wir den gemeinsamen Bau der Zukunft, der alles in einer Gestalt sein wird, Architektur, Plastik, Malerei, der aus Millionen Händen der Handwerker einst gen Himmel steigen wird als kristallines Sinnbild eines neuen kommenden Glaubens" (Walter Gropius).

Ein Verdienst der expressionistischen Architekten ist es, dass sie das spielerische Experiment als Paradigma in die Architektur getragen haben. Die Gläserne Kette war eine solche Versuchsstation, das Bauhaus eine weitere, von deren Experimenten wir heute noch zehren.
Die Gedankenspiele, die für uns heute wie eine Mischung aus Jules Verne und Startrek aussehen, gehören zum Gewagtesten, das die Architektur des 20. Jahrhunderts hervorgebracht hat.
Die Zeichnungen eines Scharoun, Mies van der Rohe, Poelzig oder Luckhardt zählen zu den überzeugendsten ihrer Gilde.
Die Künstler versuchen sich an neuen Baumaterialien, insbesondere Glas und erproben die neuen Möglichkeiten, die in dem althergebrachten Tonziegel stecken. Beispiele sind Tauts Glashaus für die Werkbundausstellung 1914 in Köln, Mendelsohns Einsteinturm 1921 in Potsdam oder Högers Chilehaus 1922-24 in Hamburg.
Mystische, utopisch-sozialistische und anarchistische Ideen , als auch faszinierte Blicke auf die kristallinen Formen der Natur, bildeten die Grundlagen einer Gedankenwelt, die sich sowohl an sozialistischen Idealen als auch mit völkischen Ideen beschäftigten. Der Bau einer neuen Welt war weniger ein technisches als ein moralisches Projekt. Maßgeblich für den Bau der Zukunft sollte die Gesinnung sein, nicht Technik oder gar Lehrbuchwissen.

Der lange Schatten Nietzsches lag auf der expressionistischen Literatur wie auf der expressionistischen Architektur. Nahezu alle Baukünstler, die für den Expressionismus bedeutsam sind, sind auch bekennende Nietzscheaner. Der von Nietzsche konstatierte "abgründige Antagonismus" zwischen dem Negativbegriff "Civilisation" und dem Positivbegriff "Cultur" trifft die Stimmung der Zeit. Nicht alles geht auf Nietzsche zurück, schon Platon beschreibt das sagenhafte Atlantis als bauliches Sinnbild für eine gute Weltordnung. Der Bau als Sinnbild des Kosmos ist ein ideengeschichtlicher Topos, den sowohl Nietzsche als auch viele andere vertraten.

Der Film Metropolis von Fritz Lang kam 1927 in die Kinos. Lang hatte Architektur und Malerei studiert. Die Wortschöpfung Metropolis geht auf eine Gemälde von George Grosz aus dem Jahre 1917 zurück. Weder in Deutschland noch in den USA wurde der Film begeistert aufgenommen. "Allerdümmster Film" und "herrlichstes Bilderbuch" (Werner Sudendorf) um nur eine Stimme zu nennen. Fritz Lang griff das Thema seiner Zeit auf: Veränderung der Städte, Schrecken und Freuden der Moderne und reflektierte sie durch die Kunst. Während die Story relativ banal ist, haben die Bilder bis heute nichts von ihrer Faszination verloren. Phantastische Bauten, modernste Kommunikationsmittel, die Unschuld und das Böse, der Bau einer neuen Welt. In den 60er Jahren wurde Metropolis zum Kultfilm. Die UNESCO erklärte ihn gar 2002 zum Weltkulturerbe.

Der deutsche Architekturexpressionismus zog sich aufgrund mangelnder Bauaufträge schnell in exklusive Künstlerzirkel zurück. So wurde der Arbeitsrat für Kunst von Kritikern als "eingeschworene Berliner Clique" verunglimpft. Als sich in Deutschland die Wirtschaft um 1923 zu erholen begann, hatten die Expressionisten ihre hochfliegenden Pläne bereits aufgegeben und sich pragmatischen Aufgaben in einer sachlich-formalen Formsprache zugewandt. Dass sie vorwiegend "papierne Pagoden" (Adolf Behne) geblieben sind, ist nicht nur ihrem unrealistischen Geist zuzuschreiben, sondern auch der wirtschaftlichen Situation der Nachkriegszeit. Beispiele der "Amsterdamer Schule" zeigen, dass sich aus solchen hochindividuellen Schöpfungen auch ganze Stadtzusammenhänge bilden lassen.

Mit über 120 Objekten - Zeichnungen, Modellen, Gemälden, Grafiken - gibt die Ausstellung einen Überblick über eine ungewöhnlich vielgestaltige und gleichzeitig nur wenige Jahre dauernde Aufbruchsphase in die Moderne. Wer Lust auf "mehr" hat, der ist der Ausstellungskatalog zu empfehlen. Mit interessanten Beiträgen und Querverweisen lädt er dazu ein, mehr über die architektonischen Visionen des Expressionismus und seine historischen Wurzeln zu erfahren.

Die Ausstellung ist eine Kooperation der Kunstsammlungen Böttcherstrasse, Bremen und des Bauhaus-Archivs/Museum für Gestaltung, Berlin in Zusammenarbeit mit der Stiftung Archiv der Akademie der Künste, Abteilung Baukunst, Berlin.




Der Bau einer neuen Welt
Architektonische Visionen des Expressionismus

Sonderausstellung im Bauhaus-Archiv Museum für Gestaltung
16. Juli bis 15. September 2002
Klingelhöfer Str. 14, 10785 Berlin
www.bauhaus.de
Öffnungszeiten: täglich, außer dienstags 10-17 Uhr
Der Katalog zur Ausstellung: 192 Seiten, über 200 farbige Abbildungen, Verlag der Buchhandlung Walther König, Köln
ISBN 3-88375-689-X, 24 €

Kultur Beitrag vom 19.07.2003 AVIVA-Redaktion 

   




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