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AVIVA-BERLIN.de im Dezember 2017 - Beitrag vom 31.10.2006

SNOW CAKE
Christiane Müller

Regisseur Marc Evans konnte für seinen bewegenden Film über das Leben einer Autistin ein Dreamteam gewinnen: Sigourney Weaver und Alan Rickman spielen sich gegenseitig an die Wand. Sehenswert!



Alex (Alan Rickman), ein depressiv wirkender, verschlossener Engländer Ende Fünfzig sitzt in einer schäbigen Raststätte in Kanada. Er ist mit einem Leihwagen Richtung Winnipeg unterwegs und wird von der jungen Anhalterin Vivienne (Emily Hampshire) aufdringlich angesprochen. Sie ist etwas flippig und sehr direkt, und Alex nimmt sie halb widerwillig, halb fasziniert in seinem Auto mit. Sie amüsiert ihn, doch gerade als Alex die Fahrt zu genießen beginnt geschieht ein schrecklicher Unfall. Ein Sattelschlepper rast in seinen Wagen, das Mädchen ist sofort tot. Alex kommt mit einem Schock und schlimmen Schuldgefühlen davon. Er weiß, dass Vivienne auf dem Weg zu ihrer Mutter war und beschließt, dorthin zu fahren, um mit ihr zu reden.

Er steht schließlich vor der Tür eines kleinen Bungalows in der verschneiten Kleinstadt Wawa am Lake Superior und ringt nach tröstenden Worten. Doch als Viviennes Mutter Linda (Sigourney Weaver) ihm die Tür öffnet, zeigt sie nicht einen Funken Trauer. Sachlich und ohne ihm in die Augen zu sehen erklärt sie Alex, die Polizei sei bereits bei ihr gewesen, sie wisse vom Tod ihres Kindes und ob sonst noch was wäre. Viel interessanter als diese Nachricht findet sie die Glitzerbälle, die Alex ihr überreicht - ein Mitbringsel, das Vivienne für ihre Mutter im Gepäck hätte. Lachend spielt Linda mit den Bällen, und Alex begreift, dass mit ihr etwas nicht stimmt. Er wird auch sofort mit Lindas pathologischem Ordnungs- und Sauberkeitszwang konfrontiert. Alles muss in Reih und Glied stehen, ein Krümel in der Küche kommt einer Katastrophe gleich. Einige Tage später muss er mit ansehen, wie Linda einen Weinkrampf bekommt und nicht zu beruhigen ist, weil Viviennes Hund sich auf dem Teppich übergeben hat (kein Wunder: Sie fütterte ihn mit Bananen). Ein Fleck auf ihrem heiligen Teppich löst bei ihr die heftige emotionale Reaktion aus, die Alex eigentlich schon am ersten Tag der Todesnachricht erwartet hatte. Von der geheimnisvollen Nachbarin Maggie (Carrie-Anne Moss erfährt er, dass Linda Autistin ist.

Da er immer noch von Schuldgefühlen geplagt ist und Linda nicht allein die Beerdigung vorbereiten kann, beschließt Alex zu bleiben. Zudem hat Linda für ihn eine noch wichtigere Aufgabe, was sie akribisch auf ihrem Stundenplan notiert: Er soll ihren Müll am kommenden Dienstag auf die Straße bringen. Sie ist zu dieser alltäglichen Arbeit, die bisher ihre Tochter verrichtete, vor lauter Ekel nicht fähig. In dieser Woche lernt er die eigenartige Welt von Linda kennen, die sich an den kleinen Dingen des Lebens freut wie ein Kind. Sie liebt es, Schnee zu essen, auf ihrem Trampolin zu hüpfen oder - sogar bei der Trauerfeier - zu alberner Stimmungsmusik ausgelassen zu tanzen. Der verkrampfte Alex taut immer mehr auf und fängt sogar eine zärtliche Affaire mit Maggie an, der er seine Gefühle und Geheimnisse anvertraut. Am Ende der Woche ist der sympathische Protagonist, der mehrmals im Film seine Umgebung mit wunderbarer Ironie kommentiert, ein Anderer. Er hat wieder Kontakt zu sich selbst und seinen Gefühlen gefunden. Nicht Linda war es in Wirklichkeit, die Hilfe brauchte, sondern er.

SNOW CAKE ist das erste Drehbuch der Autorin Angela Pell, die selbst Mutter eines autistischen Kindes ist und ihre eigenen Erfahrungen stark mit einfließen ließ. Dadurch erreicht sie - was die Persönlichkeit und das Leben von Linda betrifft - eine große Authentizität. Doch leider lässt sie in ihrer Geschichte auch einige Fragen offen. So erscheint es doch eher unwahrscheinlich, dass Alex nicht mal einen Kratzer hat, obwohl ein 40-Tonner mit überhöhter Geschwindigkeit in seinen PKW gerauscht ist. Und: Was macht die allein stehende, schöne Nachbarin Maggie in dem verschlafenen Nest Wawa? Sie wirkt im Vergleich zu den biederen anderen EinwohnerInnen wie eine Außerirdische, passt dort überhaupt nicht hin.

Der Film hat auch Längen, was daran liegen mag, dass den meisten ZuschauerInnen das Thema Autismus fremd ist. Es ist eine seltene, extreme Kontaktunfähigkeit und die wenigstens Menschen kennen einen Autisten näher. So gesehen ist auch die schauspielerische Leistung von Weaver nicht leicht einzuschätzen. Vielleicht spekuliert sie auf den längst fälligen "Oscar"? Bisher bekam sie "nur" drei Nominierungen für ihre Rolle als Officer Ripley in "Alien 2", für "Gorillas im Nebel" und "Die Waffen der Frauen". Ihre Recherche für die Dreharbeiten war wie immer sehr professionell. Fast ein Jahr bereitete sie sich auf die Rolle der Linda vor und verbrachte einige Zeit an einem Institut, das auf die Arbeit mit autistischen Personen spezialisiert ist. Sigourney Weaver lebte sogar für eine Weile mit einer autistischen Frau zusammen, um sich mit deren Verhalten vertraut zu machen.

Vollblutschauspieler Alan Rickman spielt den traurigen, introvertierten Fremden, der allmählich wieder beginnt, etwas zu fühlen, ganz großartig. Die Rolle wurde ihm von Pell auf den Leib geschrieben. Zur Zeit ist der Mime auch in "Das Parfum" im Kino zu sehen. Außerdem kennen wir ihn als Bösewicht in "Stirb langsam" und "Robin Hood", aus "Sinn und Sinnlichkeit" neben Hugh Grant oder aus "Harry Potter" (da verkörpert er den superbösen Severus Snape).

AVIVA-Tipp: Ein sehr bewegender, warmherziger Film, der sich auf intensive Weise mit den Themen Trauer, Lebensfreude, Schmerz und Liebe auseinandersetzt. Doch SNOW CAKE ist nicht nur Drama, sondern es gibt auch viele heitere, sogar komische Momente. Wer psychologisch ausgefeiltes Gefühlskino mag, wird diesen Film lieben. Taschentuch nicht vergessen!

Übrigens war SNOW CAKE der Eröffnungsfilm der Berlinale 2006.

SNOW CAKE startet am 2. November 2006 im Verleih der Kinowelt.


Produktionsjahr: 2005
Produktionsland: Großbritannien / Kanada
Regie: Marc Evans
Buch: Angela Pell
DarstellerInnen: Sigourney Weaver, Alan Rickman, Carrie-Anne Moss, Emily Hampshire u.a.
Länge: 112 Minuten
FSK: ab 6 Jahren
www.snowcake.kinowelt.de

Kultur Beitrag vom 31.10.2006 AVIVA-Redaktion 

   




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