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AVIVA-BERLIN.de im Oktober 2017 - Beitrag vom 12.10.2003

Puccinis Turandot - oder die Tragik der Unvollendeten
Gaby Miericke-Rubbert

Kent Nagano und Doris Dörrie bringen Puccinis letztes Werk "Turandot" an die Lindenoper. Das Märchen um eine grausame und schöne Prinzessin, um Mangas, Handys und Teddybären



Die letzte Oper des todkranken Komponisten - er konnte den Schluss nicht mehr vollenden - hat noch in ihrem Uraufführungsjahr 1926 die bedeutenden Opernhäuser in Europa und Amerika erreicht.

Puccinis Student Franco Alfano komponierte aus dem Material, das Puccini hinterlassen hatte, das Schluss-Duett zwischen der Prinzessin Turandot und dem Prinzen Calaf, das in dieser Version bis vor kurzem weltweit aufgeführt wurde - bis der Italiener Luciano Berio den Auftrag bekam, einen neuen Schluss zu komponieren. In dieser neuen Fassung wurde die Oper 2002 in Amsterdam zum ersten Mal szenisch aufgeführt, in der Berliner Lindenoper hat sie nun ihre deutsche Erstaufführung Die musikalische Leitung übernehmen Kent Nagano und Dan Ettinger, die Filmregisseurin Doris Dörrie zeichnet für die Inszenierung verantwortlich.

Und Doris Dörrie lädt zum Spieleabend ein. Das Spiel heißt "Turandot" und teil nimmt ein buntgewürfelter Haufen moderner Kinderzimmerattribute wie Astronauten, Mumien, Roboter, Handys, Aliens und Mangas. Das Pekinger Volk, eine steife Armee von Skeletten oder teutonischen Playmobilfiguren, besingt sogleich, was die Oper geschlagen hat: "In Turandots Reich ruht der Henker nie". Das reinste Gruselkabinett, wo der Tod allgegenwärtig ist, weil die grausame Prinzessin Turandot den Mißbrauch und Mord einer Urahnin rächen muss.

Die schöne und erbarmungslose Kaiserstochter verdreht nicht nur zahlreichen Freiern den Kopf, sondern läßt diese dann auch gleich entfernen, wenn es den heißblütigen Bewerbern nicht gelungen ist, ihre drei Rätselfragen zu lösen. Es geht nur über Los, d. h. gewinnt die Prinzessin zur Frau, wer die drei Begriffe "Blut", "Hoffnung" und "Turandot" erraten hat. Nach dieser Regel wird nun schon seit mehreren Jahren im Reich gemordet, die abgeschlagenen Köpfe zieren zur Abschreckung vergeblich die Stadttore.

Turandot selbst, kostümiert als punkige Widerspenstige, hat sich in einem überdimensionierten Teddybärenboudoir von der Welt zurückgezogen und verläßt ihr Refugium nur für die drei Rätselfragen, ansonsten erscheint ihr Konterfei ab und zu auf dem Display eines riesigen Handys. Ihre rachedurstige Mordlust ist immer präsent. Projizierte Manga-Augen deuten aber auch eine adoleszente Angst vor dem anderen Geschlecht an. Und das läßt den neuesten Bewerber, den Prinzen Calaf hoffen, dass aus dem gefühlskalten und abwehrenden Kokon letztendlich eine liebende Frau schlüpfen wird.

Doch Calaf hat nicht damit gerechnet, dass Turandots Angst und innere Zerrissenheit so gross sind, dass sie ihre eigenen Regeln nicht einhalten will und ihm den Hauptgewinn verweigert, als es ihm gelungen ist, die Rätsel zu lösen. Geduldig bietet er ihr noch eine zusätzliche Gewinnchance an, setzt sogar dabei sein Leben zum zweiten Mal aufs Spiel. Das Volk triumphiert, dass nun der "Liebesrausch" China endlich Frieden bringen wird.

Aber zu früh gefreut. Turandot kann sich bis zum Schluß nicht so recht entscheiden zwischen ihrer Teddybärenidylle und der bedrohlichen Erwachsenenrealität. Man muss zugeben, dass Doris Dörrie mit Calaf, einem angefetteten Glatzkopf mit Mantafahrer-Goldkettchen und Adidasjacke aus echtem Trainings auch keinen attraktiven Vertreter des männlichen Geschlechts auf die Bühne gestellt hat.

Welche ängstliche Pubertierende würde schon ihre sichere Märchenwelt für ein bierseliges Glück im stereotypen Reihenfamilienhaus aufgeben? Zwar zieht Turandot zum Schluß auch zwecks Partnerlook das Trainingsoutfit über, aber ihrem biertrinkenden Zukünftigen will sie doch noch nicht am Küchentisch Gesellschaft leisten. Bis zur letzten Sekunde bleibt sie mit verschränkten Armen, Zweifel und Abstand im neuen Heim stehen. Der Widerspenstigen Zähmung ist nicht richtig gelungen. Puccini ist über diesen Versuch gestorben und Doris Dörrie meldet Skepsis an.

Die Spielzeuge, Requisiten und Kostüme in ihrer zusammengewürfelten Modernität zwischen Pop, Punk und Comic wirken mit ihrer Multi- und Megadimensionalität aufgesetzt und wahllos hingeklotzt. Der Wandel von der männermordenden Punkerin zur bekennenden liebenden Heterofrau wird nicht nachvollziehbar. Das ist wohl nicht nur im fehlenden Ende der Oper begründet, sondern scheint eine Schwachstelle der Geschichte überhaupt zu sein. Alfano oder Berio, das ist hier nicht die Frage. Stimmig wäre es wahrscheinlich nur gewesen, wenn der Maestro selbst sein Werk hätte vollenden können.




Turandot
Dramma lirico in drei Akten
Von Giacomo Puccini
In italienischer Sprache mit deutschen Übertiteln
Staatsoper Unter den Linden
Unter den Linden 7
10117 Berlin
Inszenierung: Doris Dörrie
Musikalische Leitung: Kent Nagano (15., 17. Okt., 13., 16. Nov., Dan Ettinger (12. Okt. 2003)
Sylvie Valayre (Turandot), Peter-Jürgen Schmidt (Altoum), Alexander Vinogradov (Timur), Dario Volonté (Calaf), Adriane Queiroz (Liù) u.a.
Staatskapelle Berlin, Staatsopernchor
Weitere Aufführungen: 12., 15., 17. Oktober, 13., 16. November 2003
www.staatsoper-berlin.de


Kultur Beitrag vom 12.10.2003 AVIVA-Redaktion 

   




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