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AVIVA-BERLIN.de im Oktober 2017 - Beitrag vom 24.01.2007

Vier Minuten
Daniela Besser

Der im Ausland umjubelte und preisgekr├Ânte Film zeigt beeindruckend, wie seelische und k├Ârperliche Gewalt einen Menschen zerst├Ârt. Und wie Musik ein letzter Anker in einer trostlosen Welt sein kann



Die ZuschauerInnen werden gleich zu Beginn des Films mit der ersten Kameraeinstellung geschockt: eine junge Frau hat sich in ihrer Gef├Ąngniszelle erh├Ąngt. Die Bildsprache vermittelt eine triste und tr├╝be Atmosph├Ąre. Es ist keine lebensfreundliche Umgebung, in der die junge Gef├Ąngnisinsassin Jenny von Loeben (gespielt von Hannah Herzsprung) leben muss. Und dass dieser Selbstmord keine emotionalen Reaktionen bei ihr ausl├Âsen, verst├Ąrkt. Welche Ursachen diese Abgestumpftheit hat, erf├Ąhrt frau im Verlauf der Geschichte.

Eine Gegenwelt zum rauen und gewaltt├Ątigen Alltag im Knast stellt die klassische Musik, vertreten durch die Musikp├Ądagogin Traude Kr├╝ger (Monica Bleibtreu), dar.
Sie gibt seit ├╝ber sechzig Jahren H├Ąftlingen wie VollzugsbeamtInnen im Frauengef├Ąngnis Klavierunterricht, aber es sind nur wenige und (meist) wenig begabte. Doch die wegen Mordes Einsitzende Jenny geh├Ârt nicht dazu. Sie war ein musikalisches Wunderkind, nahm an zahlreichen Wettbewerben teil und gewann Preise und Auszeichnungen zuhauf.

Als sie sich ihrer einzigsten Chance, aus dem grauen Gef├Ąngnisalltag auszubrechen beraubt sieht, dreht sie durch und pr├╝gelt einen W├Ąrter brutal nieder. Ihre zerst├Ârerische Wut ist be├Ąngstigend, ungeheuer authentisch vermittelt durch das intensive Spiel von Hannah Herzsprung. (Die Schauspielerin musste f├╝r ihre Rolle neben einem sechsmonatigen Klaviercoaching auch drei Monate Boxtraining absolvieren.)

Die Sehnsucht nach einem anderen Leben schimmert auf. Die Musik bietet Jenny einen Zugang zu ihren Gef├╝hlen, im Klavierspiel kann sie sich zum Ausdruck bringen. Doch auch dabei soll sie nicht frei entscheiden k├Ânnen. Die unnachgiebige Traude Kr├╝ger will der jungen Frau ihre Vorstellungen von Musik aufdr├╝cken. Obwohl keine der beiden Frauen aus ihrer Haut kann, ├╝berwinden sie ein St├╝ck weit ihre eigenen Befindlichkeiten, um sich der anderen zu n├Ąhern.

In R├╝ckblenden erfahren die KinobesucherInnen, wie Traude Kr├╝ger zu der wurde, die sie heute ist. Sie lebt einzig f├╝r und mit der Musik, Menschen interessieren sie nur am Rande. Auch bei ihr liegen die Gr├╝nde in der Erfahrung von seelischer Gewalt. An diesen beiden Frauenschicksalen wird exemplarisch die Vielfalt von Gewalterfahrungen veranschaulicht. Ungeachtet der individuell verschiedenen Lebensumst├Ąnde, des Altersunterschiedes, ihrer pers├Ânlichen Ansichten, haben beide die existentielle Erfahrung von seelischer und k├Ârperlicher Gewalt gemacht. Die eine in den Zeiten von Krieg und Nazi-Terror als Lesbe und Geliebte einer Kommunistin, die erh├Ąngt wurde. Die andere (heute), durch "sanfte" Gewalt in fr├╝hen Jahren zu musikalischen H├Âchstleistungen getrieben, und, als sie sich diesen verweigerte, vom eigenen Vater sexuell missbraucht wurde. Ihr Freund, von dem sie schwanger war und f├╝r den sie einen Mord auf sich nahm, lie├č sie sitzen. Bei Komplikationen w├Ąhrend der Geburt ihres Kindes verweigerte man ihr eine angemessene Behandlung, weil sie dadurch angeblich nur l├Ąngere Haftaussetzung erwirken wollte. Das Kind war fortgebracht worden, bevor sie wieder erwachte. Eine beklemmende Szenerie, die sich da vor dem inneren Auge der ZuschauerInnen entfaltet.

Die besonderen Momente des Films sind die, in denen die Frauen von diesen Schicksalsschl├Ągen erz├Ąhlen. Es entsteht eine intime Beziehung zwischen ihnen und doch bleiben sie bei alldem abgekl├Ąrt, werden nie r├╝hrselig. Das hat ihnen das Leben l├Ąngst ausgetrieben, denn emotionale W├Ąrme von Mitmenschen haben sie nie erlebt. Das Hauptaugenmerk des Films liegt auf den zwischenmenschlichen Beziehungen im Gef├Ąngnisalltag, der Umgang miteinander ist hasserf├╝llt und von psychischer und physischer Gewalt durchzogen. Kein sch├Ânes Leben! Das kann Jenny nur in ganz besonderen vier Minuten erleben. Die sehen wir aber erst zum Schluss des Filmes, bis dahin wird das Kinopublikum tief ber├╝hrt und verst├Ąrkt durch die Geschichte und das grandiose Spiel von Sven Pippig, Richy M├╝ller, Jasmin Tabatabei, Stefan Kurt, Vadim Glowna, Nadja Uhl und ganz besonders der beiden Hauptdarstellerinnen Hannah Herzsprung und Monica Bleibtreu.

Zu den Schauspielerinnen:
Hannah Herzsprung
wurde aus mehr als 1.200 Bewerberinnen f├╝r die Rolle der Jenny ausgew├Ąhlt. Sie ├╝bernahm bei den Dreharbeiten alle Stunts selbst. Geboren 1981 als Tochter des Schauspielers Bernd Herzsprung, gab sie ihr Deb├╝t in der Familienserie "Aus heiterem Himmel" (1997/98). Es folgten weitere Rollen in Fernsehfilmen, "Vier Minuten" ist Hannah Herzsprungs Kinodeb├╝tt.
Monica Bleibtreu wurde am Max-Reinhardt-Seminar in Wien ausgebildet, spielte u.a. beim Burgtheater, den M├╝nchner Kammerspielen, dem Schauspielhaus Z├╝rich, der Schaub├╝hne Berlin und dem Deutschen Schauspielhaus Hamburg. 1972 wurde sie mit der Goldenen Kamera ausgezeichnet. F├╝r ihre Rolle als Katia Mann in Heinrich Breloers "Die Manns - Ein Jahrhundertroman" wurde Monica Bleibtreu mit dem Grimme-Preis in Gold ausgezeichnet, f├╝r "Marias letzte Reise" mit dem Bayerischen Fernsehpreis, dem Deutschen Fernsehpreis und dem Grimme-Preis.

AVIVA-Tipp: Ein ungew├Âhnlich schonungsloser Film, der durch die tragischen Lebensgeschichten zweier Frauen und den schauspielerischen Leistungen von Hannah Herzsprung und Monica Bleibtreu unter die Haut geht. Besonders das zerst├Ârerisch-w├╝tende Spiel von Hannah Herzsprung wird man lange nicht vergessen k├Ânnen.

Lesen Sie auch das Interview mit Hannah Herzsprung.

Vier Minuten
Ein Film von Chris Kraus.

DarstellerInnen: Monica Bleibtreu, Hannah Herzsprung, Sven Pippig, Richy M├╝ller, Jasmin Tabatabai, Stefan Kurt, Vadim Glowna und Nadja Uhl
Drama, D 2006,
DVD-Infos:
- DVD-Start: 26. Oktober 2007
- englischen Untertitel
- Audiodeskription/ H├Ârfilmfassung f├╝r Blinde und deutschen Untertiteln f├╝r H├Ârgesch├Ądigte
Bonusmaterial:
- Fotogalerie mit Bildern von den Dreharbeiten
- eine Trailershow
- 14-seitiges, umfangreiches Booklet erg├Ąnzt.

Die 2-DVD-Special-Edition bietet zus├Ątzlich:
- Interviews mit Chris Kraus, Hannah Herzsprung, Monica Bleibtreu, Uta Schmidt
- Ein ausf├╝hrlichem Making Of mit folgenden Kapiteln Preludium: Traum und Team, La Musica: Von Mozart bis Focks, Largo: Das Casting, Allegro Grazioso: Die Schauspieler, Finale Furioso: Das Abschlusskonzert, Fine Pianissimo
- Behind-the-Scenes-Material in Super 8
- Storyboards
- Ausschnitte der Preisverleihungen in Shanghai, M├╝nchen (BayerischenFilmpreis) und Berlin (Deutscher Filmpreis)
- Ein Mitschnitt der Urfassung von Jennys Abschlusskonzert, eingespielt von der Filmkomponistin Anette Focks

Weitere Infos: www.vierminuten.de

Neben zahlreichen Preisen auf ausl├Ąndischen Film Festivals, darunter auch das hochangesehene Shanghai International Film Festival, erh├Ąlt der Film auch hierzulande immer mehr Auszeichnungen:
4 Bayerische Filmpreise (Nachwuchspreis f├╝r die Produzentinnen Alexandra und Meike Kordes, Monica Bleibtreu als Beste Darstellerin, Hannah Herzsprung als Beste Nachwuchsdarstellerin und Chris Kraus f├╝r das Beste Drehbuch).

Kultur Beitrag vom 24.01.2007 AVIVA-Redaktion 

   




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