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AVIVA-BERLIN.de im Juli 2016 - Beitrag vom 20.04.2008

Itty Bitty Titty Committee von Jamie Babbit
Silvy Pommerenke

Was haben plastische Brustvergrößerungen, siebziger Jahre Brillen, lesbischer Sex und Denkmäler in Form von Phalli miteinander zu tun? Sehr viel, wie die fünf Protagonistinnen...



...des neuen Kinofilms von Jamie Babbit zeigen werden.

Das einzige Manko dieses Filmes ist wohl der Filmtitel, der nach rosa Panties oder einem Kindergeburtstagsreim klingt. Dabei ist es ein höchst brisanter politischer Film, der ein permanentes Augenzwinkern beinhaltet. Deswegen sei der Regisseurin auch dieser geschmacklose Titel gewährt, der eigentlich passender übertitelt wäre mit "C.I.A. – Clits in Action", so der Name der radikalen Frauengruppe, von der der Film handelt. Darum geht es nämlich den fünf Protagonistinnen des Filmes, die nichts mehr als die Hälfte des Himmels wollen. Sie prangern das Patriarchat an, das sich für sie vor allem in Form von phallusartigen Siegessäulen präsentiert.

Was so lustig und amüsant daher kommt ist in Wahrheit ein gesellschaftliches Problem, das leider immer noch evident ist: Frauen verdienen die Hälfte des Einkommens von Männern, besetzen weniger wichtige berufliche Positionen und werden immer noch von der Gesellschaft zu Menschen zweiter Klasse degradiert. Dagegen will ein kleines Komitee (das besagte Itty Bitty Titty Committee) angehen. Anführerin der Rebellinnen ist die heterosexuelle Shulamith Firestone, die ganz in ihrem Hardcore-Feministinnen-Dasein (und ihrer siebziger Jahre Brille) aufgeht, sich aber dennoch in den smarten Transmann Calvin verliebt, der bereits bekannt ist aus der Serie The L-Word. Unterstützt wird sie dabei von Meat, der künstlerischen Seite der Bewegung, die in Gipsform alle möglichen Protestgestaltungen kreiert. Des Weiteren gibt es noch den angehenden Transmann Aggie, die charismatisch Sadie, die zwar mit der deutlich älteren Courtney zusammen ist, sie aber nicht davon abhalten lässt, sich in die unschuldige und verträumte Anna zu verlieben.

Um Anna rankt sich denn auch das ganze phantastische Hollywoodmärchen. Sie ist Aushilfskraft in einem Unternehmen, das Frauen zu Brustvergrößerungen verhilft. Einen Eingriff in den weiblichen Körper, den die C.I.A. natürlich gar nicht gut heißt! Als Greenhorn trifft Anna auf die radikale Gruppierung, die nicht nur durch Sadie ihr Herz gewinnt. Schnell ist sie angefixt von den politischen Forderungen der kleinen aber effektiven Gruppe (wie sich am Ende heraus stellt) und gibt ihr ganzes Engagement in das Komitee hinein. Dabei wird schon mal die Hochzeit der Schwester vergessen, die Haare revolutionär pink gefärbt und auch mit der falschen Frau (beziehungsweise mit dem falschen Mann) Aggie geschlafen, was zu fatalen Konflikten innerhalb der Gruppierung führt. Dabei will sie doch nur eines: die Welt verbessern und von Sadie geliebt werden ...

Der Film ist ganz dem Dogma-Style unterworfenen, indem die Kameraführung sehr wackelig per Hand vorgenommen wurde, keine Wirklichkeitsentfremdung des Kinos den ZuschauerInnen vorgegaukelt wird, Live-Musik von LeTigre, Sleater-Kinney und Peaches in die filmischen Szenen eingeschnitten wird, der Film im Hier und Jetzt spielt und ein sozial-kritisches Thema aufgegriffen wird. Was nach zähem und anstrengendem Inhalt klingt, ist extrem witzig und ironisch dargestellt, bringt die Zuschauerin vielfach zum schenkelklopfendem Lachen, ohne dabei in platte Attitüden zu verfallen. Die amerikanische Regisseurin Jamie Babbit, die bereits mit dem Film "But I`m a Cheerleader" von 1999 den Beweis anstellte, dass sie mit einem ironischen Film auch gesellschaftspolitische Dilemmata anprangern kann, hat einen extrem tiefsinnigen Film mit extrem leichtfüßigen Mitteln umgesetzt. Und was letztendlich mit den Siegessäulen in Form von Phalli geschieht, sehen Sie bitte selbst ...

Der Film hat bereits etliche Preise gewonnen, unter anderem beim Southwest Film Festival 2007 als "Bester Spielfilm", beim Panorama der 57. Internationalen Filmfestspiele Berlin 2007 oder beim Zuschauerpreis beim Outtakes New Zealand GLBT Film Festival 2007 als "Bester Spielfilm".

AVIVA-Tipp: Vier, fünf Frauen, ein, zwei Männer, aber nur ein Ziel: Die Gleichberechtigung von Frauen und die Abschaffung des Patriarchats. Was nach plattem politischem Palaver der siebziger Jahre klingt, ist ein wunderbarer, nachdenkenswerter und vor allem extrem witziger Film geworden. In einer grandiosen filmischen und inhaltlichen Umsetzung ist es der Regisseurin Jamie Babbit gelungen, ein Stück Gesellschaftskritik auch für diejenigen zu transportieren, die normalerweise mit Politik nichts am Hut haben. So macht das Infragestellen des Establishments Spaß!

Weitere Informationen finden Sie unter:

www.ittybittytittycommittee.de
www.salzgeber.de

Itty Bitty Titty Committee
USA 2007
Buch und Regie: Jamie Babbit
Darstellerinnen: Melonie Diaz, Nicole Vicius, Guinevere Turner u.a.
Verleih: Edition Salzgeber
Lauflänge: 85 Minuten
Kinostart: 24. April 2008

Kultur > Film Beitrag vom 20.04.2008 AVIVA-Redaktion 

   




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