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AVIVA-BERLIN.de im August 2016 - Beitrag vom 07.12.2009

Der weisse Rabe - Max Mannheimer. Ein Film von Carolin Otto
Sunna Krause-Leipoldt

Die Shoa forderte die Leben von mehr als 6 Millionen Menschen. In ihrem Portraitfilm begleitet Carolin Otto einen Überlebenden von Auschwitz bei seinem Bemühen, die Erinnerung an diese...



... schreckliche Zeit nicht in Vergessenheit geraten zu lassen.

Die bei der Wannseekonferenz 1942 beschlossene "Endlösung der Judenfrage" markiert den Beginn eines Verbrechens von so unfassbarer Grausamkeit, dass es zuweilen als Sündenfall der menschlichen Zivilisation bezeichnet wird. Massenmorde an Bevölkerungen oder bestimmten Ethnien waren zu diesem Zeitpunkt nichts Neues. Doch die mörderische Perfektionierung im Zusammenspiel von technologischer Entwicklung und akribischer, bürokratischer Organisation, welche zur industriellen Vernichtung menschlichen Lebens führte, war und ist bis heute ohne Beispiel.

99728 lautet die Häftlingsnummer, die der damals 23-jährige Max Mannheimer erhielt, als er 1943 mit Eltern, Geschwistern und seiner Ehefrau aus Theresienstadt nach Auschwitz-Birkenau verlegt wurde. Vermutlich waren bereits am Abend des ersten Tages nur noch er selbst und seine drei Brüder am Leben, da sie als Arbeitskräfte eingesetzt werden sollten. Bis zur Befreiung durch amerikanische Truppen 1945 überlebten lediglich er selbst und sein jüngerer Bruder Edgar.

Als die Filmproduzentin Carolin Otto 1988 auf dem Parkplatz von Dachau ihre EC-Karte verlor und Max Mannheimer sie fand, kam es zu ihrer ersten Begegnung. Es entstand eine Freundschaft. Gemeinsam drehten sie drei Dokumentationen, von denen "Der weisse Rabe", die neueste Produktion ist. Die Uraufführung fand im Juli 2009 im Rahmen des Filmfest München statt.

Der Portraitfilm besteht aus, über mehrere Jahre hinweg zusammengetragenem Material, von Vortragsreisen und Exkursionen und aus Aufnahmen aus dem Privatleben von Max Mannheimer. Ausschnitte von seiner ersten Wiederbegegnung mit Auschwitz 1991 sind ebenso Teil der Produktion wie humorvolle Momente. Einem befreundeten Schriftsteller versucht er zum Beispiel zu beweisen, dass er zu jedem beliebigen Stichwort einen Witz kennt. Es gibt jedoch auch immer wieder Augenblicke des Erinnerns, in denen der Überlebende des Holocausts zum Vorschein kommt, der von seinen Gefühlen überwältigt wird. Aus diesen verschiedenen Mitschnitten entsteht das Bild eines Menschen, der versucht, mit dem Geschehenen umzugehen und gelernt hat, weiterzuleben.

Die Dokumentation wurde mit sehr einfachen Mitteln produziert und einzelne Szenen wirken zunächst überflüssig, wie zum Beispiel eine Aufnahme von Max Mannheimer beim Lesen einer Zeitung im Zug. Doch gerade die amateurhaft erscheinende Zusammenstellung des Filmmaterials erzeugt eine Authentizität und Nähe, die größeren Produktionen fehlt. Diese versuchen meist, den Holocaust als Ganzes zu erfassen und lassen Überlebende lediglich in kurzen Einschüben als ZeitzeugInnen zu Wort kommen.

Carolin Otto hat mit der Fokussierung ihrer Arbeit auf das Einzelschicksal von Max Mannheimer einen anderen Ansatz gewählt. Sie fragt nicht nach detaillierten geschichtlichen Daten, sondern zeigt den ZuschauerInnen, wie ein Leben nach der Shoa aussehen kann und wie ein Mensch mit derart grausamen Erinnerungen trotzdem weiter machen kann.

AVIVA-Tipp: Max Mannheimer erzählt, schreibt und malt für sich selbst und gegen das Vergessen. Seine Biografie ist der unwiderlegbare Beweis für ein Verbrechen, das manche auch heute noch zu leugnen versuchen. Carolin Otto hat mit ihrer Dokumentation einen sehr persönlichen Zugang zum Thema Holocaust gefunden. Die ZuschauerInnen nehmen teil an traurigen und fröhlichen Momenten aus einem "Leben nach dem Überleben" und erfahren so ein Gefühl für die Realität der Shoa, wie es bloße Fakten nicht vermitteln könnten.


Der weisse Rabe – Max Mannheimer
Deutschland 2009
Drehbuch, Regie und Produktion: Carolin Otto
DarstellerInnen: Max Mannheimer, Schwester Elija Bossler, Eva Faessler, Ernst Mannheimer, Ota Filip, Nobuya Otomo u.v.a.
Kamera: Carolin Otto, Rainer Hartmann und Ulrich Gambke
Musik: Dieter Schleip
Länge: 82 Minuten
FSK: ab sechs Jahren
Verleih: Barnsteiner-Film
Kinostart: 10. Dezember 2009

Mehr zum Film: www.barnsteiner-film.de

Zur Regisseurin: Carolin Otto, 1962 in Hamburg geboren, studierte Philosophie an der Ludwig-Maximilians-Universität in München und arbeitete nebenher als freie Journalistin. Ab 1995 begann sie als freie Drehbuchautorin und Regisseurin tätig zu sein. Carolin Otto lehrte an der Hochschule für Fernsehen und Film in München, dem Drehbuchlabor in Wien und an der Internationalen Filmschule in Köln. Sie ist Mitglied des Verbands der deutschen Drehbuchautoren und seit 2007 in dessen Vorstand.
(Quelle: Barnsteiner-Film)
Die Autorin im Netz: www.carolinotto.de


Weiterlesen auf AVIVA-Berlin:

Endstation Seeshaupt - der Todeszug von 1945. Ab 25.4.2013 auf DVD

"Menachem und Fred" Ein Film von Ofra Tevet und Ronit Kertsner.

"Beim Gehen entsteht der Weg" von Hanna Mandel.

"Gerdas Schweigen. Die Geschichte einer Überlebenden" von Knut Elstermann.

"Grüße und Küsse an alle - Anne Franks Familiengeschichte in Briefen" von Mirjam Pressler.

"Mich hat man vergessen" von Eva Erben.

"Geschichte meines Lebens" von Aharon Appelfeld.

"Vienna´s Lost Daughters" ein Dokumentarfilm von Mirjam Unger.

"Jüdische Berliner - Leben nach der Schoa" von Ulrich Eckhardt und Andreas Nachama.

"Bewegtes Schweigen" von Lies Auerbach-Polak und Betty Bausch-Polak.






Kultur > Kino Beitrag vom 07.12.2009 AVIVA-Redaktion 

   




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