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AVIVA-BERLIN.de im Oktober 2016 - Beitrag vom 02.08.2010

Mother - Obsessive Mutterliebe
Evelyn Gaida

Ein einsames Feld und eine Frau, die zu einem unh├Ârbaren Rhythmus tanzt. Sie ist offenbar nicht ganz bei sich, denn ihre Mimik und Gestik harmonieren nicht miteinander. Der Eindruck inneren ...



... Getriebenseins der Protagonistin Yoon Hye-ja (Kim Hye-ja) pr├Ągt nach der Eingangssequenz auch weiterhin den Film.

Fanatische Sorge

Szenenwechsel. Yoon Hye-ja in der Enge ihres sp├Ąrlich beleuchteten naturmedizinischen Ladens umgeben von Heilkr├Ąutern. Mit ├Ąu├čerst besorgter Aufmerksamkeit und fast schon fanatisch glimmenden Augen beobachtet sie ihren erwachsenen Sohn Yoon Do-jun (Won Bin) auf der Stra├če - den prompt ein teures Auto anf├Ąhrt. Kurz darauf wird ihre Sorge besser verst├Ąndlich, denn Yoon Do-jun erweist sich als manipulierbar, abh├Ąngig und geistig nicht altersgem├Ą├č entwickelt. Ein harmloser Dumme-Jungen-Racheakt auf Unfallauto und fahrerfl├╝chtige Personen, den Yoon Do-jun gemeinsam mit seinem zwielichtigen Freund Tae Jin (Gu Jin) ver├╝bt, kommt ihn finanziell teuer zu stehen. Schon fr├╝h wird die gesellschaftskritische Ausrichtung des Films offensichtlich: Der achtlose Fahrer und seine Begleitung sind Professoren, die sich nach eigener Aussage f├╝r "zu bedeutend" halten, um ihre Zeit auf der Polizeistation zu vergeuden. Gegen├╝ber dem k├Ârperlich zu Schaden gekommenen Yoon Do-jun heben sie den unsch├Ątzbaren Wert ihres Mercedes-Modells hervor.

Satire?

Wer jedoch glaubt, die Sympathiewerte w├╝rden nun eindeutig den Armen und Schwachen der Gesellschaft zugewiesen, irrt sich gewaltig. Yoon Hye-ja tut alles, um die Unselbst├Ąndigkeit ihres Sohnes und dessen Bindung an sie zu f├Ârdern: Sie zerteilt ihm das Essen, betont, spezielle Essenzen hineingemischt zu haben, die seine "Manneskraft" st├Ąrken sollen und betrachtet letztere ausgiebig, als er drau├čen auf der Stra├če pinkelt, w├Ąhrend sie ihm gesundheitsf├Ârdernden Tee einfl├Â├čt. Eine Satire? Die wahnhafte Ernsthaftigkeit und sp├Ątere seelische Not Yoon Hye-jas laufen ihr zuwider. Regisseur Bong Joon-ho, dessen letzter Film "The Host" zum erfolgreichsten s├╝dkoreanischen Film aller Zeiten avancierte und international Aufsehen erregte, ist daf├╝r bekannt, Genre-Konventionen bewusst zu untergraben.

Gesellschaftsvertreter

Das Unheil und die Absurdit├Ąten nehmen vollends ihren Lauf, als Yoon Do-jun unter Mordverdacht ger├Ąt. F├╝r die tr├Ągen und nachl├Ąssigen Polizisten ist der Fall schnell zu Ungunsten des jungen Mannes erledigt, also muss die streitbare Mutter in die Rolle der Ermittlerin schl├╝pfen. Nicht nur in Yoon Hye-jas eigenem Empfinden, sondern auch f├╝r die Aufmerksamkeitsspanne der ZuschauerInnen gehen ihre Investigationen vorerst nur schleppend voran. Sie dienen Regisseur Bong Joon-ho jedoch dazu, VertreterInnen verschiedener gesellschaftlicher Gruppen der Reihe nach vorzuf├╝hren. Umgeben von Animierm├Ądchen, den ├ťberresten eines Alkoholgelages und bereits entschlummerten Kollegen kl├Ąrt der ├╝berteuerte Anwalt die verzweifelte Mutter in einem Hinterzimmer dar├╝ber auf, dass ein f├╝nfj├Ąhriger Aufenthalt in der Heilanstalt f├╝r ihren Sohn ein Geschenk w├Ąre.

Wendungen und Abgr├╝nde

In den Vordergrund tritt anstelle individueller Charakteristik h├Ąufig eher die demonstrative Funktion solcher Nebenfiguren und Situationen, wodurch das Geschehen wiederholt ein zwar aussagekr├Ąftiges, aber auch konstruiertes Gepr├Ąge annimmt. Neben dem verhackst├╝ckten Genre-Gemisch - Kriminalfilm, Psychothriller, Melodrama und schwarze Kom├Âdie werden in der detektivischen Mutter-Geschichte versammelt - verf├╝gen einige Charaktere andererseits ├╝ber signifikante und ├╝berraschende Brechungen. Alles ist anders als vermutet, immer weitere Wendungen und Abgr├╝nde tun sich auf, sodass der Film an Spannung und Intensit├Ąt im Lauf der Handlung zunimmt. Der Hintergrund des ermordeten Schulm├Ądchens f├╝hrt in ein Netz von sexuellen Obsessionen, Erpressung, moralischer Haltlosigkeit - und zu einer traurigen Enth├╝llung, die besonders bei├čende Gesellschaftskritik transportiert.

Psychogramm und Demontage

Insgesamt ist der filmische Blick, den der Regisseur auf seine Figuren wirft, ein mitleidloser, der nicht nur die Gesellschaft, sondern Menschen vorf├╝hrt und es vor allem darauf anlegt, Unbehagen hervorzurufen. Davon ist auch Yoon Hye-ja, die psychologisch Vielschichtigste, nicht ausgenommen. Ihre Mutterliebe nimmt immer wahnwitzigere Z├╝ge an, ihre Gem├╝tslage erscheint oft als Objekt mikroskopischer Untersuchung, versiert in Szene gesetzt durch intime Nahaufnahmen ihres Gesichts und klaustrophobisch anmutende, fahl beleuchtete R├Ąumlichkeiten. In ihrer K├Ârpersprache und ihren Augen zittert eine krampfhaft unterdr├╝ckte innere Spannung, die sie jeden Moment zu zerrei├čen droht. Der Film wurde mit anamorpher Linse im Format 2.35:1 aufgenommen, um ├ängste und Hysterie auch technisch st├Ąrker hervorzuheben, so der Regisseur.

Hauptdarstellerin Kim Hye-ja, in S├╝dkorea legend├Ąrer Serien- und Filmstar mit dem Ruf einer "Mutter der Nation", brilliert in der Rolle Yoon Hye-jas. Sie betrat damit bewusst neues Terrain. Bei den Asian Film Awards 2010, dem asiatischen Oscar┬«-├äquivalent, wurde sie f├╝r ihre Leistung als Beste Hauptdarstellerin ausgezeichnet. Ihr Leinwandauftritt wirkte im patriarchalisch gepr├Ągten Korea revolution├Ąr und wurde in den Medien ausgiebig diskutiert. Regisseur Bong Joon-ho sieht die Beziehung von Mutter und Sohn als "Basis f├╝r alle menschlichen Beziehungen." In "Mother" unterwirft er dieses Verh├Ąltnis einer krassen Demontage, die jedoch h├Ąufig so forciert daherkommt, dass sie sich letztendlich gleich selbst mit demontiert.

AVIVA-Tipp: D├╝stere Gesellschaftskritik in vielen sich widerstrebenden Genre-Gew├Ąndern, die zwischen ├╝berraschenden Wendungen und Langatmigkeit pendelt, gespickt mit determiniert befremdlichen Details. Trotz ausdrucksintensiver Schauspielkunst der Hauptdarstellerin wirken die Charaktere eher wie k├╝hl man├Âvrierte, zweckdienliche Schachfiguren des Regisseurs, wird das Geschehen einem gewissen Psycho-Voyeurismus unterworfen. Unbehagliche (An)Spannung, abgr├╝ndige seelische Energien und entlarvende Draufsicht werden in dieser beklemmenden Mutter-Sohn-Beziehung und Kriminalgeschichte aber mit Sicherheit aktiviert, die Schaupl├Ątze sind beeindruckend.

Zum Regisseur: Bong Joon-ho wurde am 14. September 1969 in der s├╝dkoreanischen Provinzmetropole Daegu geboren, zog jedoch bald mit seiner Familie in die Landeshauptstadt Seoul um. An der Yonsei Universit├Ąt studierte er Soziologie und drehte w├Ąhrend dieser Zeit Kurzfilme auf 16mm, um dann ein Jahr an der Korean Academy of Film Arts zu studieren. Im Jahr 2000 erschien sein Spielfilmdeb├╝t BARKING DOGS NEVER BITE. Basierend auf dem wahren Fall von Koreas erstem Serienkiller drehte Bong MEMORIES OF MURDER (2003), der unter FachjournalistInnen und KinoexpertInnen zum besten koreanischen Film der ersten Dekade des 21. Jahrhundert gew├Ąhlt wurde. Mit THE HOST, der erfolgreichsten koreanischen Filmproduktion aller Zeiten, gelang ihm der (internationale) Durchbruch. MOTHER war als offizieller Beitrag S├╝dkoreas f├╝r die Oscar┬«-Verleihung 2010 nominiert, und gewann bei den Asian Film Awards 2010, dem asiatischen Oscar┬«-├äquivalent, mehrere Preise, darunter die Auszeichnung f├╝r Bester Film, Bestes Drehbuch und Beste Hauptdarstellerin. Dar├╝ber hinaus hat "Mother" 2010 den mit 50.000 Euro dotieren Arri-Zeiss-Preis f├╝r den besten ausl├Ąndischen Film auf dem Filmfest M├╝nchen erhalten.

Mother
Madeo
S├╝dkorea 2009
Deutsche Fassung und OmU
Regie: Bong Joon-ho
Buch: Park Eun-kyo, Bong Joon-ho
DarstellerInnen: Kim Hye-ja, Won Bin, Gu Jin u.a.
Verleih: MFA+ FilmDistribution e.K.
Laufl├Ąnge: 128 Minuten
Kinostart: 05. August 2010

Weitere Informationen finden Sie unter:

www.mfa-film.de

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Kultur > Kino Beitrag vom 02.08.2010 Evelyn Gaida 

   




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