Das Schreiben und das Schweigen – Ein magisches Porträt Friederike Mayröckers
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AVIVA-BERLIN.de im September 2016 - Beitrag vom 10.10.2010

Das Schreiben und das Schweigen – Ein magisches Porträt Friederike Mayröckers
Evelyn Gaida

Es ist ein Film über Poesie geworden, ebenso wie über das Schreibuniversum der Dichterin Friederike Mayröcker, die als eine der bedeutendsten des 20. Jahrhunderts gilt. Diese Bilder ...



... machen eine Art dritten Raum zwischen Alltagswirklichkeit und deren künstlerischer Verwandlung betretbar, der eigentlich nicht zu lokalisieren ist. Die ZuschauerInnen umgibt er dennoch wie die Stille in der Wohnung der österreichischen Lyrikerin.

Worte finden, für das Schweigende oder das, was sich dem üblichen Sprachgebrauch entzieht. Friederike Mayröcker widmet ihr lyrisches und schriftstellerisches Schaffen dieser Spurensuche, die Filmemacherin Carmen Tartarotti hat die 84-Jährige über Jahre hinweg in ihrer unmittelbarsten Lebensumgebung dabei begleitet. Das entstandene dokumentarische Kunstwerk zeigt sich als Medium, das mehrere `Sprachen´ in sich vereint.

Andere Wirklichkeit

Ruhe. Gedämpfte Geräusche von der Straße dringen durch das geöffnete Fenster, ein scharfer Lichtstrahl trifft auf beschriebene Seiten, die Silhouette von spartanischen Kleiderbügeln vor dem Himmel, ein knapper, klarer Ton, als Mayröcker die Tür schließt. Zurück bleibt das schweigende Zimmer. In "Das Schreiben und das Schweigen" öffnet die Dichterin den ZuschauerInnen nicht nur ihre Privaträume, sondern auch einen anderen Zugang zur Wirklichkeit.

© Carmen Tartarotti


"Wenn das eine normale Wohnung wär, könnte ich mir das vorstellen mit Team, aber so ..." , sagt Mayröcker. "Aber so" beschränkt sich der Film auf die minimale Veränderung dessen, was er einfangen möchte, beschränkt Tartarotti die technische Ausstattung auf Kamera und Mikrofon, das Team meist ganz auf sich selbst. Ansonsten sind da zuerst einmal Zimmer voller Papiere. Stapelweise und körbeweise scheinen sie auf jeder verfügbaren Fläche ein selbständiges Mitbewohnerdasein angenommen zu haben. Mit rührender Selbstverständlichkeit erklärt die Autorin, sie könne ihrem filmenden Gast leider nur ein kleines Frühstücksplätzchen freiräumen, "ich kann nichts wegräumen, weil ich das immer brauch´." Die surrealen Stichwörter für ihre Gedichte habe sie immer bereit in den Körben, "und kann ich oben nichts mehr finden, dann muss ich unten noch graben", in der zweiten Wohnung. So eröffne sich aus anfangs durchsichtigen Sätzen die "Zauberwelt".

Bildhafte Annährung

"Ich mag nicht sprechen!" hält Mayröcker fest, und spricht doch den ganzen Film über bereitwillig ("Soll ich was sagen?"), direkt oder aus dem Off, ein gedämpftes und gleichmäßiges Erzählen, das um keinerlei Rhetorik bemüht zu sein scheint und gerade dadurch eine so gesammelte Eindringlichkeit vermittelt. Weder erzählerisch noch filmisch wird jedoch eine biografische Chronologie verfolgt, sondern eine bildhafte Annährung an Mayröckers Lebens- und Schreibwelt. Magische Ausdruckskraft und Rätselhaftigkeit stehen auch visuell nebeneinander.

Gesteigerte Gegenwart

Gesprochene und vorgelesene Wörter übertragen im Zusammenwirken mit den Filmaufnahmen die Aura einer frappierend unabhängigen Frau, die unspektakulär einfach nach den Gesetzen ihrer eigenen Natur lebt. Biografisches und gegenwärtige Lebensrealität zeigt der Film als Wechselspiel in enger Verflechtung. Erreicht wird dadurch eine gesteigerte, erzählte Gegenwart: Äußerungen über Mayröckers Verhältnis zur Sprache, Phasen ihrer künstlerischen und persönlichen Entwicklung, Erinnerungen an Ernst Jandl, der bis zu seinem Tod im Juni 2000 ihr langjähriger Kollege, "Hand- und Herzgefährte" war, Innen und Außen, zu Hause und auf Lesereisen, Zitate aus Gedichten als Hinter- und Untergrund dieser aufgezeichneten Realitäten.

Wiener Bibliotheksarchive verwahren in "feuerfesten Metallschränken" die Vorarbeiten der Dichterin. Auf dem Küchentisch türmen sich Packungen mit Tabletten gegen Bluthochdruck. Wie Schreiben und Schweigen gehen Konkretes und Abstraktes in Tartarottis Dokumentation eine Symbiose ein. Nur eine geringe Verschiebung des Blicks und alles stellt sich vollkommen anders dar, als die gewohnte Selbstverständlichkeit es glauben machen will – dies ist die Selbstverständlichkeit, in der Friedericke Mayröcker sich bewegt, umgeben von einem Wortwerk, das sich immer neu zusammensetzt.

© Carmen Tartarotti


Humor und Lebenslust

Neben Poesie und Abstraktion lässt die Sparsamkeit des Films viele Untertöne in Mayröckers Persönlichkeit zum Vorschein kommen, die oft einen keck verschmitzten Humor aufblitzen lässt. Mayröcker geht mit unaufdringlichem Eigensinn ihren Weg und nimmt sich selbst nicht überernst dabei. "Diese blöde Sonne! Jetzt scheint ja ständig die Sonne!" grimmt sie dem Wetter, das zum Schreiben nicht trübselig genug sein kann. Ein Naturmensch sei sie dennoch, in den Sommern mit Ernst Jandl auf dem Land hätte sie es nicht gebraucht, das künstlerische Schaffen, und manche Tage zerrissen ihr noch heute das Herz vor lauter Schönheit. "Ich lebe ja so gerne, so wahnsinnig gerne!"

Auch in der schlichten Schönheit dieses Films spricht sich Friederike Mayröckers Lebensfreude so leise und fesselnd aus, dass sie noch außerhalb des Kinos lange nachhallt. Das Schlichte, "Geringe" wird mit einer leichten Wendung des Blicks zur eigenständigen Vollzähligkeit. Diese Worte und Bilder können tatsächlich die Welt verändern.

AVIVA-Tipp: "Das Schreiben und das Schweigen" stellt sowohl zum künstlerischen Schaffen, als auch zu der faszinierenden Persönlichkeit Friederike Mayröckers eine große Nähe her. Die ebenso kunstvolle wie minimalistische und einfühlsame Dokumentation lässt viele Zwischentöne hörbar werden, in denen oft ein feiner Witz mitschwingt. Einen Spalt breit beleuchtet diese Verschmelzung von Bild und Sprache dabei nichts weniger, als die unergründliche Schnittstelle von innerer und äußerer Wirklichkeit. Ein absolut kostbarer Film.

Zur Regisseurin: Carmen Tartarotti wurde 1950 in Südtirol geboren. Sie studierte Germanistik und Politik in Frankfurt am Main und arbeitet seit 1979 als freie Filmemacherin in Deutschland, Österreich und Italien. Ihr erster Kurzfilm "Kribus-Krabus-Domine" wurde 1982 mit dem Prädikat: besonders wertvoll ausgezeichnet. Mit "1 Häufchen Blume 1 Häufchen Schuh", ihrem ersten Filmportrait über Friederike Mayröcker, erhielt sie 1989 den Filmpreis der Stadt München. Ihr Dokumentarfilm "Paradiso del Cevedale" wurde beim Internationalen Wettbewerb Film+Architektur in Graz mit dem Filmstein in Gold und mit dem Förderpreis des Kulturwerks / München ausgezeichnet.
Ihr Film "Das Schreiben und das Schweigen" hatte auf der Viennale 2008 seine Premiere und wurde mit dem Hessischen Filmpreis 2009 und mit dem Lichter Filmpreis 2010 ausgezeichnet. Carmen Tartarotti lebt in Frankfurt und Berlin.

Das Schreiben und das Schweigen
Deutschland 2009
Regie: Carmen Tartarotti
Drehbuch: Carmen Tartarotti, Georg Janett
Kamera: Pio Corradi
DarstellerInnen: Friederike Mayröcker, Edith Schreiber, Peter Huemer, Bernhard Fetz,
Hannes Schweiger, Julia Danielczyk, Aslan Gültekin
Verleih: Realfiction
Lauflänge: 90 Minuten
Kinostart: 14. Oktober 2010

Weitere Informationen finden Sie unter:

das-schreiben-und-das-schweigen.realfictionfilme.de

www.fembio.org

www.suhrkamp.de

Weiterlesen auf AVIVA-Berlin:

Friederike Mayröcker mit Peter-Huchel-Preis 2010 ausgezeichnet

Kultur > Kino Beitrag vom 10.10.2010 Evelyn Gaida 

   




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