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AVIVA-BERLIN.de im Dezember 2016 - Beitrag vom 19.01.2012

Interview mit Shlomit Lehavi
Sharon Adler

Die israelische KĂĽnstlerin nahm auf Einladung von ART LABORATORY BERLIN an einer international ausgerichteten Ausstellung teil, in der KĂĽnstlerInnen und Wissenschaftlerinnen in einen intensiven ...



... Dialog treten werden.

"Time Sifter" von Shlomit Lehavi bildet die erste von insgesamt sechs Positionen, die in einer dreiteiligen Ausstellungsserie unter dem Motto "Time and Technology" und "Synästhesie" gezeigt werden. Diese legen die Themenschwerpunkte auf den Einfluss neuester Technologien auf die Sinneswahrnehmung in der zeitgenössischen Kunst.

Lehavis Arbeiten erforschen das kollektive Gedächtnis und Vergessen und die Rolle der einzelnen AkteurInnen darin. Der Faktor "Zeit" spielt eine wesentliche Rolle in ihren Betrachtungen, denn diese wiederum ist stark verknüpft mit dem Phänomen "Erinnerung" und "Vergessen".

Die Arbeit "Time Sifter" (2008) ist eine multimediale, in Bildern und Sound eingebettete, von den BetrachterInnen veränderbare Installation, die mit dem Thema Zeitmaschine im digitalen Zeitalter spielt und zu einer Reise durch Bewegung, Raum und Klang einlädt.



Aufgewachsen in Israel, wurde sie im Gedanken des Sich-Erinnerns erzogen: "Wir waren mit der Erinnerung beschäftigt, als ob die gesamte jüdische Geschichte die eines kollektiven Gedächtnisses sei. Es handelt sich hier aber wohl nicht so sehr um Geschichte als solche, vielmehr geht es um das kollektive Gedächtnis. Als Juden und Israelis sind wir alle verpflichtet, uns an unsere Vergangenheit zu erinnern, um sie an unsere Kinder und Kindeskinder weitergeben zu können. Dieses Gedächtnis darf niemals sterben"

Lehavi sieht das Phänomen Erinnerung versus Vergessen in der Zeitwahrnehmung gespiegelt: Zweimal jährlich wird in ganz Israel für zwei Minuten der gesamte Verkehr angehalten und Jede/r gedenkt der Opfer des Holocaust und der im Unabhängigkeitskrieg gefallenen SoldatInnen ("To Remember und Never Forget").
"Auf der anderen Seite ändert und verzerrt die permanente Unsicherheit über das Morgen die Sichtweise auf die Zeit. Das Leben muss jetzt und heute gelebt werden: Carpe diem – denn es könnte vielleicht kein morgen mehr geben."

Lehavi betont den Konflikt, sich – als Jüdin – beständig zu erinnern, nie zu vergessen und die Zeit einzufrieren, damit die Geschichte sich nicht wiederholt und – als Israeli – zu vergessen und schnell zu leben, um zu überleben.

AVIVA-Berlin: Sie beschäftigen sich seit langem mit der Ambivalenz von "kollektivem Gedächtnis versus kollektivem Vergessen", der Rolle des Individuums und dem in dem Zusammenhang paradox erscheinenden Begriff von Zeit. Mit Ihrem Projekt "Time Sifter"möchten Sie eine Diskussion über Zeit und Raum im digitalen Zeitalter anregen. Bitte erzählen Sie uns etwas über den Prozess und die Idee dahinter.
Shlomit Lehavi: Es begann, als ich altes Filmmaterial sichtete und mir auffiel, wie sehr Videos doch eine Zeitmaschine sind, da sie einen zu emotionalen und und räumlichen Orten zurückbringen. Von da an suchte ich nach Wegen, diese Idee vom Video als Zeitmaschine darzustellen. Mein Hauptanliegen war es, eine moderne Zeitmaschine zu bauen.
Es war ein langer Prozess während der viele Skizzen und Modelle angefertigt und mit FreundInnen und KollegInnen diskutiert werden musste, bevor sie abgeschlossen werden konnte. Der wichtigste Teil davon war, nach Istanbul zu reisen. Dort wurde nahm das Projekt Gestalt an und dort wurde es auch fertig gestellt.

AVIVA-Berlin: In der Installation "Time Sifter" verbinden Sie das Gesamtkonzept des kollektiven Gedächtnisses mit Ihrer persönlichen - jüdischen - Sicht auf die Dinge. Sie betonen den immerwährenden Konflikt, sich – als Jude – beständig zu erinnern, nie zu vergessen und die Zeit einzufrieren, damit die Geschichte sich nicht wiederholt und – als Israeli – zu vergessen und schnell zu leben, um zu überleben...
Shlomit Lehavi: Mich interessiert, was Menschen miteinander verbindet und was sie von einander trennt. Wenn man in Israel aufwächst, ist das Bewusstsein einer kollektiven Geschichte Teil der persönlichen DNA. Es hat eine Weile gedauert, bis ich mir darüber klar wurde, aber ich denke, die räumliche Trennung von dieser Kultur hat mich dazu gezwungen, mich einer Menge Fragen zu stellen. Der Kern dieser Fragen ist, für mich selbst ein Gleichgewicht zwischen meiner eigenen und meiner kollektiven Identität zu finden. Dabei geht es mir nicht nur um einen nationalen oder einen jüdischen Standpunkt, sogar unsere Eltern haben uns Narrationen und Identitäten vermittelt, die nicht unbedingt dem entsprechen, was wir in unserem späteren Leben als unser gewünschtes oder wahrhaftiges Selbst empfinden.

AVIVA-Berlin: Sie haben schon sehr früh angefangen, sich mit Kunst zu beschäftigen - warum?
Shlomit Lehavi: Ich wurde in ein KünstlerInnenumfeld hinein geboren. Der Onkel meiner Mutter ist Arie Aroch, ein bekannter israelischer Künstler, und viele der FreundInnen meiner Eltern sind Künstler. Ich bin also inmitten von Kunst und ihren Kunstschaffenden aufgewachsen.Ich habe schon sehr früh ständig Dinge gebastelt und konstruiert, aber ungefähr 1987 ist mir aufgefallen, dass alles, was ich machte, im Grunde Kunst war oder zu Kunst wurde.
Ich hatte aber nie vor, Künstlerin zu werden. So sehr ich auch von Kunst umgeben war, war das doch nie eine bewusste Entscheidung, sondern viel mehr ein innerer Drang. Ich dachte daran, Architektin zu werden, aber nachdem ich in einem ArchitektInnenbüro gearbeitet hatte, war mir klar, dass das nicht wirklich das ist, was ich machen wollte. Also ging ich zur Universität und studierte Design, aber was ich auch tat, andauernd musste ich die Regeln brechen und meinen Willen durchsetzen, bis mein Professor mir vorsichtig beibrachte, dass ich wohl eher in eine Kunstschule gehörte.

AVIVA-Berlin: Anfangs haben Sie hauptsächlich gemalt und gezeichnet, vor allem eines Ihrer Projekte, Easy Does It ist eher puristisch einzuordnen. Die Arbeit mit Video und Videoinstallationen kam erst später und hat Ihre Arbeitsweise grundlegend verändert...
Shlomit Lehavi: Ich habe Videoinstallationen immer schon mit Zeichnungen kombiniert. Videos sind einfach ein weiteres Material, das ich benutze, wenn es fĂĽr mein aktuelles Projekt relevant ist. In meinen Projekten verwende ich jedes erdenkliche Material, ob existent oder nicht.
Heute male ich nicht mehr. Ich zeichne, aber nicht für die Öffentlichkeit. Lange Zeit habe ich es nicht vermisst, dann begann mir der Vorgang des Zeichnens zu fehlen, seine Körperlichkeit und Direktheit. Inzwischen benutze ich eine große Leinwand als Skizzenbuch.

AVIVA-Berlin: Welche Herausforderungen stellt die Verwendung von interaktiven Visualisierungstechnologien in Ihren Installationen dar?
Shlomit Lehavi: Lustigerweise bin ich nicht allzu wild auf interaktive Kunst. Ich denke, sie nimmt den Zuschauenden eine Menge Gelegenheit, die Kunst auf sich wirken zu lassen und wird nur noch zu einem Spiel mit der Kunst. Ironisch, oder? Aber manchmal, oder zumindest in meinem Fall, stellt die Installation einen unverzichtbaren Teil des Gesamtkunstwerks dar. Die Herausforderung besteht darin, ihre Wichtigkeit innerhalb des Gleichgewichts der verschiedenen Bestandteile des Werks zu verstehen. Das Objekt, das Material, der Zusammenhang und der Prozess der Interaktion untereinander – all dies sollte berücksichtigt werden.

AVIVA-Berlin: In Ihren Installationen "IMNOW" und "Mira" involvieren Sie das Publikum, indem Sie in einen direkten Dialog mit ihm treten. Wie kam das?
Shlomit Lehavi: "IMNOW" ist ein Kommentar zum Phänomen der Sozialen Medien. Ich war so überrascht und begeistert von den Veränderungen innerhalb der Begrifflichkeit für komplexe Vorstellungen, wie beispielsweise Freundschaft. Der einzige Weg, meine Fragen zur Debatte zu stellen, bestand darin, das Publikum miteinzubeziehen. "Mira" war ein spaßiger kleiner "Dienst", den ich den Leuten erwies, indem ich ihnen die Chance gab, sich selbst kurz anders wahrzunehmen. Ich kann nicht sagen, dass es für mich wichtig ist, das Publikum zur Teilnahme zu "zwingen", aber wenn es relevant ist oder Spaß macht – dann muss ich es tun.

AVIVA-Berlin: An welchen Projekten arbeiten Sie momentan noch?
Shlomit Lehavi: Ich arbeite an einigen Projekten. Gerade habe ich ein Video namens "Two Sides to the River" fertig gestellt, in dem der East River in New York gleichzeitig von zwei gegenüber liegenden Punkten aus gefilmt wurde. Dadurch soll ein Austausch zwischen und eine Betrachtung über Raum, Zeit und Standpunkten kreiert und untersucht werden – mit allen persönlichen, menschlichen und politischen Aspekten. Außerdem arbeite ich an einer Videoperformance und an einer "six channel video installation".

AVIVA-Berlin: Ihre Projekte "Magic Door 2.0" und "Magic Eye" greifen thematisch eine israelische Fernsehshow aus dem Jahr 1974 auf, an der Sie beteiligt waren. Inwiefern ist Ihr israelischer Hintergrund Teil Ihrer Arbeit?
Shlomit Lehavi: Alles aus meinem Hintergrund beeinflusst meine, größtenteils unbewusst, aber teilweise auch bewusst. Dieses spezielle Projekt "Magic Door 2.0" ist ein direkter Einfluss, da ich der Kinderstar dieser Show war (die "Magic Door" hieß) – es ist also eine Art Anekdote.



AVIVA-Berlin: Sie leben heute in den USA (Brooklyn), geboren sind Sie in Israel. Wie definieren Sie "Heimat" und "Zuhause-Sein?
Shlomit Lehavi: Darauf gibt es keine einfache Antwort. Für mich gibt es keine feste Heimat mehr, sondern eher eine neue Definition davon. Es gibt einfach kein einzelnes "Zuhause" mehr. New York ist mein Zuhause und Tel Aviv ist meine Heimat. Es ist ein wenig, wie das Haus seiner Eltern zu verlassen – es ist danach nicht mehr der Ort, an dem du wohnst, aber es ist für immer dein Zuhause. Ich selbst bin mein Zuhause. Mein Atelier ist meine Heimat.

AVIVA-Berlin: Danke fĂĽr das Interview!

Weitere Infos zu Shlomit Lehavi finden Sie unter:

shlomitlehavi.com
shlomitlehavi.com/MagicEye

www.artlaboratory-berlin.org

Shlomit Lehavi

Diverse Ausstellungen international (Auswahl)

kuratorische Projekte (Young Israeli Art, 555 West 25th Street, New York, USA, 3D 3 Times (Gruppeninstallation), Sgula square, Jaffa, Israel)

Residencies und Festivals (Auswahl)
2009 re-new 2009, Digitales Kunstfestival, Kopenhagen, Dänemark
2008 Future Places, Digitales Medienfestival, Porto, Portugal
Laboratoire Village Nomade, Estavayer-le-Lac, Schweiz

Stipendien und Preise (Auswahl)
2008 Future Places, Digitales Medienfestival, Porto, Portugal – 2. Preis
2006-2007 TSOA Stipendium
2001 America-Israel Cultural Foundation Stipendium

ART LABORATORY BERLIN wurde im 2006 von einem internationalen Team von KunsthistorikerInnen und KünstlerInnen als gemeinnütziger Verein gegründet (Art Laboratory Berlin e. V.) Als nichtkommerzieller Kunstraum ist ART LABORATORY BERLIN eine Plattform für interdisziplinäre Ausstellungsprojekte im internationalen Kontext.
Das Hauptinteresse gilt dabei der Präsentation und Vermittlung zeitgenössischer Kunst an der Schnittstelle zu anderen kreativen Bereichen. Mit mehreren Themenausstellungen zu jedem dieser Bereiche wurden die vielfältigen Aspekte des Zusammenspiels zweier nicht direkt miteinander in Verbindung stehender Gattungen zur Diskussion gestellt. Gegenwärtig zeigen die InitiatorInnen in der Reihe Artists in Dialog jeweils zwei KünstlerInnenpositionen, denen ein Thema, Motiv oder eine künstlerische Strategie eigen ist.
ART LABORATORY BERLIN fördert im Rahmen der Ausstellungspraxis den Kontakt zwischen Publikum und KünstlerInnen. Für die Vermittlung der zeitgenössischen Kunst und der Erforschung ihrer Interaktion mit anderen kreativen Bereichen sind Gespräche mit den ausstellenden KünstlerInnen Bestandteil des Ausstellungsprogramms. Des Weiteren werden die Ausstellungen durch themenrelevante Vorträge, Filmvorführungen und Workshops ergänzt.

Copyright Fotos: Sharon Adler, Shlomit Lehavi

Kultur > Kultur live Beitrag vom 19.01.2012 Sharon Adler 

   




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