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AVIVA-BERLIN.de im Dezember 2017 - Beitrag vom 21.05.2007

Mascha Kaléko zum 100. Geburtstag
Daniela Besser

Am 7. Juni 2007 wäre die Dichterin 100 Jahre alt geworden. Zu diesem Anlass erscheinen Bücher über und von Mascha Kaléko, die das Interesse für ihr Leben und Werk wecken und vertiefen können.



Das Leben der Dichterin Mascha Kaléko (1907-1975) war wechselvoll und oft schwer zu tragen für einen Menschen, besonders für eine Frau, die von ihrem Wesen her sehr sensibel auf die sie umgebende Umwelt reagierte - sei es auf zwischenmenschlicher Ebene oder bezogen auf die lebensweltlichen Verhältnisse. Schon früh macht sie die Erfahrung von Flucht und Verlust von Sicherheit, "diese Heimatlosigkeit gepaart mit Vaterlosigkeit prägte das existentielle und lebenslängliche Gefühl von Verlorenheit. [...] Und das erzeugte ein lebenslanges Heimweh." (Gisela Zoch-Westphal) Der Vater ist zwar nicht tot, aber dennoch selten - aufgrund lebensgeschichtlicher Umstände - für Mascha in ihrer Kindheit zu erreichen.

Mascha Kaléko ist ein sehr emotionaler Mensch und verarbeitet diese bedrückenden Gefühle von Angst, Einsamkeit und Ungewissheit in ihrer poetischen Arbeit. Sie wandelt Erlebtes in Dichtung, was charakteristisch für ihr Werk wird: Ihre Biographie findet sich in ihren Gedichten, liest man ihre Poesie aufmerksam, kann man viel über ihr Leben erfahren. Dies ist sehr hilfreich, denn mit Auskünften über ihr Privatleben war Mascha Kaléko sonst eher zurückhaltend. Für sie allzu intime Zeugnisse vernichtete sie. Auch die Spuren ihrer Herkunft, Kindheit und Familie sowie die ihres Alters versuchte sie zu verwischen, "andererseits [sind] viele Briefe und Dokumente aufbewahrt, die es erlauben, die Höhen und Tiefen ihres Lebens und ihrer Karriere als Autorin nachzuzeichnen. [...] Die Möglichkeit, dass man sich später mit ihrem Leben und Werk ausführlicher beschäftigen könnte, scheint Mascha Kaléko in Betracht gezogen zu haben. Rezensionen, Korrespondenz mit Verlagen und Leserbriefe aus den dreißiger Jahren hat sie sorgfältig aufbewahrt und von Kontinent zu Kontinent mitgenommen." (Jutta Rosenkranz).

Anhand dieses umfangreichen Materials (Briefe, Tagebuchaufzeichnungen und auch Fotos) aus dem Nachlass der Dichterin, Rezensionen in Zeitungen, Zeitschriften und im Hörfunk sowie ihrer Gedichte rekonstruiert Jutta Rosenkranz in ihrer Biographie über Mascha Kaléko die Persönlichkeit, das Leben mit zahlreichen Schicksalsschlägen (Exil, Krankheit, früher Tod des einzigen Sohnes), Kalékos, ihr Verhältnis zu Deutschland und vor allem zu Berlin, den Beginn ihrer Karriere als Lyrikerin Anfang der 30er Jahre in Berlin und dessen abruptes Ende durch Veröffentlichungsverbot und Vertreibung während der NS-Zeit, ihre Situation als schreibende Frau, die eben zugleich immer auch noch Ehefrau- und Mutterpflichten zu erfüllen hatte, und besonders in Amerika als "Karrierehelferin" ihres Mannes fungierte, was neben der Sprache einer der Gründe für die verminderte Produktivität in eigener Sache war.

Zur Autorin: Jutta Rosenkranz, geboren 1957 in Berlin, studierte Germanistik und Romanistik und lebt als freie Autorin und Journalistin in Berlin. Sie hat Gedichte, Prosa und literarische Essays veröffentlicht sowie zahlreiche AutorInnen-Portraits und Features für den Hörfunk geschrieben. Als Herausgeberin mehrerer
Lyrik-Anthologien erschien zuletzt "Berlin im Gedicht" (2006). (Quelle: Verlagsinformation).

AVIVA-Tipp: Rosenkranz´ Verdienst ist es, mit diesem Buch über Mascha Kaléko eine der ersten umfangreichen Biographien über das Leben und Werk einer der bedeutendsten Poetinnen des 20. Jahrhunderts vorgelegt zu haben, deren Schaffen bisher nur von wenigen entsprechend gewürdigt wurde. Neue Einsichten liefert Jutta Rosenkranz vor allem hinsichtlich des Verhältnisses Kalékos zu Berlin, aber auch die Beziehungen zu Eltern, Geschwistern und ihrem Sohn, sowie der oft schwierigen finanziellen Situation der Familie Kaléko-Vinaver, bringen den interessierten LeserInnen ergänzende Informationen. Zudem erfährt frau/man einiges Erhellendes über die teilweise doch recht schwierigen Versuche Kalékos, ihre Poesie in den 60er Jahren gegenüber gewandelten Vorstellungen des Lyrikverständnisses und der Verlage zu behaupten, obwohl die Begeisterung des Publikums bei ihren Lesereisen in Deutschland ungebrochen ist.

Welcher wunderbare Schatz mit Kalékos Dichtung von jeder/jedem auch heute noch zu heben ist, macht der gerade im Mai 2007 erschienene Lyrikband "Mein Lied geht weiter" deutlich. Gisela Zoch-Westphal, von Mascha Kaléko selbst als Nachlassverwalterin bestimmt, hat hundert Gedichte ausgewählt und diese überaus schöne Hommage unter dem Titel einer Verszeile aus einem Gedicht, das auch in diesem Buch vertreten ist, veröffentlicht.

Es ist gerade eine melodische Poesie, die in Mascha Kalékos Gedichten zum Vorschein kommt, die die Lesenden in ihren Bann zu ziehen vermag. Leicht verständlich geschriebene Verse liest frau/man so beschwingt - sie machen heiter -, obwohl ihr Inhalt oft auch melancholisch ist. Gerade dies scheint mir das Faszinosum von Kalékos Dichtung: Es ist ein Schimmern in ihnen, ein ständiges Wechselspiel der Worte und Gefühle, das nicht eindimensional bleibt, sondern um die Zwiespältigkeit, Paradoxie, Uneindeutigkeiten des Lebens weiß. Gerade so als wollte sie sagen: Alles hat ihre/seine zwei Seiten. Und eine von diesen kehrt Kaléko eben nicht unter den Tisch der "hohen Lyrik", sondern bringt sie beide reflektiert, aber dennoch mit viel Gefühl pointiert zum Ausdruck in ihrer einfühlsamen, lebensnahen Poesie.

Es sind die allgemein-menschlichen Erfahrungen und Gefühle, die Kaléko thematisiert, sodass sich jede/r LeserIn ein Stück weit in ihnen wiederfinden kann:
Liebe, Alltag, Großstadt, Einsamkeit, Freude ebenso wie Weltschmerz, Krankheit, Tod und Trauer. Einen weiteren wichtigen Einfluss auf ihre Dichtung hatten ihre Exil-Erfahrungen, die sie als Kind einer jüdischen Familie aus Galizien schon früh geprägt haben. Gerade in Berlin schien sie eine Heimat für sich privat und ihr künstlerisches Schaffen gefunden zu haben. 1933 erschien "Das lyrische Stenogrammheft" und wurde ein großer Erfolg, sie war sogar im legendären Künstlertreff, dem "Romanischen Café" in Berlin, zugegen. Doch 1938 musste sie mit ihrem zweiten Mann und ihrem gemeinsamen Sohn Deutschland verlassen. Diesmal führte sie die Flucht in die USA, nach New York. Verstärkt setzt sich Kaléko in ihren Gedichten nun mit dem Schicksal der Vertreibung, Heimatlosigkeit und Verlorenheit auseinander. Vor allem Kummer und Verzweiflung prägen diese Zeit, Verbitterung und das Lebensgefühl nicht zu leben, sondern nur zu überleben.

Das Gesamtwerk Mascha Kalékos der lesenden und hörenden Öffentlichkeit nahezubringen, hat sich die Nachlassverwalterin Gisela Zoch-Westphal zur Aufgabe gemacht. Neben dem jetzt erschienenen Lyrikband "mit hundert ausgewählten Gedichten, der in sieben Kapiteln die wichtigsten Etappen und Themen in Maschas Leben spiegelt" (G. Zoch-Westphal), hat sie bereits "Die paar leuchtenden Jahre" und "In meinen Träumen läutet es Sturm" herausgebracht.

AVIVA-Tipp: Ein schönes Geschenk: Hundert Gedichte zum 100. Geburtstag. Nicht nur Mascha Kaléko würde sich darüber freuen, auch wir, die LeserInnen tun dies sehr. Neben der geschmackvollen Einbandgestaltung sind auch die kurzen erklärenden Worte von Gisela Zoch-Westphal am Ende des Buches zu erwähnen. Ein rundum gelungener Band, dessen Lyrik-Lektüre wärmstens zu empfehlen ist.

In dem Buch "In meinen Träumen läutet es Sturm" sind Gedichte und Epigramme aus dem Nachlass versammelt, herausgegeben von G. Zoch-Westphal. Es wurde bereits 1977 erstmals publiziert, also zwei Jahre nach Kalékos Tod. 2006, fast dreißig Jahre später, erschien dieses Buch in der fünfundzwanzigsten Auflage.

Im Vorwort ist - neben vielen anderen interessanten Informationen biographischer Art und der Freundschaft von Kaléko und Zoch-Westphal - die Beliebtheit von Mascha Kalékos Gedichten in Zahlen ausgedrückt festgehalten: "Mascha Kalékos, Lyrisches Stenogrammheft hat eine Auflage von 100.000 Exemplaren erreicht, für einen Lyrikband ist das enorm. [...] Nach dem Bulletin des PEN-Zentrums rangiert an erster Stelle auf der Verkaufsliste deutschsprachiger Gedichte Goethe mit 138.000 Exemplaren [...]. Danach kommt gleich Mascha Kalékos, Lyrisches Stenogrammheft."

Das "Lyrische Stenogrammheft" ist ihr erstes veröffentlichtes Buch, aber auch die späteren Gedichte bestechen mit ihrem typischen Kaléko-Ton. Besonders auffällig ist hier die Thematisierung von Vergänglichkeit, Träumen und Sehnsucht, die fast immer von einer melancholischen Stimmung getragen, häufig aber zugleich auch mit Ironie gespickt sind. Es ist eine Schwermut und Weisheit in dieser Dichtung, die ihre Gedanken nicht nur aus dem alltäglichen Erleben und den schweren Schicksalsschlägen, sondern auch aus Philosophie, Psychologie und Religion bezieht.

AVIVA-Tipp: Das Buch enthält viele Gedichte, die auch in "Mein Lied geht weiter" zu finden sind. Die Einteilung unter die Hauptthemen ist hier jedoch deutlicher vorgenommen: "Lieder für Liebende", "Im Exil", "Zeit- und Unzeitgedichte" und "Das letzte Jahr". Zudem gibt es einen Teil mit Epigrammen, die fast durchweg wunderbar sind, und die frau/man nicht missen möchte.

"Das lyrische Stenogrammheft", erstmals 1933 veröffentlicht, ist im April 2006 in der dreißigsten Auflage beim Rowohlt-Verlag erschienen und beinhaltet auch ein "Kleines Lesebuch für Große" von 1934. In beiden steht die poetische Verarbeitung menschlicher Beziehungen und Verhaltensweisen im Vordergrund. Kaléko beobachtet genau und kann dadurch Typen und deren Einstellungen zum Leben pointiert wiedergeben. Und obwohl fast ein Dreivierteljahrhundert zwischen ihren erlebten und beobachteten Ereignissen und heute vergangen ist, ist ihre Dichtung noch immer aktuell.

"Das lyrische Stenogrammheft" ist in vier Abschnitte unterteilt:
1. "Von Montag früh bis Wochenend", in dem sich neben Arbeitsalltag, Geldsorgen und "Kassen-Patienten", auch Gedichte über Abschieds- und Liebeskummer sowie Großstadtliebe finden.
2. "Rote Zahlen im Kalender" beschäftigt sich mit dem Sonntagmorgen, Frühling und Erwachsenwerden ebenso wie mit Reisen/Urlaub, Weihnachten und Schneeimpressionen.
3. "Blasse Tage" behandelt die Themen Traurigkeit/Schwermut, die vergangene Liebe und Sehnsucht nach der vergangenen Zeit, in der noch alles für die Zukunft erträumt werden konnte, aber auch Alpträume, verletzende Auseinandersetzungen und Einsamkeit.
4. "Plüschsofa und Vertikow" nimmt sich der Verwandtschaft und dem Schein der "herrschaftlichen Häuser" an. Eine Besonderheit stellen hier die Berlinerischen Verse dar.

Der zweite Teil – "Kleines Lesebuch für Große" – ist ebenfalls in vier Abschnitte gegliedert: "Römisch Eins – Von Mensch zu Mensch", "Römisch Zwei – Von Elternhaus und Jugendzeit", "Römisch Drei – Von den Jahreszeiten" und "Römisch Vier – Von Reise und Wanderung" enthalten Gedichte und ganz, ganz kurze Geschichten.
AVIVA-Tipp: Ein schmaler, aber deshalb nicht weniger gewichtiger Lyrik-Band, den frau/man umso besser immer mit dabei haben kann. Denn Kaléko-Dichtung ist zeitlos – obwohl durchaus auch Zeitspezifisches zu erfahren ist – und kann heute noch durch ihren Charme beeindrucken und ergreifen.

Lesen Sie auch die Rezension zu dem Buch Die paar leuchtenden Jahre, in dem sich unter anderem die biographischen Skizzen "Aus den sechs Leben der Mascha Kaléko" von Gisela Zoch-Westphal befinden. Lesen Sie auch die von Elke Heidenreich zusammengestellte Auswahl von Gedichten, veröffentlicht unter "Elke Heidenreich liest Alltagspoesie von Mascha Kaléko" .



Jutta Rosenkranz
Mascha Kaléko

Biographie
dtv premium, erschienen Mai 2007
Kartonierter Einband, 300 Seiten, mit Auszügen von Kaléko-Gedichten und Briefen sowie teilweise bisher unveröffentlichten Schwarz-Weiß-Fotos
ISBN: 978-3-423-24591-3
Preis: 14,50 Euro



Mascha Kaléko
Mein Lied geht weiter

Hundert Gedichte - Ausgewählt und herausgegeben von Gisela Zoch-Westphal
dtv, erschienen Mai 2007
Kartonierter Einband, 160 Seiten
ISBN: 978-3-423-13563-4
Preis: 6,- Euro



Mascha Kaléko
In meinen Träumen läutet es Sturm

Gedichte und Epigramme aus dem Nachlass - Herausgegeben und eingeleitet von Gisela Zoch-Westphal
dtv, 25. Auflage April 2006
Kartonierter Einband, 160 Seiten
ISBN: 978-3-423-01294-2
Preis: 7,50 Euro


Mascha Kaléko
Das lyrische Stenogrammheft – mit Kleines Lesebuch für Große

Rowohlt, 30. Auflage erschienen April 2006
Kartonierter Einband, 171 Seiten
ISBN: 978-3-499-11784-3
Preis: 7,50 Euro

Im Juni 2007 ist "Das lyrische Stenogrammheft" erneut aufgelegt worden:
Mascha Kaléko
Das lyrische Stenogrammheft

Gedichte aus der Welt der Großstadt.
Rowohlt, erschienen Juni 2007
Kartonierter Einband, 96 Seiten
ISBN: 3499245477
Preis: 5,- Euro

Mascha Kaléko
Weil du nicht da bist

Gelesen von Elke Heidenreich
Musik: Germaine Tailleferre
Oeuvres pour piano
Laufzeit ca. 60 Minuten
1 CD, 18 Euro
Random House/Audio
ISBN 3-89830-923-1

Lesen Sie auch unsere Rezension zur CD "Mascha", vertont von Rainer Bielfeldt und Julia Kock.

Literatur Beitrag vom 21.05.2007 AVIVA-Redaktion 

   




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