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AVIVA-BERLIN.de im Dezember 2017 - Beitrag vom 27.07.2007

Das weibliche Gehirn - Audiobook
Stefanie Denkert

Sandra Borgmann liest den sexistischen Bestseller von Louann Brizendine, erschienen bei Hoffmann und Campe. Fragt sich nur, ob Menschen mit einem weiblichen Gehirn auch verstehen, worum es geht...



"Frauen können alles. Nur anders." meint die Neuropsychiaterin Louann Brizendine und bezieht sich in ihrem Bestseller "Das weibliche Gehirn" auf angebliche Erkenntnisse der Gehirnforschung.
Dass Geschlechtsunterschiede auch im Gehirn gefunden werden, ist ja nichts Neues. Fr√ľhe Gehirnforscher konnten sogar Unterschiede zwischen den Gehirnen von schwarzen und wei√üen Menschen, zwischen denen von Juden und Ariern, finden - in den 1990ern auch noch zwischen homosexuellen und heterosexuellen Menschen. Vielleicht k√∂nnen die neuesten Technologien helfen, auch Unterschiede zwischen den Gehirnen von blonden und br√ľnetten Menschen, oder von kleinen und gro√üen Menschen, oder von Landeiern und Gro√üst√§dtern, oder von Menschen mit harten und weichen Fingern√§geln, oder M√§nnern mit kleinen und gro√üen Penissen zu finden. Ach, das finden Sie absurd? Wer suchet, der findet - aber warum sucht danach keine/r?

Als wei√üe M√§nner begannen, Menschen in "Rassen" einzuteilen, verbarg sich dahinter ein Herrschaftsinteresse. Die angeblich wissenschaftliche Erkenntnis, dass Afrikaner kleinere Gehirne haben und somit geringere geistige F√§higkeiten, nahm Sklavenh√§ndlern die Skrupel, sie auszubeuten. Auch Frauen haben kleinere Gehirne, und mit der angeblich bewiesenen naturgegebenen Dummheit konnte man(n) sie lange Zeit, z.B. vom Wahlrecht, von der freien Berufswahl und Machtpositionen fernhalten. Mittlerweile ist die Mehrheit √ľberzeugt davon, dass Frauen anders, aber gleichwertig sind. Bis endlich mehrheitlich anerkannt wird, dass Pers√∂nlichkeitsunterschiede schwerer wiegen als Geschlechtsunterschiede wird es wohl noch lange dauern, denn damit kann man(n) ja kein Herrschaftsinteresse durchsetzen.

Louann Brizendine merkt in der Einleitung von "Das weibliche Gehirn" an, dass die DNA von zwei beliebigen Menschen, d.h. auch von Mann und Frau, sich zu √ľber 99% gleicht. Doch zieht sie den Schluss, dass dieser Unterschied von weniger als 1% einen riesigen Unterschied zwischen Mann und Frau ausmacht - und nicht zwischen Mensch und Mensch.
Auch wenn Brizendine nebenbei mal erw√§hnt, dass ihre Behauptungen nicht auf alle Frauen zu treffen, verkauft sie uns ihre Wahrheiten √ľberzeugend als allgemeing√ľltig. Ihre Wahrheiten lassen eigentlich nur eine Schlussfolgerung zu: Frauen sind die meiste Zeit ihres Lebens unzurechnungsf√§hig. Junge M√§dchen, bei denen sich die Schaltkreise im Gehirn noch entwickeln, sind unberechenbar launisch, und zwar jeden Monat dank "pr√§menstruellem Gehirnsyndrom". Stillen ist f√ľr das "Mutterhirn" besser als ein Kokaintrip (an Ratten getestet!), obwohl stillende Frauen ein halbes Jahr "benebelt" durch die Gegend rennen. Und junge M√§nner denken ja eh nur an Sport und Sex (Frauen nur 1x am Tag). Beide Geschlechter leben angeblich in anderen "emotionalen Welten", denn mit Gef√ľhlen haben es die m√§nnlichen Gehirne nicht so - dabei kommen so viele ber√ľhmte Liebeslieder und -gedichte von M√§nnern.

Lieber mal das Buch "Das F-Wort" (Hrsg. Mirja St√∂cker) in die Hand nehmen und sich weiterbilden: Denn hier werden Klischees entkr√§ftet, statt pseudo-wissenschaftlich belegt. So weist die Professorin f√ľr Pr√§historische Arch√§ologie, Brigitte R√∂der, in ihrem Beitrag "J√§ger- und Sammlerinnenlatein" auf die Schwachstellen in popul√§rwissenschaftlichen Werken hin, darunter die Ver√∂ffentlichung "Warum M√§nner nicht zuh√∂ren und Frauen schlecht einparken" des Ehepaares Allan und Barbara Pease, oder die Thesen Eva Hermans in ihrem Buch "Eva-Prinzip". Dabei kritisiert R√∂der WissenschaftlerInnen, die immer noch im ¬īM√§nner=J√§ger und Frauen= Sammler¬ī - Schema denken. Auch die Biologin Sigrid Schmitz zeigt in ihrem Beitrag "Schicksal Gehirn?" anhand der Gehirnforschung, wie die Wissenschaft und die Medien, beeinflusst von dem Klischee der angeboren Geschlechterunterschiede, dieses wiederum reproduzieren. Die Geschlechterforschung hat schon vor langem aufgedeckt, dass die "Naturwissenschaft nicht neutral ist, wenn es um die Erkenntnisproduktion und Wissensverbreitung" in den Medien geht - allerdings gelangen die Erkenntnisse der Geschlechterforschung selten von der Uni in die breite √Ėffentlichkeit.

Aber manchmal eben doch: Anfang Juli 2007 schrieb der stern √ľber eine Studie des Psychologen Matthias Mehl und seines Teams an der Universit√§t von Arizona in Tuscon. Dabei kamen die ForscherInnen zu folgendem Ergebnis: Frauen benutzen im Durchschnitt 16.215 W√∂rter t√§glich, M√§nner 15.669 W√∂rter.

Das ergibt eine statistisch unbedeutende Differenz von 546 W√∂rtern. Bemerkenswert sind auch die Unterschiede innerhalb der Geschlechter-Gruppen, so benutzte der wortkargste Mann lediglich 500 W√∂rter, w√§hrend der wortreichste Mann mehr als 45.000 W√∂rter am Tag gebrauchte (das sind 30.000 W√∂rter mehr als die durchschnittliche Frau!). F√ľr die weitverbreitete Behauptung, auf die sich auch Louann Brizendine bezieht, dass Frauen 20.000 W√∂rter und M√§nner nur 7.000 W√∂rter am Tag benutzen, finden WissenschaftlerInnen keinen Beleg! Laut James Pennebaker, Leiter der psychologischen Fakult√§t an der Universit√§t Texas, ist das eine "urbane Legende".

AVIVA-Fazit: Sexistischer Bullshit! Etliche Studien, die nicht in den popul√§rwissenschaftlichen Medien zitiert werden, haben das Nicht-Vorhandensein von Geschlechtsunterschieden entweder bewiesen, oder weisen daraufhin, dass die Unterschiede sich durch geschlechterrollenkonforme Sozialisation entwickeln. Wenn bei M√§dchen das r√§umliche Denken nicht gef√∂rdert wird, daf√ľr aber sprachliche F√§higkeiten, dann wird das im Gehirn sichtbar. Zum Gl√ľck ist aber auch das weibliche Gehirn ein Leben lang formbar.

Das M√§nnermagazin GQ fragte Louann Brizendine im Interview: "Wollen Sie zur√ľck in die Vergangenheit?" Darauf antwortete sie etwas emp√∂rt: "Das muss ich mich nicht fragen lassen. Ich war in den 70ern an der Uni Berkley, wo der Feminismus erfunden wurde. Mir ist klar: Frauen sind mindestens so intelligent und stark wie M√§nner. Sie k√∂nnen Astronauten, Ingenieure und Pr√§sidenten werden. Aber es gibt einen biologischen Unterschied. Nur weil ich den thematisiere, bin ich doch kein Fan des Patriarchats. Ich halte den Unterschied f√ľr etwas Spannendes. Mein Mann denkt anders als ich - das ist doch interessant. Aber ich gebe zu: Manchmal nervt es auch sehr." Ich denke auch anders als Louann Brizendine, denn die nervt mich....

Zur Autorin: Louann Brizendine lehrt Neuropsychiatrie an der University of California. Sie ist Gr√ľnderin der Women¬īs and Teen Girls¬ī Mood and Hormone Clinic. Mit ihrem Mann und Sohn lebt sie in San Francisco. Weitere Infos: http://www.louannbrizendine.com

Zur Sprecherin: Sandra Borgmann (geb. 1974) studierte an der Folkwang Hochschule in Essen. Seit 1997 ist sie in Film und Fernsehen zu sehen, z.B. brillierte sie in "Berlin, Berlin". Zur Zeit ist sie in der ZDF-Serie "KDD - Kriminaldauerdienst" zu sehen. Borgmann kann man auch als Sprecherin diverser WDR-Produktionen hören.


Louann Brizendine
Das weibliche Gehirn

2 Audio-CDs (Audiobook)
Hoffmann und Campe Verlag, erschienen im Juli 2007
ISBN-10: 3455305407
ISBN-13: 978-3455305401
Preis: 17,95 Euro

Lesen Sie lieber auf AVIVA:

Interview mit Katja Kullmann.


Weiterlesen (ohne Sexismus):

Mirja Stöcker (Hrsg.) "Das F-Wort"

Alice Schwarzer "Die Antwort"

Thea Dorn: "Die neue F-Klasse"

Jessica Valenti "Full Frontal Feminism - A young woman¬īs guide to why feminism matters"

Anne Fausto-Sterling "Sexing the Body: Gender Politics and the Construction of Sexuality" (2000)

Judith Butler "Körper von Gewicht. Die diskursiven Grenzen des Geschlechts" (1997)


Thomas Laqueur "Making Sex: Body and Gender from the Greeks to Freud" (1990)

Literatur Beitrag vom 27.07.2007 AVIVA-Redaktion 

   




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