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AVIVA-BERLIN.de im Dezember 2017 - Beitrag vom 13.09.2007

Gudrun Sailer - Frauen im Vatikan
Jule Fischer

Weibliche Stimmen im Vatikan. Ob Web-Schwester, Filmexpertin oder Präsidentin der päpstlichen Akademie: sie alle und andere erstaunliche Damen lässt Gudrun Sailer in ihrem Buch zu Wort kommen.



Etwas tut sich im Staate Vatikan. In der Männerdomäne der Kardinäle, der Gelehrten, der Gardisten sind Männer schon seit Jahren nicht mehr unter sich, denn mittlerweile ist 15 Prozent der Belegschaft im Vatikan weiblich!
Ein Phänomen der jüngsten Vergangenheit ist noch verblüffender: An entscheidenden Stellen des Heiligen Stuhls ziehen Frauen die Fäden. Noch bis vor wenigen Jahren "hätte, wer Frauen in vatikanischen Funktionen finden wollte, sie fast ausschließlich in so genannten niederen Diensten suchen müssen. Als Haushälterinnen bei Kurienkardinälen etwa, als Helferinnen beim Vatikanischen Zahnarzt (...)."
In Funktionen, die lange unerreichbar für Historikerinnen, Juristinnen oder Soziologinnen waren, finden sich zunehmend hochqualifizierte Frauen.

Die junge Österreicherin Gudrun Sailer ist seit 2003 Redakteurin von "Radio Vatikan". Immer wieder war sie mit ihrem Tonbandgerät im Heiligen Stuhl unterwegs und traf unerwartet, immer wieder auf Frauen. Sie begann, mit ihnen Interviews zu führen und aus diesen wurde schnell eine begeistert aufgenommene Reihe für das deutschsprachige Programm von Radio Vatikan. Festgehalten in ihrem Buch "Frauen im Vatikan", hat Gudrun Sailer nun 16 nahe und unterhaltsame Portraits von Frauen, die dem kleinsten Staat der Welt auf unterschiedlichste Weise dienen.

Dabei portraitiert Gudrun Sailer aber nicht nur Frauen in unerwartet hohen Positionen.
Neben Frauen wie Mary Ann Glendon, der renommierten Harvard-Juristin oder der Archäologin Letizia Ermeni Pani, die seit 2003 und 2004 die päpstlichen Akademien für Sozialwissenschaften und Archäologie leiten, finden sich auch die päpstliche Filmspezialistin, eine Web-Schwester, sowie eine Hausfrau und Mutter.

Eine der beeindruckendsten Frauen des Buches ist die Papst-Übersetzerin Sigrid Spath, die nicht nur Frau und Laie unter lauter Priestern ist, sondern auch noch evangelisch! Seit 36 Jahren landen 90 Prozent der päpstlichen Outputs auf ihrem Schreibtisch, ins Deutsche übersetzt hat sie Texte von Paul VI., Johannes Paul II. und Benedikt XVI. Und bis heute hat sie in ihren 68 000 übersetzten Seiten nur eine Stelle, bezüglich der Evangelischen Kirche gefunden "die so nicht hätte sein müssen." Was der damalige Kardinal Ratzinger geschrieben hat, verrät Sigrid Spath aber nicht.

Eine andere sympathische Erscheinung ist Web-Schwester Judith Zoebelein. Mit einem Augenzwinkern denkt sie an jene Computerkurse, die sie zu Beginn der neunziger Jahre im Vatikan abhielt: "Ich erinnere mich noch daran, wie ich einigen Kardinälen den Gebrauch der Maus erklärte".
Seit Johannes Paul II. das Medium Internet als neue Chance begriff, war die Franziskanerin für den Web-Auftritt des Heiligen Stuhls und damit für eine der meistbesuchten Internetseiten der Welt zuständig.

Die vielen kleinen Anekdoten der Frauen, ihre Lebenswege und ihre so unterschiedlichen Aufgaben geben den LeserInnen einen faszinierenden neuen Einblick in das Innere des Vatikans, der den Außenstehenden sonst verwehrt bleiben würde.
Es ist die privilegierte Position der Autorin als Teil dieses Gefüges, die dies ermöglicht, ihr vielleicht auch die Chance nahm, tiefer und vielleicht kritischer zu hinterfragen.

Keine Fanfarenstöße für die Weihe von Priesterinnen
Sailer selbst schreibt im Vorwort: "Dieses Buch ist keine Streitschrift. Wer Fanfarenstöße für die Weihe von Priesterinnen erwartet, wird enttäuscht werden." So ist es auch. Keine der Frauen spricht sich für eine Weihe aus, wenn das Thema überhaupt angeschnitten wird. Das ist eine Meinung, doch sie wird zumindest tiefgreifender nicht begründet. Die Ehefrau eines Schweizergardisten sagt etwa frisch und frei: "Ich stehe hundertprozentig dahinter, dass Priestersein ein Männerberuf ist. Lassen wir doch die Männer richtig Männer sein!"
Und auch die angesehene Juristin Mary Ann Glendon behauptet diesbezüglich, formale Gleichheit passe nicht für jede Lage oder jede menschliche Institution.

Hier wäre es reizvoll gewesen, zu erfahren, warum die Befragten diese Meinungen vertreten und welches Verständnis von Männern und Frauen diesen zugrunde liegen

So sind Portraits entstanden, in denen die Autorin die Abgebildeten sprechen lässt aber niemals fragt "Warum?". Das ist schade, denn es gibt Stellen im Buch, an denen bedeutungsvolle Fragen offen bleiben.

Dennoch: Gerade für Menschen, die in der Katholischen Kirche gern die institutionalisierte Form der Frauenfeindlichkeit sehen, hält dieses Buch einige Überraschungen bereit. Zum einen ist die Tatsache, dass Frauen zunehmend bedeutsame Aufgaben im Vatikan übernehmen, ein durchaus bemerkenswerter Fortschritt. Zum anderen haben die portraitierten Frauen Berufe inne, die in säkularen Gesellschaften häufig männlich konnotiert sind. Wo Frauen in fast allen Ländern bedeutend weniger verdienen, ist im Vatikan gleicher Lohn für gleiche Arbeit eine Selbstverständlichkeit.

Zur Autorin: Gudrun Sailer, geb. 1970 in Österreich, studierte von1988 bis 1995 Vergleichende Literaturwissenschaft, Romanistik und Philosophie in Wien, Innsbruck, Klagenfurt und Sevilla. Sie arbeitete in den folgenden Jahren bei verschiedenen österreichischen und deutschen Radiosendern.
Seit 2003 ist Gudrun Sailer Redakteurin bei Radio Vatikan in Rom.

AVIVA-Tipp: Auch wenn die LeserInnen auf den kritischen Teil verzichten müssen, erhalten sie durch "Frauen im Vatikan" einen wunderbaren Einblick in den Kirchenstaat. Gudrun Sailer ist ein sehr interessanter und kurzweiliger Rundgang durch den Kirchenstaat gelungen, der sich allen empfiehlt, die auch einmal weibliche Stimmen aus dem Vatikan hören wollen.

Gudrun Sailer
Frauen im Vatikan,
Begegnungen – Portraits - Bilder

St. Benno Verlag Leipzig, erschienen im Januar 2007
Gebunden, 172 Seiten
ISBN 978-3-7462-2182-3
9,90 Euro

Literatur Beitrag vom 13.09.2007 AVIVA-Redaktion 

   




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