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AVIVA-BERLIN.de im Oktober 2017 - Beitrag vom 28.01.2002

Hannah Arendt: Die verborgene Tradition
Gastautorin

Eine faszinierende philosophische Forschungsreise, die zum Nachdenken auffordert



Wer das Leben und die eigene menschliche Existenz f├╝r eine ganz einfache Sache h├Ąlt, braucht dieses Buch nicht und sollte besser die Finger davon lassen. Hannah Arendt st├Ârt und verst├Ârt ihre Leserschaft. Brillant und konsequent betreibt sie Aufkl├Ąrung in der Tradition Kants, der wie sie in K├Ânigsberg lebte.
Mit Nachdruck fordert sie zum Denken auf. Ihr Problem ist das, was ihr weh tut. Aber ihre ├ťberzeugung ist immer, dass dieser ultimative Schmerz - die H├Âlle auf Erden durch die Schrecken der Nazis - nicht selbstverst├Ąndlich ist. Die hier vorliegende Sammlung von Essays aus den 40er Jahren sucht nach Antworten, wie der Terror und das ├ťberleben m├Âglich war. An Beispielen aus Kunst, Literatur oder Film zeigt Arendt die Identifikationsfiguren der Unterdr├╝ckten.

Schlemihl - Chaplin - Superman
Die verborgene Tradition - das ist die verdr├Ąngte Geschichte der gesellschaftlich Stigmatisierten, der Juden - als Volk wie als einzelne Menschen. Arendt sieht keineswegs einen Prozess langsamer Emanzipation der Unterdr├╝ckten. Im Gegenteil: Sie geht aus von Heinrich Heines Konzept des "Schlemihl und Traumweltherrschers", voller Sympathie mit der "g├Âttlichen Frechheit" des gro├čen D├╝sseldorfers und selbstbewu├čten Juden, der seiner Heimatstadt bezeichnenderweise noch immer peinlich ist. "Unschuld ist das Kennzeichen des Stammbaums derer von Schlemihl". Heine hat noch G├Âtter, man kann es greifen, wie sehns├╝chtig-hoffnungslos Hannah Arendt ihn um diese M├Âglichkeit beneidet.

Aber sie gibt sich auch in diesem Punkt keinen Illusionen hin. Stattdessen sp├╝rt sie den verbliebenen M├Âglichkeiten der Paria-K├╝nstler nach, eine f├╝r sie und ihr Schicksal repr├Ąsentative Gro├čfigur zu schaffen, und findet etwa die Figur des Tramp, wie er von Chaplin einzigartig verk├Ârpert wird, der gro├čen Identifikationsfigur der Massen seiner Zeit. Denn er ist die Figur des "kleinen, erfindungsreichen, verlassenen Juden, der aller Welt suspekt ist" und zugleich unendlich sympathisch. In die Zeit nach Auschwitz reicht seine Integrationskraft nicht mehr hinein:
"Nicht Chaplin, sondern der Superman wurde nun der Liebling des Volkes."

Kafkas K.
Schlemihl hat seine G├Âtter, der Tramp die List und die Subversion. Franz Kafka aber, dem Arendts gr├Â├čte Aufmerksamkeit gilt, hat diese M├Âglichkeiten nicht. Sein K., geht weit hinaus ├╝ber die alte Ordnung von Paria und Gesellschaft: als einer, "der angeklagt ist, ohne zu wissen, was er getan hat, dem ein Prozess gemacht wird, ohne dass er herausfinden kann, nach welchen Gesetzen der Prozess und das Urteil gehandhabt werden, und der schlie├člich hingerichtet wird, ohne je erfahren zu haben, worum es sich eigentlich handelt". Der Joseph K. betrifft dann n├Ąmlich tats├Ąchlich alle, jede und jeden ohne Ausnahme. Die soziale Seuche Antisemitismus ist wie alle Seuchen prinzipiell wahllos.

Ohnmacht und Handlungsf├Ąhigkeit
Dieses Buch, wie Hannah Arendts Denken ├╝berhaupt, ist eine faszinierende philosophische Forschungsreise. Ihr Ziel: Spielr├Ąume zu entdecken f├╝r eigenes Denken und Handeln in einer Welt, die den Menschen diese Spielr├Ąume raubt und unterschl├Ągt, die sie zur Apathie verdammt.

Arendt diagnostiziert, dass eine Gesellschaft, die Parias produziert, im Prinzip keinen von der Ausgrenzung verschont. F├╝hlt euch alle mal nicht zu sicher, sagt sie - und entl├Ąsst in der Tat niemand aus der Verantwortung f├╝r solche Zust├Ąnde. Ihr Zorn "gilt nicht nur den Tyrannen, sondern auch und gerade dem Volk, das den Tyrannen ertr├Ągt".

Sie wei├č, wovon sie spricht. Nichts davon ist im Laufe der Jahre irrelevant geworden, im Gegenteil. Ihr ├╝berm├Ąchtiger Feind, die institutionalisierte Unmenschlichkeit, ist keineswegs besiegt. Was sie ihm aber immer wieder entgegensetzt, ist die F├Ąhigkeit zum Nachdenken. Daraus folgt ihr der Entschluss zur Handlung mit aller Energie. Unverzichtbar daf├╝r ist aber die F├Ąhigkeit zum B├╝ndnis.

Und damit gibt sie den Menschen nach Auschwitz etwas Kraft und Mut: mit der Erkenntnis, "dass es eben doch verh├Ąltnism├Ą├čig viele Noahs gibt, die auf den Weltmeeren herumschwimmen und versuchen, ihre Archen so nah wie m├Âglich aneinander heranzusteuern."



J├╝discher Verlag, Ffm. 2000

200710717075"

Literatur Beitrag vom 28.01.2002 AVIVA-Redaktion 

   




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