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AVIVA-BERLIN.de im Dezember 2017 - Beitrag vom 02.06.2008

Stumme Gewalt - Nachdenken über die RAF. Von Carolin Emcke
Yvonne de Andrés

Theodor-Wolff-Preis 2008. Am 30.11.1989 erschoss die RAF Alfred Herrhausen. Bis heute kennen seine Angehörigen die Mörder nicht. Seine Patentochter fordert die Täter auf, endlich zu sprechen.



Caroline Emcke, freie und international tätige Reporterin, hat ein längst überfälliges Buch geschrieben. Es kommt zwar später als die vielen anderen Bücher zum 30. Jahrestag des "Deutschen Herbstes" 1977. Aber es eröffnet eine bislang viel zu selten vorgestellte Perspektive. In den 2007 erschienenen Publikationen zu den deutschen Terrorgruppen "RAF", "Revolutionäre Zellen" und "Bewegung 2. Juni" wurde häufig der Eindruck vermittelt, Wissenschaft, Justiz und Publizistik hätten längst alle Fakten erforscht. Das ist falsch.

In vielen Fällen, insbesondere bei den Anschlägen der so genannten 2. und 3. Generation des deutschen Terrorismus, weiß Justiz und Wissenschaft noch nicht einmal, wer die Täter waren. Und selbst bei den Verbrechen, für die Angehörige deutscher Terrorgruppen verurteilt wurden, geschah dies häufig nur auf Grund vorliegender Indizien oder beweisbarer Zugehörigkeit zu einer der Terrorgruppen. Gestanden haben die meisten deutschen Terroristen und Terroristinnen nicht.

Caroline Emcke schildert, was dies für die überlebenden Opfer und ihre Angehörigen bedeutet. Sie schreibt: "Das ist das Gewalttätigste an der Gewalt des Terrors: die Sprachlosigkeit. Ich weiß nicht, ob sich die Täter jemals überlegt haben, was es heißt ´abzutauchen´. Nicht vor der Staatsgewalt, nicht vor der Strafe, nicht vor dem Gefängnis. Sondern vor dem Gespräch, vor der Pflicht, Rede und Antwort zu stehen."

So erwähnt sie eine Veröffentlichung ("States of Injury", 1995) der amerikanischen Politologin Wendy Brown. Diese legt dar, dass sich bei Menschen, die einer besonderen Missachtung oder Ablehnung ausgesetzt waren, ein "wounded attachment" herstellt: "Diese Verwundung ist irgendwann nicht mehr allein eine belastende Erfahrung, sondern wird zu einem wesentlichen Bestandteil der eigenen Identität. Es entsteht eine Bindung an die Verwundung. (...).

Wir selber"
– so fasst Emcke für sich und andere Opfer des Terrors zusammen – "verlängern so unfreiwillig die eigene Opferrolle." Diese Bindung an die Missachtung und Verwundung kann sich nur lösen, wenn die Täter sprechen, sich entschuldigen und das ihre tun, den entstandenen Schaden so weit als möglich wieder gut zu machen.

Caroline Emcke fordert in ihrem Buch die Terroristen und ihre Helfer auf, endlich zu reden, damit die überlebenden Opfer und ihre Angehörigen endlich den Schmerz loslassen können. Sie ist dafür auch bereit, den Tätern Straffreiheit zuzusichern. In einem "Forum der Aufklärung" sollen sie erzählen, wie die Verbrechen geschehen konnten und warum sie sich daran beteiligten.

"Stumme Gewalt" sind zwei interessante Aufsätze beigegeben. Winfried Hassemer, Strafrechtswissenschaftler und ehemaliger Vizepräsident des Bundesverfassungsgerichts, untersucht die strafrechtlichen Möglichkeiten eines "Forums der Aufklärung". Trotz großer Sympathie für die Argumente der Autorin bleibt Hassemer eher skeptisch. Es gäbe keine Möglichkeit, die Täter zum Sprechen zu zwingen. Man dürfe der Justiz eine solche Möglichkeit auch nicht in die Hand geben. Aus guten Gründen habe, nach der Abschaffung der Folter, jede/r Angeklagte das Recht über seine eigene Tatbeteiligung zu schweigen.

Auch Wolfgang Kraushaar, Politikwissenschaftler vom Hamburger Institut für Sozialforschung und wahrscheinlich derzeit wichtigster Experte in Sachen des deutschen Linksterrorismus, bleibt eher skeptisch. Nicht weil er die Aussagen Emckes ablehnt. Im Gegenteil, er teilt sie. Aber die existenzielle Identifizierung der deutschen TerroristInnen mit ihrer Rolle als "Soldaten der Weltrevolution" - so eine Formulierung der Journalistin Margot Overath - habe bis heute verhindert, dass sie sich geöffnet hätten. Er ist deshalb skeptisch, was die Möglichkeiten eines solchen Gesprächs angeht.

So kritisch die beigefügten Aufsätze die Leserin des Buches von Emcke stimmen werden, es bringt eine längst überfällige Sichtweise in die Auseinandersetzung um den deutschen Terrorismus - in dem auffällig viele Frauen eine Rolle spielten – ein. Es richtet unseren Blick auf seine Opfer und ihre unverheilten Wunden.

Zur Autorin: Carolin Emcke, 1967 geboren, studierte Philosophie, Politik und Geschichte in London, Frankfurt am Main und Harvard. Von 1998 bis 2006 war sie Redakteurin beim "Spiegel" und in vielen Krisengebieten der Welt unterwegs. Für ihr Buch "Von den Kriegen" (2004) wurde sie von der Friedrich-Ebert-Stiftung mit dem Preis "Das politische Buch" und dem Förderpreis des Ernst-Bloch-Preises ausgezeichnet. Am 10. September 2008 erhält sie den Theodor-Wolff-Preis in der Kategorie "Kommentar/Glosse/Essay" für ihren Beitrag "Stumme Gewalt", den sie im vergangenen Herbst im "ZEITmagazin LEBEN" veröffentlichte.

AVIVA-Tipp: "Stumme Gewalt" ist ein bewegendes Selbstgespräch und ein mutiger öffentlicher Appell. Es bringt eine längst überfällige Sichtweise in die Diskussion um den deutschen Terrorismus und seine Folgen in der deutschen Gesellschaft ein. Die Geschichte des deutschen Linksterrorismus ist noch nicht wirklich erzählt, solange die Opfer und ihre Angehörigen noch nicht zu Wort gekommen sind.

Carolin Emcke
Stumme Gewalt

Nachdenken über die RAF
S. Fischer Verlag, erschienen Mai 2008
gebunden - 190 Seiten
ISBN: 9783100170170
16,90 Euro

Literatur Beitrag vom 02.06.2008 Yvonne de Andrés 

   




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