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AVIVA-BERLIN.de im Dezember 2017 - Beitrag vom 04.02.2008

Dominique Bourel, Moses Mendelssohn
Yvonne de Andrés

Mendelssohn, der jüdische Philosoph ist die zentrale Gestalt und Gründer des modernen Judentums. Er galt als der Platon der Deutschen, der Sokrates von Berlin und Reformator der deutschen Juden.



Mit der Figur Nathans des Weisen setzte Gotthold Ephraim Lessing seinem Freund Moses Mendelssohn ein literarisches Denkmal. Dominique Bourel hingegen versucht mit seiner umfangreichen 800 Seiten starken Biografie eine wissenschaftliche Würdigung. Bourel sieht Mendelssohn als Begründer des modernen Judentums. Das Buch ist von Horst Brühmann glänzend übersetzt. Wenige Details der Biografie von Moses Mendelssohn (1729 – 1786) sind uns tatsächlich bekannt. Daher ist das Buch eher eine chronologische Werksanalyse mit verschiedenen großartigen Panoramablicken auf die Zeit. Bourel interessieren dabei speziell drei Fragestellungen: "die Frage nach der Spezifität der Aufklärung, nach der Besonderheit Preußens und (...)nach der Eigentümlichkeit der jüdischen Philosophie".

Moses Mendelssohn folgte 1743 seinem Lehrer, dem Oberrabbiner Dr. David Fränckel von Dessau nach Berlin. Friedrich II. ist seit drei Jahren Monarch, als sich Moses Mendelssohn in Berlin nieder lässt. Es ist die Zeit zwischen den beiden Schlesischen Kriegen. Das Panorama der Berliner Aufklärung das Bourel auffächert, ist detailliert und geht sehr sachkundig auf die verschiedenen Aspekte ein. Moses Mendelssohn steht nicht für Separierung, sondern für die Öffnung und Emanzipation des Judentums hin zur christlichen Mehrheitsgesellschaft. Mendelssohn erstrebte die völlige Gleichstellung der Juden, jedoch unter Beibehaltung der jüdischen Kultur und Religion. Dies war im 18. Jahrhundert nur in Berlin möglich, da hier viele konfessionell Ausgeschlossene einen gemischten Staat bildeten, ohne dass es einen Zwang zur Assimilation gegeben hätte. In Berlin lebten die Juden nicht eingepfercht in einem engen Ghetto, sondern in der Spandauer Straße und rund um den Moltkenmarkt. Für Mendelssohn bedeutete Preußentum und Toleranz, Religion und Vernunft keinen Widerspruch. Für kurze Zeit schien die Möglichkeit eines Dialogs zwischen Juden und Deutschen zu erwachsen, wobei der Charakter des jüdischen Kulturlebens nicht der Emanzipation geopfert werden sollte. Bourel zeigt einen Widerspruch in Preußen unter Friedrich II. auf: "Seine starke Judenfeindschaft steht im offensichtlichem Widerspruch zu seinen Interessen und zu seiner Administration, die in diesem Punkt weit voraus ist".

Am 2. Juni 1763 erhält Moses Mendelssohn von der Königlichen Akademie der Wissenschaften den Preis für spekulative Philosophie. Bourel dazu: "Nicht nur, dass ein Leibnizianer gekrönt wurde – und, höchst selten ein Berliner -, sondern überdies ein nur geduldeter Jude, ein Fremder in diesem Land. Mendelssohn wird seinen Schutzbrief erst am 26. Oktober dieses Jahres erhalten. Ein Autodidakt, Buchhalter in einer Manufaktur, gewinnt den Preis der berühmtesten deutschen Akademie – vor Kant". Bourel zeigt den schmalen Grad zwischen Bewunderung, Duldung und Ausgrenzung bei den deutschen Gelehrten auf, die Mendelssohn zwar auszeichnen, doch nicht in die Akademie aufnehmen. Mit der jüdischen Gemeinde geriet Mendelssohn in Konflikt, als er als "jüdischer Luther" die erste deutsche Tora-Übersetzung anfertigte.

Dominique Bourel beendet sein Buch mit der provozierenden These "Moses Mendelssohn war ein glücklicher Jude - ist er uns deshalb heute so fern?" Damit wendet er sich gegen die Lesart der Geschichte der Juden in Europa nur unter dem Aspekt des Antisemitismus. Moses Mendelssohn ist für den Autor ein "glücklicher Jude", weil ohne ihn die Symbiose zwischen Judentum und Deutschen nicht zustande gekommen wäre. Mendelssohn verkörperte die deutsche Philosophie und gleichzeitig war er Vertreter der jüdischen Haskala (Aufklärung). Er vermittelte wichtige Impulse, ohne sich von seiner Herkunft abzuwenden und ohne in die neue Gesellschaft zu konvertieren. Mendelssohn gelang es, das religiöse Judentum mit dem offenen kritischen Geist zu verbinden und veränderte so auch das Bild vom Juden in der deutschen Gesellschaft.
Zum Autor: Dominique Bourel, geboren 1952 in Offenburg, aufgewachsen in Paris, studierte Philosophie und Religionsgeschichte an der Sorbonne sowie in Heidelberg, Mainz und Harvard. Lehrtätigkeit an der Hebräischen Universität Jerusalem und an der Freien Universität Berlin. Er ist Verfasser einer Vielzahl von Artikeln über Mendelssohn und die deutsche Geistesgeschichte des 18. Jahrhunderts. 1995 habilitierte Dominique Bourel mit seiner Untersuchung zu Leben und Werk von Moses Mendelssohn. Bourel lehrt inzwischen an der Sorbonne. Für seine Mendelssohn-Biografie wurde er mit dem Deutsch-französischen Parlamentspreis 2005 ausgezeichnet.

AVIVA-Fazit: Dominique Bourel hat ein umfangreiches und detailliertes Werk vorgelegt. Vielfältige Quellen wie Briefe und Primärtexte, offizielle Dokumente, Statistiken, Querverweise werden zueinander in Bezug gesetzt und bilden ein komplexes Bild. Bourel beschäftigt sich intensiver mit dem Werk als mit der Person Mendelssohns. Die persönlichen und privaten Aspekte werden wenig beleuchtet und bleiben eher blass und konturlos. Der Autor schildert ausführlich die gesellschaftlich-sozialen Verhältnisse in Preußen und Berlin, die geistigen Traditionen, aus denen Mendelssohn sich herleitet und seiner Wirkung auf die Entwicklung jüdischer Philosophie sowie europäischer Aufklärung.

Die Lektüre ist nicht ganz leicht und bedarf guter Kenntnisse in Philosophie-, Religions- und Preußischer Geschichte. Der Grundstock des Buches ist die Habilitationsschrift, die von fünf Bänden auf einen komprimiert wurde. Allein der Quellenapparat umfasst 200 Seiten. Neben dem Personenregister wäre ein Stichwortregister hilfreich gewesen.

Dominique Bourel
Moses Mendelssohn

Begründer des modernen Judentums.
Originaltitel: Moses Mendelssohn.
Übersetzt von Horst Brühmann
Ammann Verlag, erschienen September 2007
gebunden - 800 Seiten - Lesebändchen.
ISBN: 9783250105077
39,90 Euro

Literatur Beitrag vom 04.02.2008 Yvonne de Andrés 

   




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