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AVIVA-BERLIN.de im Oktober 2017 - Beitrag vom 28.04.2008

Avram Kantor - Die erste Stimme. Ich und mein Bruder - Mein Bruder und ich
Anna-Lena Berscheid

Die zwiespältige Geschichte eines Jungen, der weder stumm noch zurückgeblieben ist, und seines Bruders Kobi, dessen neue radikale Frömmigkeit erst bemerkt wird, als es schon fast zu spät ist.



Avram Kantor vereint in seinem Buch zwei Geschichten: Zum Einen die von der schwierigen Beziehung zweier ungleicher Brüder. Zum Anderen geht es um die Religion und ihre Stellung, die sie im heutigen Israel einnimmt.

Protagonist und Ich-Erzähler ist ein namenloser Junge, der mit seinen Eltern und den älteren Geschwistern Meirav und Kobi in Tel Aviv lebt. Der Bruder hält ihn für zurückgeblieben, weil er nicht sprechen kann. Die Eltern wollen ihm die Gebärdensprache beibringen, da denken, er sei taubstumm. Doch nur, weil er nicht sprechen kann, ist er noch lange nicht taub. Der Zwölfjährige hört sehr gut und verpasst nichts von dem, was um ihn herum geschieht. Eine Stimme hat er auch, eine wunderschöne sogar, doch entgegen aller Bemühungen bringt er es nicht fertig, seine Worte nach außen zu tragen.

Dass der Junge lesen und schreiben kann, weiß niemand. Nicht einmal seine ältere Schwester Meirav, die ihm diese Fähigkeiten unbewusst beim Spielen beigebracht hat. Da er sich scheinbar niemandem mitteilen kann, sprechen die Menschen in seiner Gegenwart ganz offen. Ganz so, als könne er sie nicht hören.

Der Erzähler ist ein sehr sonderbarer Junge. So sonderbar, dass sich sein großer Bruder Kobi für ihn schämt: In der Schule soll niemand erfahren, dass sie verwandt sind. Auch zuhause ist die Beziehung nicht sehr innig. Kobi lässt seinen Bruder zwar an seinem Computer spielen, richtet aber ansonsten kein nettes Wort an ihn.

Eines Tages verschwindet Kobi über das Wochenende und kommt verändert zurück. Er hält sich plötzlich an die Vorschriften des Talmud und kritisiert seine Eltern, die ihre Kinder sehr weltlich erzogen haben. Sein kleiner Bruder findet am Computer heraus, wo Kobi sich aufgehalten hat und bemerkt: Er entwickelt sich zu einem "Frommen" und sympathisiert mit einer ultraorthodoxen Sekte.

Die Eltern lassen Kobi gewähren, bis sie ihn nicht mehr erreichen können. Der kleine Bruder begreift, dass er aus seiner Welt ausbrechen und Kobi helfen muss...

Die vom Protagonisten selbst gewählte Unfähigkeit, mit seiner Umgebung zu kommunizieren, lässt an Oskar Matzerath aus Günter Grass´ Blechtrommel erinnern - jedoch ist Kantors Figur weit weniger exzentrisch und hält sich selbst für einen ganz normalen Jungen. Die Sorgen, die sich seine Eltern aufgrund seiner Sprachunfähigkeit machen, kann er deshalb auch kaum verstehen. Scheinbar stumm berichtet der Erzähler aus dem Blickwinkel eines Außenseiters, der dennoch wissbegierig alles registriert. Was er nicht kennt, schlägt er heimlich im Lexikon nach. Bereits im Vorwort animiert der Autor die LeserInnen, es seinem Protagonisten gleich zu tun. Neben der Lektüre der Geschichte können Jugendliche dadurch viel über die Traditionen des Judentums erfahren. Beim Lesen als störend erweist sich jedoch die angestrengt kindliche Sprache des Erzählers, die bisweilen eher an einen Fünf- als an einen bereits Zwölfjährigen erinnert.

Zum Autor:
Avram Kantor
wurde 1950 in Haifa geboren und wuchs im Kibbuz Mizra auf. Er studierte hebräische Literaturwissenschaften in Haifa und Deutsch in Konstanz. Er ist Verleger, Übersetzer aus dem Englischen und Deutschen und Autor. Sein Werk umfasst sechs Romane, zwei Erzählbände und zwei Kinderbücher. 1995 wurde Kantor mit dem renommierten Ze´ev Preis ausgezeichnet.
(Quelle: Verlagsinformationen)

Zur Übersetzerin:
Mirjam Pressler
wurde 1940 in Darmstadt geboren und wuchs bei Pflegeeltern auf. Nach dem Studium an der Akademie für Bildende Künste in Frankfurt und in München lebte sie für ein Jahr in einem Kibbuz in Israel. Sie hat drei inzwischen erwachsene Töchter und lebt heute als freie Autorin und Übersetzerin bei München.
Lesen Sie auch unsere Rezensionen zu Mirjam Presslers Romanen "Golem Stiller Bruder" und "Wenn das Glück kommt, muss man ihm einen Stuhl hinstellen" auf AVIVA-Berlin.

AVIVA-Fazit: Avram Kantor hat mit "Die erste Stimme. Ich und mein Bruder - Mein Bruder und ich" eine faszinierende Geschichte über zwei ungleiche Brüder geschrieben, verliert sich dabei aber allzu oft in abschweifenden Erzählungen, so dass ein roter Faden kaum zu erkennen ist. Angesichts der recht langen Vorgeschichte gerät der Höhepunkt des Buches enttäuschend. Für die LeserInnen kann es lehrreich sein zu erfahren, dass es religiösen Fundamentalismus in allen Religionen gibt. Die Frage, wieso sich junge Menschen wieder verstärkt dem Glauben zuwenden, vermag Kantor jedoch nicht zu beantworten: Auch Kobis Motiv bleibt im Dunkeln. Dieses Manko erklärt sich mit der Wahl der Erzählperspektive, die den LeserInnen zwar einen speziellen Blickwinkel bietet, dabei aber stets sehr einseitig bleibt.

Avram Kantor
Die erste Stimme. Ich und mein Bruder - Mein Bruder und ich

Originaltitel: Leading Voice
Aus dem Hebräischen übersetzt von Mirjam Pressler
Hanser Verlag, erschienen im März 2008
Pappband, 208 Seiten
Ab 12 Jahren
ISBN-13: 978-3-446-20903-9
14,90 Euro

Literatur Beitrag vom 28.04.2008 AVIVA-Redaktion 

   




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