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AVIVA-BERLIN.de im Oktober 2017 - Beitrag vom 30.03.2003

Batya Gur: Denn die Seele ist in deiner Hand
Ilka Fleischer

Mit ihrem neuesten Kriminalroman führt die israelische Autorin ihren feinsinnigen Helden Kommissar Ochajon in die Welt jemenitischer Juden und Jüdinnen im heutigen Jerusalem



1947 in Tel Aviv geboren, studierte Batya Gur zunächst Literaturwissenschaften und arbeitete als Lehrerin und Journalistin, bevor sie sich als erste israelische Autorin im Krimi-Genre einen Namen machte. Mit ihrem Debutroman der "Ochajon-Serie" Denn am Sabbat sollst du ruhen wurde sie 1993 mit dem deutschen Krimi-Preis ausgezeichnet. Auch die Folgeromane Am Anfang war das Wort, Du sollst nicht begehren und Das Lied der Könige sicherten ihr internationale Anerkennung und machten sie zur Garantin für sozialkritisch geistreiche Krimiunterhaltung.
Als einflussreiche Literaturkritikerin der Tageszeitung Ha´aretz arbeitet und lebt sie heute mit ihrer Familie in Jerusalem, das auch in ihrem jüngsten Roman den zentralen Schauplatz privat-politischer Macht- und Überlebenskämpfe darstellt.

Wie bereits in ihren Stadtimpressionen In Jerusalem leben konzentriert sich Batya Gur in der Ochajon-Serie nicht zuletzt auf die Welt linker israelischer Intellektueller - auf deren kritisch-innovative Kräfte, aber auch auf ihre ideologischen Beschränkungen. So schafft sie mit der Beziehung zwischen dem Hauptprotagonisten Inspektor Ochajon und seiner - in jeder Hinsicht - ‚rechten Hand´Balilati, dem Leiter des polizeilichen Nachrichtendienstes, ein vitales politisches Spannungsfeld, das sich zuweilen in hitzigen Wortgefechten und sarkastischen Kommentaren entlädt:
"So sind sie, die Linken: Man spuckt ihnen ins Gesicht, kippt Scheiße über sie aus, und sie sagen - es regnet."

Doch nicht genug mit den Grabenkämpfen zwischen links-liberalen und rechts-konservativen Strömungen - in Denn die Seele ist in deiner Hand werden auch die inter-kulturellen Fehden der jüdisch-israelischen Gesellschaft detailgetreu skizziert und hautnah erfahrbar gemacht. In persona und zutiefst verfeindet stehen sich dabei die jemenitische Familie Baschari und deren ungarische Nachbars-Familie Benesch gegenüber - arabische und europäische Juden und Jüdinnen in Israel "ganz nah und doch so fern".
Der Überhöhung des jemenitischen Judentums durch die ermordete Zohra Baschari stellt die Autorin das ‚weiße´ Dominanz-Gebahren der Klara Benesch gegenüber. Dabei geht sie den Ursprüngen der inter-kulturellen Kluft bis an die Grenzen unverarbeiteter Holocaust-Erfahrungen nach: Zohra wollte die Entführung ihrer verschollenen älteren Schwester publik machen. Während ihre Eltern in dem Glauben gelassen wurden, ihr Kind sei kurz nach der Einwanderung der Familie verstorben, wurde es scheinbar von Mengele-Opfern adoptiert. Doch dient die Ermordung der jungen Zohra der Verschleierung eines systematischen Kindesentzuges durch Überlebende der Shoa?

Vor der morbiden Real-Kulisse des israelisch-palästinensischen Konfliktes rollen Kommissar Ochajon und sein Team somit nicht nur den ‚Fall Zohra´, sondern auch einen Teil israelischer Geschichte und kollektiver Verdrängungsmechanismen auf. Die spannungsgeladene Atmosphäre wird dabei durch private wie politische Leitfragen nach (Selbst-)Veränderungspotentialen, -notwendigkeiten und -konditionen bereichert, die das unauflösliche Wechselspiel von Individuum und Gesellschaft durchziehen. Angefangen bei der ermordeten Zohra, über den nachdenklichen Kommissar bis hin zum entführten Mädchen Nesja, das es nicht nur physisch zu retten gilt, zeichnet Batya Gur ihre ProtagonistInnen zwischen Opfer- und (Mit-)Täterschaft, zwischen Stagnation und Aufbruch - und appelliert mit ihrem Helden Ochajon:
"Es kommt der Punkt im Leben eines Menschen, an dem er klar erkennt: wenn er jetzt nichts unternimmt, wenn er sich jetzt nicht über seine Bedenken hinwegsetzt, und den Gefühlen freien Lauf lässt, die er jahrelang unterdrückt hat - dann wird er es niemals tun."

Gerade vor dem Hintergrund dieses nahezu programmatischen Ansatzes im jüngsten Gur-Roman erstaunt die Hinwendung der Autorin zu herkömmlichen bis rückwärts-gewendeten Geschlechterrollen: Auch wenn der Frauenschwarm Ochajon viele ‚unmännlich-weiche´ Anti-Helden-Zuschreibungen erfährt, wird ihm ein weibliches Pendant zur Seite gestellt, das eine provozierend-passive Haltung kultiviert.
Durch den Mangel an charismatischen Protagonistinnen und einer Omni-Präsenz konservativer und vielfach auf Äußerlichkeiten reduzierter Frauen-Darstellungen wird der Lesegenuss zwar getrübt. Dennoch ist der Autorin mit ihrem jüngsten Polit-Krimi ein niveuvoll-vielschichtiger und zugleich tempo- wie spannungsreicher One-Night-Stand gelungen.




Batya Gur Denn die Seele ist in deiner Hand
Roman
Goldmann Verlag, 2003
Gebundenes Buch, 448 Seiten, 13,5 x 21,5 cm
ISBN: 3-442-30836-4
€ 22,90 [D]90008115&artiId=2083493"



Batya Gur / Ulrich Pleitgen (Sprecher)Denn die Seele ist in deiner Hand
Gekürzte Lesung
Random House Audio, 2003
5 Audio-CDs, Laufzeit: ca. 300 min, mit Booklet
ISBN: 3-89830-468-X
€ 29,50 [D] 90008115&artiId=2091879"


Literatur Beitrag vom 30.03.2003 Ilka Fleischer 

   




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