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AVIVA-BERLIN.de im Oktober 2017 - Beitrag vom 13.09.2011

Kéthévane Davrichewy - Am Schwarzen Meer
Sonja Baude

Die französische Autorin georgischer Herkunft erzählt die bewegende und weitgespannte Lebens- und Liebesgeschichte der 90-jährigen Tamuna: eine Geschichte, deren Anfänge in eine ferne Zeit...



... am Schwarzen Meer reichen..

"Sind die Menschen gegenwärtiger, wenn sie fort sind?", fragt sich Tamuna am Tag ihres 90. Geburtstages, an dessen Ende in ihrer Pariser Wohnung ein großes georgisches Familienfest mit vierzig Gästen gefeiert werden wird. Diese Frage mag vielleicht auch den Anlass für Davrichewys Geschichte über das Leben der eigenen Großmutter gegeben haben, die im Roman an einem einzigen Tag Rückschau hält auf ein langes, bewegtes und oft schmerzvolles Leben. Die Schauplätze sind Georgien und Frankreich: Heimat und Exil. Im März 1921 musste die georgische Regierung, die von den Russen gestürzt worden war, außer Landes gehen. Von Batumi aus stach das Schiff Richtung Europa in See.

Landwirtschaftsminister dieser vormaligen Regierung war der Vater der Protagonistin, der, auch nachdem die demokratischen Ideen den bolschewistischen zum Opfer gefallen waren, an seinen Überzeugungen festhielt. So kehrt er noch einmal nach Georgien zurück mit der Absicht, im Untergrund weiter für die Wiedererlangung der Unabhägigkeit seines Landes zu kämpfen. Ab dem Tag seines Weggangs aus Paris wird seine Familie jedoch kein einziges Lebenszeichen mehr von ihm hören. Schon lange fort sind auch Tamunas Schwester, die als Studentin einer tödlichen Krankheit erlag, sowie Bebia und Babu, die Großeltern der Erzählerin, zurückgeblieben in Georgien, deren Sterbeort -und tag ihr nicht bekannt sind. Lebendig bleiben all diese Menschen allein in Tamunas Erinnerungen.

Davrischewy schreibt die Geschichte ihrer Protagonistin aus zwei Perspektiven. Während die Erinnerungen der alten Dame ganz privat sind und mit ihrer eigenen Stimme erzählt werden, erlangt die Gegenwart der 90-jährigen, von außen beobachtet, den Anschein größerer Objektivität. Im alternierenden Wechsel von Ich-Erzählung und auktorialem Erzählton liegt ein zwar vermeintlich simpler, aber sehr gelungener Kunstgriff der Autorin. Das Tempus ist je das Präsens, so dass sich beide Zeiten zu einer Empfindung zusammenfügen und die Gleichzeitigkeit von Vergangenem und Gegenwärtigen glaubhaft und spürbar werden.

Gemeinsam mit ihren Cousinen und Cousins verbringt Tamuna zu Beginn des 20. Jahrhunderts ihre Kindheit am Schwarzen Meer. Trotz der politischen Wirrnisse eine für die Kinder unbeschwerte Zeit, in deren letztes Jahr auch die Begegnung mit Tamas fällt, der großen Liebe ihres Lebens. Als Tamuna am Morgen ihres Geburtstags in Paris erwacht, geschwächt von der Nacht, die sie wider die Vernunft um der Schönheit willen ohne Sauerstoffgerät zugebracht hat, sondiert sie ihre Wahrnehmungen. Und noch im Bett liegend, denkt sie an Tamas, der heute Abend auch anwesend sein wird bei ihrem großen Fest.

Man könnte den Roman begreifen als Chronik eines angekündigten Kommens.
Aus der Perspektive der Wartenden erzählt er vom bevorstehenden Eintreffen Tamas´. Dabei setzen die Aufzeichnungen vor mehr als einem dreiviertel Jahrhundert in einem fernen Land am Schwarzen Meer ein, und umfassen schließlich ein ganzes Leben. Tamas ist ein zwar abwesender, doch immerwährender Begleiter in Tamunas Leben, das vor allem geprägt ist durch ihre georgische Herkunft und die Widerstände des Exils.

Was bedeutet es, sich an einem fremden Ort ohne Zusammenhänge behaupten zu müssen, in einer Sprache, die nie ganz die eigene sein wird und vielleicht auch nicht werden soll, denn das hieße Verrat zu üben an den eigenen Wurzeln? Wieviel Kraft bedarf es, neue und zuverlässige Freundschaften zu schließen? Der nächsten und übernächsten Generation werden sich diese Fragen nicht mehr stellen. Tamunas Kinder und Enkelkinder sind in Frankreich geboren und kennen das Leben am Schwarzen Meer nur aus Liedern, Fotografien und Geschichten. Gleichzeitig ist es aber der Neugierde der Enkelgeneration zu verdanken, dass dieses Leben zwischen zwei Welten nicht in Vergessenheit gerät, ein Leben, das bei genauer Betrachtung naturgemäß viele Unvereinbarkeiten in sich birgt und dessen kindliche Ausgangsperspektive zu bröckeln beginnt.

Am Ende des Geburtstages, am Ende eines langen Lebens, als alle anderen Gäste sich längst verabschiedet haben, kommt Tamas tatsächlich noch einmal. Tamuna empfängt ihn nach Mitternacht im Morgenrock: ein schönes, ein aufgeregtes und zugleich vertrautes Wiedersehen. Als er wenig später wieder fortgeht, sind ihre Erinnerungen zur Ruhe gekommen. Tamuna bleibt allein, schaltet ihr Sauerstoffgerät ein, hört auf zu denken und "ihr Atem nimmt allen Raum ein".

AVIVA-Tipp: "Das ist es, was sie sich immer gewünscht hat. Dass ihre mannigfaltigen Leben ein Ganzes bilden." "Am Schwarzen Meer" erzählt die Lebensgeschichte der Georgierin Tamuna, die 1921 als junges Mädchen mit ihrer Familie vor den Bolschewiki nach Frankreich fliehen musste und sich dort einer neuen Realität gegenübersah, die immer auch den Kampf gegen die Widerstände des Exils und für ein selbstbestimmtes Leben bedeutete. Das Buch ist zugleich eine große und wehmütige Liebesgeschichte, die nie ganz Realität werden konnte, und gerade daraus ihre märchenhafte Unsterblichkeit nährt.

Zur Autorin: Kéthévane Davrichewy wurde 1965 in Paris geboren und ist georgischer Herkunft. Sie hat vier Kinder und arbeitet als Drehbuchautorin und Schriftstellerin. Für den Roman "Am Schwarzen Meer" wurde sie in Frankreich mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet. (Verlagsinformation)

Zur Übersetzerin: Claudia Kalscheuer wurde 1964 geboren und lebt zwischen Berlin und Arles. Seit 1995 übersetzt sie Literatur aus dem Französischen, u.a. Werke von Alexander von Humboldt, Véronique Ovaldé, Marcelle Sauvageot, Jules Verne, Irène Némirovsky und Marie NDiaye. 2002 wurde sie mit dem André-Gide-Preis ausgezeichnet und 2010 mit dem Internationalen Literaturpreis.

Kéthévane Davrichewy
Am Schwarzen Meer

Originaltitel: La mer noire
Aus dem Französischen von Claudia Kalscheuer
Fischer Verlag, erschienen August 2011
Gebunden, 224 Seiten
ISBN: 978-3-10-014510-9
19,95 Euro

Literatur Beitrag vom 13.09.2011 Sonja Baude 

   




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