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AVIVA-BERLIN.de im Oktober 2017 - Beitrag vom 08.06.2008

Gina Nahai – Regen am Kaspischen Meer
Tatjana Zilg

Die Autorin erzählt einfühlsam und aufrüttelnd von der Beziehung zwischen Bahar und ihrer Tochter Yaas, die als Jüdinnen im Iran leben. Der Vater Omid ist die meiste Zeit abwesend, ...



... obwohl er nach außen den Schein einer intakten Ehe aufrecht erhalten will.

Was wie eine Romeo und Julia - Geschichte beginnt, wandelt sich bald in eine komplexe orientalische Familien-Saga, die mit ihrer Intensität und Tragik an einen Virginia Woolf Roman erinnert. Würde die Geschichte verfilmt werden, könnte sie in einen Zug mit dem meisterhaften Melodram "The Hours" (2002, Regie: Stephen Daldry) genannt werden.

Den Rahmen bietet eine Umgebung, die den meisten LeserInnen in Europa eher unbekannt sein dürfte: Die jüdische Gemeinschaft im Iran. Seit über zehn Jahrhunderten gab es jüdische Gemeinden in Persien. Im Zuge der Islamisierung wurden sie etlichen Repressalien ausgesetzt, da die Schia alle religiösen Minderheiten als "unrein" ansieht. In Teheran mussten sie bis zur Regierungsbildung unter dem amerika-nahen Schah Mohammad Reza Pahlavi im Ghetto leben. Der Schah ließ das Ghetto auflösen. Es bildete sich eine jüdische Oberschicht, die bald eine wichtige Rolle im wirtschaftlichen Leben spielte während andere in ärmlichen Verhältnissen in den ehemaligen Ghetto-Bezirken blieben. In dieser Zeit setzt die Romanhandlung ein und begleitet die Familien bis zum Jahr 1979, in welchem die Islamische Revolution unter der Führung von Khomeini die Lebensbedingungen erneut verändert und die Grenzen geschlossen wurden.

Die Autorin lässt die LeserInnen abwechselnd die Perspektive aller Hauptbeteiligten einnehmen. Zunächst beginnt sie mit dem Erleben von Bahar, die mit ihrer Familie im ehemaligen Ghetto-Bezirk wohnt. Auf dem Schulweg fällt sie Omid, einem reichen jungen Mann, ins Auge. Er zieht Erkundungen darüber ein, wer sie ist. Bahar´s Herz macht Luftsprünge, als sie merkt, dass sie das Interesse eines attraktiven und eleganten Mannes aus der Oberschicht geweckt hat. Omid hält auf traditionellem Weg um ihre Hand an, was bedeutet, das sie vor der Hochzeit kaum Gelegenheit haben, länger miteinander zu sprechen. So begeht Bahar den fatalen Irrtum, auf eine Zukunft mit Omid zu hoffen, die es ihr ermöglicht, ihre Träume zu realisieren. Omid empfindet keine Liebe zu ihr, vielmehr plante er, mit der Heirat einer Frau aus ärmlichen Verhältnissen die konventionellen Strukturen mit Leichtigkeit aufrecht erhalten zu können. Er glaubte, seine Ehefrau sei froh, der materiellen Not zu entkommen und würde sich deshalb in alles fügen, was er von ihr verlangt. Bahar träumte von einem modernen Leben an Omid´s Seite und sieht wenige Tage nach der Hochzeit ihre Zukunftsvorstellungen in Scherben zerspringen.
Omid zeigt kein großes Interesse an einer Auseinandersetzung. Stattdessen beginnt er eine Affäre mit Niyaz, der Geliebten eines Millionärs. Bahar ist emotional völlig auf sich allein gestellt, da sie von ihrer Familie keinen Zuspruch erhält. Die Tradition verlangt, dass sie die Ehe aufrecht erhält. Eine Scheidung wäre eine große Schande für die Familie.

Obwohl Bahar zuerst einen Beruf erlernen wollte, gibt sie dem familiären Druck nach und wird schwanger. Omid und Bahar nennen ihr Kind Yaas. Mit dem Augenblick der Geburt wird diese zur Ich-Erzählerin des Romans: Dabei nimmt Yaas eine sehr kluge Haltung ein und blickt mit einer großen Lebensweisheit auf die Geschehnisse. Es steht hier nicht eine kindliche Sichtweise im Vordergrund, sondern Yaas wird zur Reflexionsfläche der Beziehungsfäden innerhalb der Familie und der Entwicklung der einzelnen Charaktere. Sie selbst fühlt sich in einer ambivalenten Beziehung zur Mutter verfangen, die sie unter hohen Leistungsdruck setzt und sie mit seltsamen Verboten belegt. Dahinter stehen Bahar´s Neid und unerfüllte Wünsche. Es ist erschreckend, wie wenig Handlungsmöglichkeiten Bahar und Yaas in der iranischen Gesellschaft zufallen. Als Omid eine kurze Zeit lang versucht, sich seiner Kleinfamilie zu zuwenden, erfährt die LeserIn, wie groß die Unterschiede sind, wenn ein Mann vorhanden ist: Die Familie unternimmt viel gemeinsam, fährt ans kaspische Meer, wo sie wunderbare Tage verbringt.

Die Diskriminierung der JüdInnen durch die muslimische Bevölkerung wird anhand einiger Nebenstränge deutlich. So wird von einem Bruder Bahar´s erzählt, der eine Muslimin aus der Oberschicht heiratete und zum Islam übergetreten ist. An der Schilderung, wie ihm aufgrund des geltenden Rechts das gesamte Familienerbe zufällt, da muslimische Gläubige einen Voranspruch gegenüber Andersgläubigen haben, wird deutlich, wie weit die Diskriminierung gegenüber den JüdInnen ging, auch wenn sie unter dem Schah Mohammad Reza Pahlavi in anderen Bereichen mehr Freiheiten bekamen.

AVIVA-Tipp: Die Kulisse der jüdischen Gemeinde im Iran ist detailreich beschrieben, wobei trotz fehlender Hintergrundinformationen der Rahmen dennoch verständlich bleibt. Der Schwerpunkt der Geschichte liegt in dem universellen Thema, wie sich das konventionelle Bild der Ehe auf die Identitätsentfaltung der Einzelnen auswirkt sowie Frauen im historischen Kontext einschränkte und scheitern ließ, auch wenn sie eine hohe innerliche Stärke aufbieten konnten.
Die hohe Einfühlung der Autorin in ihre Charaktere macht das Buch ausgesprochen lebendig. Die äußeren Verwicklungen und die inneren Kämpfe sind so spannend beschrieben, dass es zu einem der Romane wird, die nur schwer wieder aus der Hand gelegt werden können, bevor die letzten Zeilen gelesen sind.

Zur Autorin: Gina Nahai wurde 1961 in Teheran als Tochter iranischer JüdInnen geboren und ging 1977 in die USA. Sie ist Autorin mehrerer Romane, die in 16 Sprachen übersetzt wurden. Gina Nahai gilt in den USA als politische Stimme der iranischen JüdInnen und publiziert unter anderem in der Los Angeles Times, der Chicago Tribune und dem San Francisco Chronicle. Sie lehrt an der University Of Southern California und lebt in Los Angeles.

Mehr Informationen zu den jüdischen Gemeinden im Iran finden Sie unter: http://www.hagalil.com/galluth/juden/iran.htm


Gina Nahai
Regen am Kaspischen Meer

Mare Verlag, Hamburg, erschienen 2007
Gebunden, 320 Seiten
ISBN 978-3-86648-077-3
19,90 Euro


Literatur Beitrag vom 08.06.2008 AVIVA-Redaktion 

   




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