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AVIVA-BERLIN.de im Oktober 2017 - Beitrag vom 05.08.2003

Gelebte Geschichte
Jana Scheerer

Wie war das mit Monica und der Zigarre? Wer sich Antworten auf diese Frage erhofft, sollte Hillary Clintons Erinnerungen nicht lesen. Statt intimer Details bietet sie Weltgeschichte aus erster Hand.




Geschichte befindet sich meistens zwischen zwei Buchdeckeln und ist, bei allem Interesse, auf Dauer ganz sch├Ân anstrengend zu lesen - au├čer, Hillary Rodham Clinton erz├Ąhlt sie.

Vom Anfang des 20. Jahrhunderts bis zu ihrem Auszug aus dem Wei├čen Haus im Jahr 2000 spannt Hillary Clinton einen Bogen ├╝ber fast hundert Jahre. Dabei erz├Ąhlt sie sehr pers├Ânlich die Geschichte ihrer Gro├čeltern und Eltern, verliert aber nie den Blick f├╝r das Politische.

Besonders spannend wird das in den Momenten, in denen sie selbst die B├╝hne des politischen Geschehens betritt - sei es als Goldwater Girl im Wahlkampf des republikanischen Senators Barry Goldwater oder als aktives und zugleich kritisches Mitglied der Studentenbewegung. Gerade diese gro├če Bandbreite ihres Engagements - sie fand aus einem republikanisch gepr├Ągten Elternhaus zu den Demokraten - macht sie als politische Person glaubw├╝rdig.

Dabei geht es immer wieder um Kinder- und Frauenrechte, die in Hillary Clintons Leben gleich auf doppelte Weise eine gro├če Rolle spielen: Einerseits ist ihre politische Arbeit stark auf Frauenthemen konzentriert, andererseits erlebt sie als Frau an Bill Clintons Seite immer wieder, wie schwer es ist, zugleich Ehefrau, Mutter und aktive Politikerin zu sein.

So st├Â├čt gerade ihre Interpretation der Rolle als First Lady auf deutlichen ├Âffentlichen Wiederstand: Als Vorsitzende der "Health Care Task Force" setzt sie sich aktiv f├╝r die Gesundheitsreform ein, anstatt ab und zu in einem Krankenhaus ein paar Kinderh├Ąnde zu sch├╝tteln und ansonsten das Wei├če Haus zu h├╝ten. Kritiker verleihen ihr daf├╝r den Titel "Co-Pr├Ąsidentin."

Sogar auf ihren Namen nimmt die neue Rolle Einfluss: Nachdem sie sich jahrelang "Hillary Rodham Clinton" genannt hat, wird sie nun kurzerhand in "Hillary Clinton" umgetauft. Pr├Ąsidentinnengattinnen f├╝hren keinen Doppelnamen.

Nat├╝rlich kann sie in ihrem Bericht auch die vielen Skandale der Clinton-Administration nicht auslassen. Dabei ist es besonders interessant, als Leserin noch einmal einen wirklichen ├ťberblick ├╝ber die Geschehnisse zu bekommen: Tats├Ąchlich begann alles mit Whitewater, der Immobilienaff├Ąre von Arkansas, und weitete sich dann ├╝ber Paula Jones bis hin zu Monica Lewinski aus.

Dass Whitewater in Wahrheit ein ungl├╝ckliches Grundst├╝ckgesch├Ąft war, das den Clintons au├čer einem gro├čen Geldverlust nichts gebracht hat, stellt Hillary Clinton sehr glaubw├╝rdig dar, genauso, dass der eigentliche B├Âsewicht der anschlie├čenden Verfahren Kenneth Starr hei├čt. Trotzdem spricht sie ihren Ehemann nicht von aller Schuld frei, macht aber eine wichtige Differenzierung: Die zwischen Ehemann und Pr├Ąsident.

W├Ąhrend Hillary mit dem Ehemann Bill noch nicht mal mehr ein Wort wechselt, unterst├╝tzt die First Lady weiterhin den Pr├Ąsidenten. Was in den Medien oft fast ekelhaft als "St├Ąrke" einer betrogenen Ehefrau - n├Ąmlich das Ertragen der Eskapaden des Gatten - dargestellt wurde, bekommt hier Sinn: Das Projekt, an dem Hillary und Bill Clinton zusammen arbeiteten, war einfach zu gro├č, um es durch pers├Ânliche Gef├╝hle zu zerst├Âren.

Und dieses Projekt und die jahrzehntelangen gemeinsamen Erfahrungen sind wohl auch das, was Hillary Clinton letztendlich die Kraft gab, ihrem Ehemann zu verzeihen. Dazu kommt ihr starker Glaube, dessen Betonung im Buch wohl nur im religi├Âs gepr├Ągten amerikanischen Kontext zu verstehen ist. Schlie├člich fand auch Bill Clinton nicht zuletzt "Vergebung" bei der amerikanischen Bev├Âlkerung, weil er seine "S├╝nden" im Sinne einer "Beichte" zugab und Besserung gelobte.

Eine weitere nordamerikanische Besonderheit ist die fast schon penetrante Kriegsmetaphorik: Das Hauptb├╝ro im Wahlkampf wird als "War Room" bezeichnet, es gibt die "Health Task Force" und zur Aufmunterung sagt Hillary Clinton sich "Sei tapfer, Soldat!"

Und dass ein Angriff auf ein potentielles Terroristenausbildungslager in Afghanistan freim├╝tig und im Bewusstsein der Gerechtigkeit als "Vergeltungsschlag" f├╝r die Bombenanschl├Ąge auf amerikanische Botschaften in Tansania und Kenia bezeichnet wird, ruft ins Ged├Ąchtnis zur├╝ck, aus welcher Perspektive hier Geschichte erz├Ąhlt wird.

Doch diese Subjektivit├Ąt ist Hillary Clintons volles Recht und letztendlich auch die gro├če St├Ąrke des Buches. Schade nur, dass der Doppelsinn des amerikanischen Originaltitels in der deutschen ├ťbersetzung verloren geht: "Living History" bedeutet "gelebte Geschichte" und "lebende Geschichte" - und genau das bietet das Buch. Bleibt nur noch eins zu sagen: Hillary for President!




Hillary Rodham Clinton
Gelebte Geschichte

Econ, 2003
ISBN 3-430-11862-x
24 Euro
Hardcover, 670 Seiten200593272675"



Literatur Beitrag vom 05.08.2003 AVIVA-Redaktion 

   




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