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AVIVA-BERLIN.de im Oktober 2017 - Beitrag vom 13.12.2011

Pia Solèr - Die Weite fühlen. Aufzeichnungen einer Hirtin
Lisa Scheibner

Die Hirtin Pia Solèr erzählt in poetischer Reduziertheit von der Freiheit, die das Leben mit Tieren und Jahreszeiten für sie bedeutet. Doch wer sich für die Abgeschiedenheit der Berge entscheidet...



... muss noch lange nicht weltfremd sein.

"Es braucht nicht viel. Wichtig ist, dass das Richtige im richtigen Moment geschieht."

Pia Solèr hat achtzehn Sommer auf der Alp verbracht, in Gesellschaft individualistischer Ziegen oder Schafe und ihrer geliebten Hütehunde. Am Morgen geht es auf die Weide, am Abend zurück in ihr Haus im Weiler, einer kleinen Ansammlung von Häusern in der außer ihr nur eine Handvoll anderer Menschen lebt. Seit sie sechzehn ist, wandert sie als eine der letzten im Winter mit der Herde talabwärts. "Ein Bekannter meinte einmal: Normale Leute ziehen aus dem Tal hinaus, und du ziehst noch weiter hinein. So bin ich eben." Beim Alpabtrieb helfen sich die HirtInnen gegenseitig mit den Tieren, die ihren eigenen Kopf haben. Die Kühe zum Beispiel, die manchmal selbst beschließen, wann es Zeit ist, die Alp zu verlassen und sich auf den Weg in angenehmere Klimazonen machen: "Die Kühe sind halt auch modern geworden."

Im reduzierten Schreibstil einer Frau, die nicht viele Worte macht, aber trotzdem eine Menge zu sagen hat, berichtet Pia Solèr in "Die Weite fühlen" von ihrem Leben auf den entlegenen Weiden der Alp. Ihre Poesie ist eine sehr praktische: sie genießt das Trommeln des Regens auf dem Blechdach, eine entspannte Zigarettenpause oder ein Abenteuer im Hochtal, das gut ausgeht. Etwa, wenn es ihr gelingt, eine wilde Gämse zu retten, die sich im Zaun verfangen hat. Angst scheint die Schäferin selten zu haben, eigentlich nur, wenn Tiere oder Menschen in Gefahr sind. Die Berge können erbarmungslos sein: Plötzliche Lawinen, ein dichter Nebel oder ein Steinrutsch entscheiden in Sekunden über Leben und Tod.

"Es heisst oft, Schafe seien blöd, weil sie hintereinander den Fels hinab springen. Machen wir das nicht auch? Hast du ein iPhone, will ich auch eins."

Mit einer unerschütterlich positiven Einstellung besteht die erfahrene Einsiedlerin auch schwierige Situationen und arbeitet bewusst gegen destruktive Gedanken an, denn sie hat über die Jahre gelernt, sich dem eigenen Geist zu stellen.
Auf den Pässen, hoch über der Welt, deren Größe von dort aus zu erahnen ist, empfindet sie einen besonderen Luxus, der Stadtmenschen versagt bleibt: sie fühlt die Weite.
HirtInnen sind jedoch mitnichten menschenfeindliche AussteigerInnen, erfahren wir von Pia Solèr, sondern sie sind oft intelligent und lieben die Natur, zu der schließlich auch die Menschen gehören. Die Vorteile der modernen Welt sind ohnehin relativ: "Oj, ich bin in der Zivilisation. Kaum mache ich die Türe auf, läutet das Telefon."

Das Mobiltelefon, dessen Empfang von der Windrichtung abhängt, heißt auf Schweizerdeutsch "Natel". Sowohl dieser Dialekt, als auch Solèrs eigentliche Muttersprache, das (Reto-)Romanisch, fließen durch viele Redewendungen in ihren Schreibstil ein, so bedeutet etwa "Il zuffel" Föhn.
Auch die Verwendung der Fachbegriffe der Hirtin geben das Gefühl, mit dabei zu sein auf der Alp: Ein kleines Glossar am Ende des Buches verrät der urbanen Leserin, dass "Gitzis" junge Ziegen sind und die Hörner der Gämse "Krücken" genannt werden.

Daran, dass ihr Leben für Außenstehende faszinierend ist, hat Pia Solèr sich schon gewöhnt. Sie hat in einem romanischen Film mitgespielt, flüchtet regelmäßig vor ReporterInnen, die plötzlich auf der Alp auftauchen, und nun hat sie sich auch noch überreden lassen, etwas über ihr Leben aufzuschreiben. "Wer hätte zum Beispiel gedacht, dass ich etwas zu sagen habe."

Ein Kamel auf der Alp?

Am Ende des Tals ist mensch hinter dem Mond? Von wegen. Solèr hat chinesische Akupressur in Shanghai gelernt, sie war in Mexiko, Marokko und Libyen und hat festgestellt, wie sich Alp-Landschaft und Wüste in gewisser Weise ähneln. Eigentlich hätte sie auch gerne ein Kamel mitgebracht, schreibt sie, aber entschied sich dann doch, dass dem Tier eine derartige klimatische Veränderung nicht zuzumuten sei. Die BerbernomadInnen erkannten in ihr sogleich die Hirtin, an der Art, wie sie beobachtet.
Wo die Jahreszeiten den Ton angeben und die richtige Kleidung und Einschätzung der eigenen Kräfte lebenswichtig sein kann, da fühlt Solèr sich zuhause. Sie genießt die Sahara genau wie ihr Leben zwischen der Alp und ihrem Geburtshaus in Vrin, wo sie den Winter verbringt. Übrigens, bemerkt sie, gibt es inzwischen auf der Alp fast mehr Frauen als Männer, im Gegensatz zu früher.

Das disziplinierte Leben ohne freie Tage hat Pia Solèr von ihrer Familie gelernt, dennoch ist es ihre eigene Entscheidung gewesen, ihre Existenz ganz und gar den Bergen und Tieren zu widmen. "Ihr mögt glauben, ich sei altmodisch – bin ich auch. Macht nichts, ich fühle mich wohl dabei." Mithilfe der Schafe hat sie die Wege auf die guten Weiden ausfindig gemacht und sich so ihre jahrelange Erfahrung erarbeitet. Ihre wichtigsten KollegInnen aber sind die Hunde, auf die sie sich hundertprozentig verlassen muss. Sie bekommen (zum Erstaunen mancher Besucherin aus der Stadt) den Rest von jedem köstlichen Essen und als reinrassige Border Collies sind sie so sehr an ihre Arbeit gewöhnt, dass sie auch im Winter ständig beschäftigt werden wollen.
Und dann gibt es im Leben der Hirtin natürlich noch ihren Freund, der auf einer anderen Alp arbeitet. Sie erzählt nicht viel von ihm, aber es wird klar, dass die beiden eine zarte, unabhängige und große Liebe verbindet.

Pia Solèr zieht mit ihrer sachlichen Poesie die Leserin in den rauen Bann der Berge - keine Spur von Heidi-Romantik. Mensch möchte gern noch mehr über ihre Abenteuer hören. Aber: "Meine Stifte sind bald alle leer." Das ist ein Argument.

Zur Autorin: Pia Solèr, geboren 1971 in Vrin in der Schweiz, lebt dort in Vanescha und auf der Alp Scharboda. Sie absolvierte eine Verkäuferinnenlehre und arbeitete auf der Ziegenalp von Vrin als Hirtin. Sie ist in chinesischer Akupressur ausgebildet und unternahm mehrere Fernreisen. Seit 2002 hütet sie im Sommer Schafe. 1993 spielte sie die weibliche Hauptrolle an der Seite von Bruno Cathomas in Mic Feuersteins Filmdrama "Levzas petras" (CH, 1993) in rätoromanischer Sprache.
Zur Lektorin: Daniela Kuhn, geboren 1969 in Zürich, studierte unter anderem an der Bezalel Academy of Art and Design, Jerusalem, bevor sie ihr Journalismusdiplom und einen Bachelor in Psychologie machte. Sie arbeitet(e) als Journalistin für das Israelitische Wochenblatt, verschiedene Schweizer Tageszeitungen und moderiert Erzählcafés in Altersheimen. Bei einer Reportage für die Neue Zürcher Zeitung lernte sie Pia Solèr kennen und ermutigte sie, ein Buch zu schreiben. www.danielakuhn.ch

AVIVA-Tipp: "Die Weite fühlen" ist ein Kleinod: Pia Solèrs unprätentiöse Aufzeichnungen strahlen eine ruhige Magie aus, der es mit wenigen Worten gelingt, die Leserin beinahe auf die Alp zu versetzen, zumindest aber in einen ungewöhnlichen Zustand. Das gebundene Kleinformat ist ein Genuss, und das Bedauern groß, wenn die Geschichten vorbei sind: Es fällt leicht, die launischen Ziegen, die hyperaktiven Hütehunde und Solèrs kluge Gedanken lieb zu gewinnen. Die Hirtin ist stark, voller Respekt und verfügt über inspirierende Klarheit in allem, was sie tut. Das Leseerlebnis ist Eskapismus auf seine schönste Weise.

Pia Solèr
Die Weite fühlen. Aufzeichnungen einer Hirtin

Mitarbeit und Nachwort: Daniela Kuhn
weissbooks, erschienen Oktober 2011
Gebunden, 123 Seiten, kleines Format
ISBN 978-3-86337-009-1
15 Euro
www.weissbooks.com

Literatur Beitrag vom 13.12.2011 AVIVA-Redaktion 

   




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