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AVIVA-BERLIN.de im Dezember 2017 - Beitrag vom 31.08.2007

Einen Bauernhof am Kölner Dom
Marietta Harder

...oder die Pille für Geborgenheit wünscht sich Gabriele Gillen, eine der "Froschköniginnen" und gibt sich damit unbescheiden. Denn so sind sie, die Nach-AchtundsechzigerInnen: wagen und wollen mehr



"Uns ist alles erlaubt, das ganze Leben ein Experiment. Selbst die Ehe oder die Liebe. Konsumartikel wie andere auch." Austauschbar. Doch was fängt frau mit der hart erarbeiteten Freiheit, den unzähligen Wahlmöglichkeiten an? Wonach streben die Töchter der zweiten Frauenbewegung der 60er und 70er Jahre und wie hat sich ihr bisheriges Leben gestaltet? Am Beispiel ihrer eigenen Vergangenheit beantwortet die Mitte 40 jährige Autorin solche Fragen und gibt "Einblicke in ein artgerechtes Frauenleben". Sie verbindet Tagebucheinträge aus verschiedenen Zeiträumen mit Kommentaren aus heutiger Sicht und lässt die LeserInnen an Kindheit, Jugend und ihrem derzeitigen Leben teilhaben, verliert dabei allerdings nie den Blick für politische Ereignisse.

Gillen schreibt über das Anfang 2007 eingeführte Elterngeld ebenso kritisch wie über die Gründung der "Roten Zora" in den 70ern und die Nachwirkungen des Nationalsozialismus im 21. Jahrhundert. Sie kritisiert den zu leichtfertigen Umgang mit Attacken gegen AusländerInnen, die heute noch immer verübt werden. Verdrängen statt kommunizieren: Während die jüdische Freundin "sich schuldig fühlte, eine Überlebende zu sein, waren die Mörderinnen und Mörder von sechs Millionen Juden damit beschäftigt, ihre Schrebergärten einzuzäunen". Ohne ein Blatt vor dem Mund spricht die Autorin aus, wovor andere die Augen verschließen. Dies gilt ebenso für politische Kontroversen und Ungerechtigkeiten wie für den Schönheitswahn, die Erwartungen an "Superwoman" von heute: Eine "perfekte Aufziehpuppe, die wie geschmiert funktioniert" und dabei hübsch angezogen ist. "Wichtig ist auch, dass sich die Mundwinkel ständig in unmittelbarer Nähe zu den Ohrläppchen festkrampfen."

Eine große Rolle spielen in dem Buch regelmäßige Mädchenabende, an denen offen geredet, getrunken und geheult werden darf. Solche Momente sind wichtig, denn "Freundinnen sind Lebensmittel, wer keine hat, verhungert". Und wer welche hat, kann über die Anstrengung philosophieren, "sich immer wieder neu zu erfinden" oder gegenseitig Lebensläufe vergleichen. Dabei schleicht sich oft Sentimentalität ein, wird nach Antworten gesucht, nach der Lebensführung und dem Glücklichsein: "Wo gehören wir hin, wer sind wir? Genetisch noch Hausfrauen, mental schon längst Chefredakteurinnen, Börsenmaklerinnen, Unternehmerinnen." Kann ein Leben in der Excel-Tabelle, dominiert von Vernunft, glücklich machen? Und wo findet die Singlefrau von heute Mr. Right?

Doch nicht nur Privates bringt die Autorin ein, auch politische Diskussionen werden thematisiert und so bezieht sie als "Kind der weitreichenden Verdrängungskultur" klar Stellung, hat schon immer demonstriert und sich gewehrt. Aufgewachsen in den 60er Jahren, hat die Froschkönigin gelernt, traditionelle Rollenbilder zu überwinden und unabhängig zu leben, nicht als bloßes Sexualobjekt zu gelten. Aber was genau bedeutet Emanzipation, was Befreiung, und wie viel ist davon bis heute geblieben? Die Nachachtundsechzigerin steht dem Feminismus mit gemischten Gefühlen gegenüber. "So viel ist passiert in 35 Jahren Frauenbewegung – und so wenig. Es war wohl leichter, alte Rollenbilder zu zerstören, als neue zu erfinden", schreibt sie und distanziert sich von den Botschaften Alice Schwarzers. Gillen wolle nicht auf die unterdrückte Frau reduziert werden, wie es die Frauenzeitschrift Emma ohne jeglichen Humor tue. "Heute erleben wir in der Öffentlichkeit allein die Beschwörung der Karriere-Superweiber und die Denunziation des Altfeminismus. Emma mit ihrem peinlich geschlossenen Weltbild hat dazu beigetragen".

AVIVA-Tipp: Gar nicht märchenhaft, sondern bitterernst überbringt "Froschköniginnen" politische und private Krisen. Zum Teil autobiografisch beschreibt die Autorin Probleme (sowohl der Vergangenheit als auch in der heutigen Zeit) und bietet Lösungsvorschläge an, sich in der "ich-bin-was-ich-kaufe-Gesellschaft" zurechtzufinden, sich ebenso für Veränderungen stark zu machen. Durch die Verknüpfung von Mädchenabenden und ernsteren Themen ist das Buch unterhaltsam und bietet Raum für eigene Gedanken, für die Frage nach dem persönlichen Glück.

Zur Autorin: Gabriele Gillen, geboren 1959 ist seit 1988 Hörfunk-Redakteurin für Politik und Kultur beim WDR. Sie studierte Politik- und Theaterwissenschaften und veröffentlichte "Hartz IV. Eine Abrechnung", wodurch sie deutschlandweit Aufsehen erregte.

Weiterlesen:

Ute Kätzel: Die 68erinnen

Die Emanzipationsfalle - Erfolgreich, einsam, kinderlos

Alice im Männerland - Avantgarde, Mainstream oder Relikt?

Mitten im Malestream

Froschköniginnen
Einblicke in ein artgerechtes Frauenleben
Gabriele Gillen

Rowohlt Verlag, erschienen im März 2007
Gebunden mit Schutzumschlag, 256 Seiten
ISBN: 978-3-498-02505-2
19,90 Euro

Literatur Beitrag vom 31.08.2007 AVIVA-Redaktion 

   




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