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AVIVA-BERLIN.de im Oktober 2017 - Beitrag vom 05.09.2003

Donna Leon & Commissario Brunetti
Ilka Fleischer

Weder gelesen, noch gesehen oder gehört hat die Brunetti-Bestseller der US-amerikanischen Donna of Crime wohl kaum jemand - abgesehen von den italienischen Landsleuten des venezianischen Commissario.




Während Commissario Brunetti - trotz elf brillant gelöster Fälle und der Aufdeckung zahlloser politischer Skandale - noch immer nicht den Aufstieg zum Vice-Questore geschafft hat, heimst seine Kreatorin, Donna Leon die Lorbeeren ein: Seit ihrem ersten gemeinsamen Fall, "Venezianisches Finale" (1992), gilt sie als Bestseller-Garantin, kann auf die Veröffentlichung von 10 Romanen in 19 Sprachen zurückblicken und frönt "la dolce vita" bei ihrem Lieblingshobby - regelmäßigen Opern-Besuchen in der Loge. Auf den Straßen ihrer Wahlheimat Venedig bleibt sie dennoch weitgehend unerkannt.

Wie kann millionenfach publizierte Gesellschaftskritik dem Objet de critique verborgen bleiben? - Wenn das Beispiel Donna Leon & Commissario Brunetti repräsentativ ist, scheint es zu reichen, die skeptischen Äußerungen einfach in einer fremden Sprache und in belletristischer Weise zu tun. "Ich will nicht, dass man glaubt, ich maße mir an, über mein Gastland zu urteilen" - mit dieser Begründung soll die gebürtige US-Amerikanerin die Übersetzung ins Italienische verweigert haben. Eine recht bizarre Auffassung in Anbetracht der weitflächigen Veröffentlichung eben dieses Urteils - zumal für eine Autorin, die immer wieder moralische Integrität und Political Correctness ins Zentrum ihrer Romane stellt.

Vor allem verwundert diese Haltung vor dem Hintergrund ihrer sehr differenziert und oft geradezu liebevoll geäußerten Kritik, die sie in der Ambivalenz und Empathie ihrer Hauptcharaktere zum Ausdruck bringt. So sehen sich der Commissarios und seine Frau Paola im vorletzten Fall "Feine Freunde" z.B. mit Ermittlungen in eigener Sache konfrontiert: Eines Tages steht Franco Rossi, Beamter des Katasteramtes, vor ihrer Wohnung, von der er behauptet, sie sei illegal gebaut worden. Brunetti reagiert darauf - aus "deutscher Sicht" - in eigentümlicher Weise:
"Zu keinem Zeitpunkt wäre es ihm - so wenig wie Paola - in den Sinn gekommen, die Sache legal anzugehen, also die zuständigen Dienststellen und die Namen der richtigen Leute herauszufinden und dann die geeigneten Schritte einzuleiten. Venezianer pflegten es zu ignorieren, weil man wusste, dass solche Dinge sich nur mit ´conoscenze´ regeln ließen, als da waren: Bekannte, Freunde, Beziehungen und geschuldete Gefälligkeiten."

Als der integre Beamte nur kurz darauf unter ungewöhnlichen Umständen um´s Leben kommt und Brunettis Weg wenig später von einem weiteren mysteriösen Mord gekreuzt wird, beginnt der Commissario in gewohnt-loyaler Begleitung von Sergeante Vianello mit den Ermittlungen. Mit jeder neuen Fährte geraten sie tiefer in den Morast aus Drogen, Wucher, Gewalt und Korruption, mit jedem neuen Indiz verstärken sich die Zweifel, inwieweit die Verbrechensbekämpfung auf derart maroder gesellschaftlichen Basis Früchte tragen kann.

Auch wenn der erhobene Zeigefinger hier und da durchscheint, läuft Donna Leon - dank der ausgeprägt selbstkritischen Züge ihrer Haupt-ProtagonistInnen und ihrer eigenen Italo-Passion - niemals Gefahr, verurteilend daher zu kommen. Nicht selten wirft sie allerdings moralisch-ethische wie polit-philosophische Fragestellungen durch die Literatur-Professorin und Brunetti-Gattin Paola auf. Indem diese den oberflächlichen Pragmatismus des venezianischen Polizei-Apparates zuweilen radikal anzweifelt und nach einer "tieferen Gerechtigkeit" sucht, stellt sie nicht nur für die Leserin ein anregendes Komplement dar, sondern auch für ihren Guido.

Trotz aller Partnerschaftlichkeit des Brunetti-Paares rührt ihre Popularität womöglich aber eher von den traditionellen Seiten ihres Ehe- und Familienlebens:
"In diesen Momenten bitterer Erkenntnis hilft Brunetti nur noch der Rückzug ins Private. In seiner Familie findet er Rückhalt und Geborgenheit - im trauten, harmonischen Heim ist die Welt (noch?) in Ordnung. Ehefrau Paola, eine Literaturprofessorin, verwöhnt ihn mit frischen Krabben oder Erbsenrisotto, und er kann sich seinen Leidenschaften, klassischer Literatur und Opernarien, hingeben," so kommentieren die KollegInnen von Amazon.com das gut-bürgerliche Nest.

Die Anspielung auf die latente eheliche Disharmonie aufgreifend, handelte der letzte Fall Brunettis Gesetz der Lagune denn auch von den amourösen Gefühlen des Commissario für seine junge Kollegin Elettra. Vor den Toren Venedigs, im Hafen des kleinen Fischerdörfchens Pellestrina, wird ein Schiff in Brand gesetzt - an Bord befinden sich der Muschelfischer Giulio und sein Sohn Marco.

Als Brunetti und Vianello mit den Ermittlungen beginnen, zeigen sich die Fischers-NachbarInnen der Insel bedeckt. Außerhalb der venezianischen Stadtgrenzen kann sich der Commisario nicht auf seine üblichen Ermittlungsmethoden zurückgreifen, die vor allem auf ´conoscenze´ basieren. Daher nimmt er Elettras Angebot, sich unter die InsulanerInnen zu mischen, zwar zögerlich, aber dankbar an. Schließlich reicht das weite verwandtschaftliche Netz der Sekretärin noch in den letzten Winkel Pellestrinas. Bald zeigt sich, dass die Befürchtungen um das Wohlergehen Elettras nicht unberechtigt waren.

Neben den widerstrebenden Gefühlen Brunettis, der zwar seine lange vitale PartnerInnenschaft mit Paola zu würdigen weiß, aber dennoch dem Reiz des Neuen nicht widerstehen kann, wird das "Gesetz der Lagune" besonders von den off-touristischen Attraktionen der Serenissima getragen. Die vielen venezianischen Alltags-Impressionen ergänzend, trösten hier auch die verlockenden Schilderungen adriatischer "Naherholungsgebiete" über die menschlichen Grausamkeiten hinweg und stellen selbst den feinsinnigen kriminalistischen plot in den Schatten.

Dass Donna Leon ihre eigenen Erfahrungen und Lebensgefühle in der Wahlheimat als Ausgangsbasis ihrer Romane nimmt, hat sie von je her betont. Ihr Erstlingswerk "Venezianisches Finale" gilt als Produkt eines anstrengenden Opern-Besuches, bei dem ihr Begleiter gesagt haben soll: "Ich könnte den Dirigenten umbringen!" Darauf hin hätte sie ihn mit dem Versprechen beruhigt: "Ich mach´s für dich, aber in einem Roman." Ein ebenso persönlicher Bezug führte zu ihrem jüngsten Brunetti-Krimi Die dunkle Stunde der Serenissima, bei dem die verschwundene Kunst aus den Kriegsjahren im Zentrum steht:
"Ein befreundeter Kunsthändler sagte mir, was man 30 Jahre in seinem Besitz habe, gehöre einem, ganz gleich, wo es herkommt. Das wollte ich nicht glauben und habe weiterrecherchiert," so erklärte die Autorin den Auslöser für Commissario Brunettis 11. Fall.

Auf die Spuren des moralischen Verfalls der Kriegsjahre gerät unser Ermittler durch den Wunsch seiner Frau. Eine ihrer Studentinnen möchte ihren Großvater von dem Vorwurf reinwaschen, er habe im Kriegsverlauf die Kunstwerke verfolgter JüdInnen und WiderstandskämpferInnen unrechtmäßig erstanden. Kurze Zeit nachdem sie Brunetti in seinem Büro aufgesucht hat, wird sie erstochen in ihrer Wohnung entdeckt. Wenig später findet der Commissario ihre Großmutter tot auf - inmitten einer imposanten Kunst-Sammlung.

Mithilfe seines bewährten "Teams" - einschließlich seiner Frau Paola und des Schwiegervaters Conte Falier - spürt Brunetti den Zeiten Mussolinis und ihren zahllosen Ausläufern in die Gegenwart nach. Ob WiderstandskämpferInnen, FaschistInnen oder MitläuferInnen - alle scheinen damals Gesetz und Moral mit Füßen getreten zu haben. Aber wer würde eine Studentin und eine Rentnerin im Hier und Jetzt ermorden?

In gewohnter Differenziertheit schildert die Autorin die unterschiedlichen Charaktere und ihre jeweiligen Motive, die weite Schnittmenge und vielen Nuancen von Gut und Böse, Recht und Unrecht. Und sie präsentiert einen alles andere als selbstgefälligen Commissario, der sowohl an der Aufklärung wie an der Vereitelung von Straftaten beteiligt ist und einen neuen Helden-Epos zu begründen scheint - fernab von Macho-Bullen oder kriminalistischen Überfliegern.

Somit hinterlässt auch der elfte Fall Brunettis eine ungenügende Erklärung auf die Frage, warum diese erhellend-kritische Serie den ItalienerInnen vorenthalten wird. Der WDR kommentierte zurecht: "Schade eigentlich: Nun müssen sich die Italienerinnen einen idealen Mann wie Guido Brunetti tatsächlich im realen Leben suchen."





Die dunkle Stunde der Serenissima. Commissario Brunettis elfter Fall.
von Donna Leon

Preis: EUR 19,90
Gebundene Ausgabe - 373 Seiten
Diogenes 2003
ISBN: 325706343190008115&artiId=2091123" .

Das Gesetz der Lagune. Commissario Brunettis zehnter Fall.
von Donna Leon

Gebundene Ausgabe - 321 Seiten
Diogenes 2002
ISBN: 325706313X90008115&artiId=1372785" .

Feine Freunde. Commissario Brunettis neunter Fall.
von Donna Leon

Preis: EUR 9,90
Broschiert - 332 Seiten
Diogenes Verlag 2002
ISBN: 325723339690008115&artiId=1372780" .


Literatur Beitrag vom 05.09.2003 Ilka Fleischer 

   




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