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AVIVA-BERLIN.de im Oktober 2017 - Beitrag vom 16.03.2008

Ulrike Meinhof und die RAF
Yvonne de Andrés

Ein guter Einblick in den gegenwärtigen Streit um die 68er Bewegung und die RAF-Geschichte. Welche Rolle spielte der Antisemitismus bei den terroristischen Ausläufern der StudentInnenbewegung?



Über den Charakter und die Wirkungen der terroristischen Ausläufer der deutschen StudentInnenbewegung gibt es gegenwärtig einen heftigen Streit unter PublizistInnen und WissenschaftlerInnen. Diese zwei Bücher geben einen guten Einblick in diese Kontroverse.

Die Schlussworte in Kristin Wesemanns Biografie über Ulrike Meinhof lauten: "Es ist nicht auszuschließen, dass Ulrike Meinhof ohne ihre Mitgliedschaft in der RAF heute vergessen wäre. Ihr Mythos, der sie überlebt hat, gründet sich vor allem auf terroristische Taten. Ihr journalistisches Werk dagegen bleibt eine winzige Quelle, aus der nur noch eine Minderheit schöpft." Das klingt hart. Das Urteil ist jedoch, so wird frau nach der Lektüre des Buches feststellen, keineswegs überzogen.

Wer sich für Leben und publizistische Arbeiten von Ulrike Meinhof interessiert, sollte sich das Buch unbedingt zulegen. Zwar sind schon einige Arbeiten über die Journalistin, Kommunistin und Terroristin erschienen, keine von ihnen konnte jedoch bislang so viele Details aus ihrem privaten, journalistischen, politischen und terroristischen Leben präsentieren. Kristin Wesemann räumt mit vielen Mythen auf. Unter Hinzuziehung vieler bislang noch nicht genutzter Quellen zeigt Wesemann, dass Ulrike Meinhof früh mit der in der (alten) Bundesrepublik verbotenen KPD und ihren Auftraggebern in der DDR kooperierte. Sie machte sich auch deren antifaschistisch grundierten Nationalismus zu Eigen, einschließlich der Weigerung, für die Verbrechen des Nationalsozialismus zu haften und der Parteinahme gegen Israel im Nahost-Konflikt. Die Entschlüsselung und materialreiche Dokumentation dieses kommunistisch-nationalistischen Schuldabwehrantisemitismus im Denken Ulrike Meinhofs – die später die wichtigste Ideologin der RAF war - ist die größte Leistung der Autorin.

Wer nach der Lektüre der Biografie Ulrike Meinhofs Interesse an der Geschichte der RAF hat, kann sich gut in dem erschienenen Buch von Willi Winkler informieren. Winkler lässt jedoch den von Wesemann präzise herausgearbeiteten Zusammenhang von Nationalismus, Antifaschismus und Antisemitismus eher unberücksichtigt. Auch die große Anzahl von Frauen in der RAF erwähnt der Autor zwar, sie scheint ihm allerdings keine eingehende Untersuchung wert.

Willi Winkler sieht die RAF anders als Wesemann. Er schreibt: "Der bewaffnete Widerstand hätte nicht entstehen können ohne ständige, moralisch begründete Versicherung beim verbrecherischen Dritten Reich, das den GründerInnen der RAF in der Bundesrepublik der sechziger Jahre so lebendig vorkam, dass sie glaubten, sich dagegen in einem Akt des nachholenden Widerstandes erheben zu müssen." Das ist nur halb richtig. Sicher hat die RAF sich genau so selbst gesehen. Aber kann man ihr dieses Selbstbild im Nachhinein belassen? Winkler streitet nicht ab, dass die RAF die Politik Israels mit dem Faschismus gleichsetzte, dass sie sich von den arabischen Feinden Israels ausbilden ließ und mit ihnen gemeinsame Sache machte. Es scheint ihm jedoch bei der Beurteilung ihrer Motive keine besondere Rolle zu spielen.

AVIVA-Fazit: Mehr als dreißig Jahre nach der Gründung der RAF 1970, kommt endlich Licht in dieses von vielen Mythen und Halbwahrheiten umrankte Thema. Wer beide Bücher liest, bekommt einen guten Einblick in dieses nach wie vor heftig umstrittene Kapitel deutscher Zeitgeschichte.
Kristin Wesemann hat hier einen entscheidenden Beitrag zur Analyse von Meinhof und der RAF geliefert. Ihr ist aber beim nächsten Buch eine aufmerksamere Lektorin zu wünschen. Es rächt sich, dass viele Verlage, die sozialwissenschaftliche Literatur publizieren, keine LektorInnen mehr haben oder sie nur mit Spitzentiteln betreuen. Willi Winklers Buch hingegen ist zwar besser formuliert, bleibt analytisch jedoch hinter seinen Möglichkeiten zurück. Dass Rowohlt Berlin LektorInnen hat, merkt man dem Buch an. Es ist flüssig geschrieben und liest sich, trotz des nicht eben erfreulichen Themas, sehr leicht.

Zu den AutorInnen:
Dr. Kristin Wesemann geboren 1975, studierte Politikwissenschaft und Internationale Beziehungen in Potsdam, Bologna und Washington D.C. 2003 Diplom und MA, 2007 Promotion an der TU Chemnitz. Seit 2005 Referentin des Oberbürgermeisters in Schwerin
Willi Winkler geboren 1957, hat in München und St. Louis studiert und Bücher von John Updike, Anthony Burgess und Saul Bellow übersetzt. Er war Redakteur bei der Zeit und dem Spiegel, mittlerweile schreibt er für die Süddeutsche Zeitung. Winkler hat zahlreiche Artikel und Aufsätze zur RAF und zum Terrorismus verfasst.

Kristin Wesemann
Ulrike Meinhof. Kommunistin, Journalistin, Terroristin - eine politische Biografie.

"Extremismus und Demokratie"
Nomos Verlagsges.MBH + Co, erschienen im August 2007
kartoniert, 439 Seiten
ISBN: 9783832929336
49 Euro

Willi Winkler
Die Geschichte der RAF

Herausgegeben von Bernd Klöckener
Rowohlt Berlin, erschienen im September 2007
Gebundene Ausgabe, 527 Seiten
12 S. mit s/w Tafeln
ISBN: 9783871345104
22,90 Euro

Weitere Rezensionen von Ulrike Meinhof-Biografien auf AVIVA-Berlin:
Jutta Ditfurth "Ulrike Meinhof. Eine Biografie"
Regina Leßner "Ulrike Meinhof - Mythos und Wirklichkeit"

Literatur Beitrag vom 16.03.2008 Yvonne de Andrés 

   




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