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AVIVA-BERLIN.de im Dezember 2017 - Beitrag vom 31.03.2008

Irina Liebmann, Wäre es schön - Es wäre schön
Yvonne de Andrés

Die Schriftstellerin Irina Liebmann erinnert an ihren Vater Rudolf Herrnstadt, den ehemaligen Chefredakteur der SED-Parteizeitung "Neues Deutschland", der 1953 in Ungnade fiel.



Das Besondere an "Wäre es schön? Es wäre schön!" ist die Art, wie Irina Liebmann es erzählt. Selbst Menschen, die mit Rudolf Herrnstadt - dem Vater der Autorin - und den Machtkämpfen in der Weimarer KPD, ihrer Exilgruppe in Moskau und der SED-Führung in Ost-Berlin nichts am Hut haben, werden ihm noch etwas abgewinnen. Aber, vielleicht, liegt darin ja auch das große Problem dieses Buches?

Das von vielen Brüchen gekennzeichnete Leben Rudolf Herrnstadts, der in einer jüdischen Familie in Gleiwitz aufwuchs, beginnt im bürgerlichen Milieu. Sein Vater war dort ein angesehener Rechtsanwalt und Mitglied der SPD. Der Sohn beginnt ein Studium der Rechtswissenschaft in Berlin und Heidelberg, findet jedoch keine rechte Freude daran und arbeitet deshalb zunächst als Praktikant in der Industrie und seit 1924 als Lektor in verschiedenen Berliner Verlagshäusern. Er wird einer der angesehensten Journalisten des "Berliner Tagblatt", ab 1931 arbeitet er konspirativ für einen Nachrichtendienst der Sowjetunion. Auch seine erste große Liebe Ilse Stöbe verführt er zu dieser Tätigkeit. Sie wird eine der ersten Agentinnen sein, die einen bevorstehenden Überfall Nazi-Deutschlands auf die Sowjetunion nach Moskau melden wird. 1942 wird sie von den Nazis ermordet.

Herrnstadt verliert im Nationalsozialismus all seine Angehörigen, als Auslandskorrespondent verschiedener Zeitungen geht sein Weg über Warschau in das Exil in die Sowjetunion. In Moskau stößt er zu der Gruppe um Walter Ulbricht, die nach 1945 unter dem Schutz der Sowjetunion die DDR diktatorisch regieren wird. In Moskau lernt er seine spätere Frau, die Germanistin Valentina, kennen, die ihm, nur ihr ist er bereit zu glauben, zum ersten Mal von den Massenverbrechen Stalins erzählt.

Die Kenntnis der Verbrechen ändert Herrnstadts Hingabe an den Kommunismus nicht Er ist der Autor des Gründungsaufrufs des "Nationalkomitees freies Deutschland". 1945 kehrt er nach Berlin zurück, wird zum Chefredakteur zunächst der "Berliner Zeitung" später des "Neuen Deutschland", kann im Gefolge des Volksaufstandes des 17. Juni 1953 seine Kritik an Ulbricht nicht länger verbergen, fällt in Ungnade und muss dann bis zu seinem Tod in einem Archiv in Merseburg ein ärmliches und verfemtes Leben fristen. Eine Wiederaufnahme in die SED, ohne wirkliche Rehabilitation, lehnt er ab. Er stirbt im Jahr 1966.

Seine Tochter, die Autorin dieser Biographie, die bereits mit vielen anderen Veröffentlichungen wie "Berliner Mietshaus" (1982), "Ich bin ein komischer Vogel" (1988), "Die freien Frauen" (2004) bekannt geworden ist, verfolgt in "Wäre es schön? Es wäre schön! den Weg ihres Vaters mit deutlicher Kritik und gleichzeitig mit hoher Sympathie. Sie führt, und deshalb liest Frau es sehr gerne, ein nachträgliches Gespräch mit ihrem Vater, also besser gesagt eine Art Selbstgespräch. Irina Liebmann hat mit einigen Menschen gesprochen, die ihren Vater kannten, sie hat Archivrecherchen unternommen, neue Dokumente gehoben und verwendet außerdem eine bislang nicht publizierte Selbstbeschreibung ihres Vaters.

Letztlich bleibt offen, ob Irina Liebmann ihren Vater für die Mitarbeit in den hohen Rängen der SED eher verurteilt, bemitleidet oder ablehnt. Jedefrau, die dieses Buch liest, wird am Ende sagen, dass solche Fragen den Kern der Geschichte nicht berühren. Überflüssig sind sie natürlich nicht, aber es gelingt Irina Liebmann die Geschichte ihres Vaters mit soviel Empathie, Kritik und Eigenreflexion vorzustellen, dass die Leserin zumindest von den redlichen Absichten der Autorin vollkommen überzeugt ist und, wie die vielen bereits veröffentlichten Rezension zu dem Buch zeigen, ihre Sympathie nicht selten von der Tochter auf den Vater überträgt. Wahrscheinlich gibt es keinen anderen führenden Kommunisten der DDR, der nachträglich so sympathisch vorgestellt wird, wie neuerdings Rudolf Herrnstadt.

Die Lektüre lohnt trotz allem, denn es gibt nicht viele Bücher von Kindern führender Kommunisten in der DDR, die das Leben ihrer Eltern reflektieren und in der Abnabelung einen eigenen Weg suchen. Letztlich bleibt Irina Liebmanns Buch in der Schwebe. Sie kann dem Heroismus ihres Vaters, seiner unbedingten Hingabe an die Sache des Kommunismus – bei aller Kritik – sehr viel abgewinnen. Letztlich lässt das Buch die Leserin mit der Aussage einer ehemaligen Kollegin ihres Vaters zurück, einer Fotografin, die, von Irina Liebmann nach einer Erklärung für diese unbedingte Hingabe Herrnstadts an den Kommunismus gefragt, antwortet: "Das lässt sich nicht mehr vermitteln".

Man könnte auch sagen, Irina Liebmann gelingt es nicht, sich von ihrem Vater zu lösen. Sie selbst hat auf die Frage, wie sie ihren Vater nach der Recherche sähe, im Deutschlandfunk (15.3.2008) geantwortet: "Einerseits ist mein Respekt gewachsen, weil ich eine solche Menge an Arbeit gefunden habe, so eine Leidenschaft eines Menschen, sich mit seiner ganzen Kraft wirklich in diesen bewegenden Zeiten mit seiner ganzen Kraft, mit allem, was er hatte, sozusagen in die Waagschale der Zeit zu werfen, wie Büchner gesagt hat, das habe ich da wirklich gefunden, und ich war sprachlos. Und andererseits natürlich die Zerrissenheit und die Ausweglosigkeit, die am Ende entsteht, in so einer Partei sich disziplinieren zu lassen, geistig disziplinieren zu lassen, sich instrumentalisieren zu lassen für Propaganda, für, ja, eine Partei, die selber die Menschen nicht schont und im Grunde dann wegwirft, ohne Respekt, ohne alles eigentlich, da so zu gehen und da auch noch Parteidisziplin zu halten, ja, das zeigt eine tiefe Zerrissenheit, in der Ideale eigentlich alles überdecken und für alles dann auch die Rechtfertigung sein sollen". Das vollständige Interview mit dem Deutschlandfunk vom 15.03.2008 finden Sie unter: www.dradio.de/dlf/sendungen/interview_dlf/754727

AVIVA-Fazit:
Bislang haben noch nicht so viele Kinder führender DDR-Politiker Einblick in ihre Auseinandersetzung mit ihren Eltern gegeben. Irina Liebmann tut dies auf eine Weise die sehr nachdenklich macht. Letztlich kann sie sich dem Heroismus ihres Vaters aber nicht entziehen. Obwohl Liebmann ihren Vater in großen Teilen dieses Buch rechtfertigt, bleibt seine Person umstritten.

Zur Autorin: Irina Liebmann, geboren 1943 in Moskau, studierte Sinologie in Leipzig. Seit 1975 lebte sie als freie Schriftstellerin in Ost-, ab 1988 in Westberlin. Für ihre Bücher erhielt sie zahlreiche Preise, u.a. 1989 den Aspekte-Literaturpreis, 1998 den Berliner Literaturpreis und 2008 den Preis der Leipziger Buchmesse Kategorie Sachbuch für "Wäre es schön? Es wäre schön!" Mein Vater Rudolf Herrnstadt. "Irina Liebmann stellt auf unglaublich eindrückliche Weise Familiengeschichte als Weltgeschichte dar", so Jurymitglied Volker Weidermann (FAS) zur Entscheidung.
Lesen Sie auch unsere Rezension zu "Die freien Frauen".
Weitere Infos und Kontakt: www.irina-liebmann.de

Irina Liebmann
Wäre es schön? Es wäre schön!
Mein Vater Rudolf Herrnstadt.

Berlin Verlag, erschienen im März 2008
Lesebändchen, gebunden - 413 Seiten
ISBN: 9783827005892
19,90 Euro

Literatur Beitrag vom 31.03.2008 Yvonne de Andrés 

   




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