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AVIVA-BERLIN.de im Dezember 2017 - Beitrag vom 29.05.2008

Verfemt, Verboten, Verbrannt und oft Vergessen
Yvonne de Andrés

Vor 75 Jahren fanden in vielen deutschen Universitätsstädten Bücherverbrennungen statt. Zwei Projekte der Erinnerungskultur bieten nachhaltige Wirkung und sind daher hervorzuheben.



Mit dem Feuer sollten die Namen der AutorInnen aus dem kollektiven Gedächtnis getilgt werden. Die Bücherverbrennung fand nicht nur an einem Tag und einem Ort statt. Bereits vor dem 10. Mai 1933 hatte es "wilde-Bücherverbrennungen" in verschiedenen Städten wie Coburg, Gießen, Kaiserslautern, Leipzig und Wuppertal gegeben. Auf öffentlichen Plätzen und nicht irgendwo im dunklen Abseits haben deutsche Studenten, manchmal auch mit der Unterstützung des Rektors und des Senats der jeweiligen Universität Autodafés durchgeführt.

Die Zentrale Aktion der Bücherverbrennung fand auf dem Opern-Platz in Berlin, gegenüber der Universität statt. Studenten, SA-Schergen, Universitäts-Personal sowie Schaulustige nahmen an der ritualisierten "Aktion wider den undeutschen Geist" teil. Neben Büchern wurden auch Fahnen und Transparente von Sozialdemokraten und Kommunisten verbrannt, die Aktion wurde breit von der deutschen Bevölkerung getragen.

Bereits am 1. und 12. April 1933 beriet der Vorstand des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels (Mitgliederverband der Verlage und Buchhandlungen), der die "nationale Erhebung" begrüßt hatte, ein Sofortprogramm, um die "Übereinstimmung" mit den "kulturellen und wirtschaftlichen Richtlinien" der NS-Führungskräfte zu treffen. Der Börsenverein veröffentlichte ab dem 13. Mai 1933 "Schwarze Listen" von AutorInnen, die aus den Bibliotheken, Buchhandlungen und Verlagen zu entfernen seien.

Zwei Leuchttürme der Erinnerungskultur, so zum einen die "Bibliothek Verbrannter Bücher" und das "Zentrum der verfolgten Künste" stellen wir hier unseren Leserinnen vor.

Die "Bibliothek Verbrannter Bücher" wurde herausgegeben vom Moses Mendelssohn Zentrum für europäisch-jüdische Studien in Potsdam. 120 Bücher von AutorInnen, die 1933 verboten, verbrannt und vergessen wurden und drei wissenschaftliche Begleitbände erscheinen hier. Leider werden es nicht die ursprünglich angekündigten 316 Bände. Die ersten elf Bände sind erschienen. Davon möchten wir Ihnen einige vorstellen.

Seit 1977 recherchiert der Journalist und Sammler Jürgen Serke die Lebensläufe der "verbrannten DichterInnen". Den vergessenen Spuren ist er in Europa, Israel und USA nachgegangen. Seine Sammlung hat seit April 2008 ein festes Haus erhalten, das Museum Baden. Hier wird die Sammlung "Zentrum der verfolgten Künste" als ständige Ausstellung gezeigt.

Gina Kaus, "Morgen um Neun"

Oberste Dringlichkeit. Scheidung - Morgen um Neun. Tag und Uhrzeit stehen fest. Nur noch einmal werden sie sich sehen und dann ist Schluss. Viel Zeit vergeht bis zur feststehenden Verabredung.

"Sie hatten fürs erste keinen anderen Grund für ihren Wunsch nach Scheidung anzugeben gewusst als, unüberwindliche Abneigung – eine Formel, die sie wohl mehrfach gehört hatten und von der sie glaubten, dass die Trennung einer Ehe genüge. (...) Das ist eben so gekommen, niemand weiß wie. Eines Tages fragte man sich: wozu sitzen wir eigentlich am selben Tisch? Und dann ist man soweit.".

Gina Kaus beginnt ihren 1932 erschienenen Roman mit dem Besuch des höflich gelangweilten Ehepaars Elisabeth und Erwin Kupferschmidt bei ihrem Anwalt. Erwin liebt die Frauen. Mit seiner kleinen Freundin Franzi verbringt er gerne zärtliche Stunden und mit Luise hat er ein Kind. Elisabeth entschließt sich, ihren Abend im Grand-Hotel mit der Besichtigung von zarten Frühlingskleidern und kostbaren Abendroben zu starten. Ihre ungewohnte feucht-fröhliche Nacht setzt sich fort im Ballhaus und dann in einer Vorstadtkneipe in der sie dem hübschen Eintänzer Franz Diesel begegnet. In dieser Nacht erfährt sie von der Existenz von Erwins Tochter.

Das Paar begegnet sich am nächsten Morgen um Neun zum Scheidungstermin. Erwin hofft, dass Elisabeth in der letzten Nacht nicht die Geliebte von Bratt geworden ist. Doch die Spuren der schlaflosen Nacht bei Elisabeth lassen ihn anderes vermuten. Im Moment der tatsächlichen Trennung erfahren beide Partner gleichzeitig von ihren Affären. Sie geraten beide erstmals außer sich und verlieben sich darauf hin erneut ineinander.
Zur Autorin: Gina Kaus (1893-1985), als Regina Wiener in Wien geboren und in Los Angeles gestorben. Die österreichische Schriftstellerin, Übersetzerin und Drehbuchautorin gehörte zwischen den Weltkriegen zu den Wiener und Berliner Intellektuellenkreisen. 1920 erschien ihre erste Novelle "Der Aufstieg", für die sie den Fontane–Preis erhielt. Weitere Publikationen: 1935 "Katharina die Große", 1940 "Teufel nebenan" (1956 mit Lilli Palmer und Curt Jürgens in den Hauptrollen unter dem Titel "Teufel in Seide" verfilmt). Bis 1933 erschienen die meisten ihrer Bücher bei Ullstein. Ab 1933 veröffentlichte sie im Exilverlag "Allert de Lange" in Amsterdam. Sie emigrierte in die USA.

AVIVA-Tipp: Gina Kaus, die Schülerin des Wiener Psychologen Alfred Adlers beschreibt und beobachtet intensiv Gefühle, Verletzungen und Eifersucht. Ein temporeiches Buch, mit einem modernen Frauencharakter. Im Vordergrund steht die Emanzipation der Frau, die auch neben der Ehe ihre Affäre haben kann.

Walther Rathenau, "Zur Kritik der Zeit"

Walther Rathenau (1867 – 1922) und sein Nachbar im Grunewald, der Verleger S. Fischer waren befreundet. Sie ließen ihre Villen vom gleichen Maler, Karl Walser, ausschmücken, und auch publizistische Projekte wurden gemeinsam realisiert. Rathenau, der großbürgerliche Industrielle, Politiker und Homme de lettre suchte den Umgang mit Schriftstellern und Künstlern. In seiner ersten Publizistischen Periode (1902 -1912) lässt er kaum ein Genre aus. Er suchte eine neue Heimat für seine politischen und wirtschaftstheoretischen Veröffentlichungen, diese fand er 1912 beim S. Fischer Verlag.
Rathenau hat eine pointierte Analyse und Kritik seiner Zeit vorgelegt. Eingebettet in den historischen Kontext des 1. Weltkriegs, der Gründung der Weimarer Republik, den Reparationsverpflichtungen, der wirtschaftlichen Not, den politischen Unruhen und dem wachsendem Antisemitismus dokumentiert er seine politische Weltanschauung - frei von Reichtum und Erbvorteil, Willkür und Unterwerfung, Gewalt und Anarchie, erfüllt von Solidarität.

Zum Autor: Walther Rathenau , wurde 1867 als Sohn des späteren AEG-Gründers Emil Rathenau und Mathilde Nachmann in Berlin geboren. Er entstammte einer jüdischen großbürgerlichen-industriellen Familie. Rathenau war Industrieller, Publizist und Politiker. Nach dem Studium der Philosophie, Physik und Chemie und seiner Promotion in Elektrotechnik wollte er nicht die berufliche Nachfolge seines Vaters antreten. Diese Versuche scheiterten. 1893 Eintritt bei AEG, bis 1898 Aufbau der Werke in Bitterfeld und Rheinfelden, 1912 Mitglied des Aufsichtsrates, 1915 Aufsichtsratsvorsitzender. Seine Hauptwerke sind 1912 "Zur Kritik der Zeit", 1913 "Zur Mechanik des Geistes" und 1917 "Von kommenden Dingen". Im Mai 1921 tritt er als Wiederaufbauminister der Regierung bei. Am 31. Januar 1922 wurde Walther Rathenau zum Außenminister ernannt. Zwei Offiziere der rechtsradikalen Organisation Consul haben Rathenau am 24. Juni 1922 auf der Koenigsallee in Berlin erschossen.

AVIVA-Tipp: "Zur Kritik der Zeit" ist eine Bestandsaufnahme der staatlichen und politischen Verhältnisse des frühen 20. Jahrhunderts. Schön, dass dieses Kleinod den LeserInnen wieder zugänglich gemacht wird. Nicht ganz leichte Kost.

Anna Seghers, "Auf dem Wege zur amerikanischen Botschaft"

Die Geschichte von Saccho und Vanzetti hat viele KünstlerInnen inspiriert, so z. B. 1930 Anna Seghers oder später, 1972, Joan Baez. Sie schrieb den bekannten Song "The Ballad of Sacco und Vanzetti."

Am 9. April 1927 wurden die Todesurteile bekannt. Saccho und Vanzetti sollten auf dem elektrischen Stuhl hingerichtet werden. Diese Information löste viele und große Demonstrationen in USA, aber auch in vielen europäischen Städten aus. Die KritikerInnen warfen der Justiz rigide Ausländerfeindlichkeit und Justizirrtum vor. Mit Petitionen und einer umfassenden Kampagne versuchten KatholikInnen, linke Intellektuelle und KünstlerInnen, die Entscheidung anzufechten.

Anna Seghers ergreift in ihrer Geschichte, "Auf dem Wege zur amerikanischen Botschaft", Partei für Saccho und Vanzetti. Sie beschreibt das Geschehen aus der Perspektive von vier Personen, die sich zeitweilig durch Zufall in einer Reihe einer der Protestdemonstrationen befinden. In welcher Stadt diese Geschichte spielt wird nicht ganz klar, doch für die Geschichte unerheblich. Es könnte sowohl Paris, aber auch Berlin sein. Ein Zug von Menschen zieht in Richtung der amerikanischen Botschaft um eine Petition und Schreie am Gittertor loszuwerden.

Die Personen in der Erzählung sind Archetypen: Der Fremde, die Frau, der Mann und ein kleiner Mensch. Das Todesurteil ist noch nicht vollstreckt und die Figuren können noch hoffen, das Leben der beiden Inhaftierten zu retten. "Nein, Sie werden nicht sterben. Der Fremde glaubte nicht daran. Die Frau glaubte es auch nicht, auch nicht der Mann an ihrer Seite. Auch der Kleine dachte: nein, sie werden nicht sterben.". Der Fremde empfindet eine Gemeinsamkeit mit den drei anderen Figuren. Er fühlt sich zugehörig.
Die Körper der vier Figuren bilden eine Kette, dessen Glieder aus ganz unterschiedlichen Körpern bestehen. Es entsteht eine gemeinsame Identität durch ihr Handeln. Die inneren Dialoge der Figuren klären die jeweils unterschiedlichen Motive, sie werden parallel zur Fortbewegung des Zuges erzählt. Innen und Außen wechseln in schnellem Tempo: Polizei, Absperrungen, Nadelöhre und es werden immer mehr Menschen die auf die Botschaft zulaufen.

Diese Geschichte ist nur eine im Band der Erzählungen von 1926 bis 1930. Aber sie ist eine für Anna Seghers charakteristische Geschichte.

Zur Autorin: Anna Seghers wurde 1900 wurde als Netty Reiling in Mainz geboren. Sie entstammte einer jüdisch orthodoxen Familie von Kunsthändlern und Kaufleuten. 1920 beginnt sie in Heidelberg ein Studium der Kunstgeschichte und der Sinologie. Hier begegnet sie Laszlo Radvanyi, den sie 1925 heiratet und mit ihm nach Berlin zieht. 1926 die Geburt ihres Sohnes Peter. 1927 wählt sie das Pseudonym Seghers. 1928 Geburt der Tochter Ruth, Eintritt in die KPD und Bund der proletarisch-revolutionären Schriftsteller. Seghers erhält in diesem Jahr den Kleist-Preis für ihr Erstlingswerk "Der Aufstand der Fischer von St. Barbara". 1933 werden ihre Bücher verboten und verbrannt. Sie kann über die Schweiz und Paris nach Mexiko fliehen. Ihre wichtigsten Werke sind: "Das siebte Kreuz" und "Transit". 1942 erschien das "Das siebte Kreuz" in den USA in englischer Sprache und im mexikanischen Exilverlag "El Libro Libre" ("Das Freie Buch") wird es in deutscher Sprache veröffentlicht. 1947 kehrt Anna Seghers nach Berlin zurück. Sie ist Gründungsmitglied der Akademie der Künste und Präsidentin des Deutschen Schriftstellerverbandes. Am 1. Juni 1983, im Alter von 83 Jahren, stirbt Anna Seghers.

AVIVA-Fazit: Die Figuren bei Anna Seghers tauchen ausschließlich als Verkörperungen unterschiedlicher politischer Haltungen auf. Sie haben dadurch nur selten wirkliche Gefühle, repräsentieren meist schlicht Klassenkampfgrundsätze. Die Geschichten lesen sich deshalb etwas spröde.
Die "Bibliothek der Verbrannten Bücher" ist auf Grund seines Umfanges und der Auswahl ein sehr schönes Projekt. Es wäre schön gewesen, das jeweilige historische Cover abzubilden da ja auch der originale Satzspiegel verwendet wurde. Da die Bibliothek viele in Vergessenheit geratene AutorInnen vorstellt, wäre es hilfreich gewesen im Anhang Foto und Vita der AutorInnen beizufügen.

Weitere Infos zur Bibliothek Verbrannter Bücher unter: www.verbrannte-buecher.de


Gina Kaus
Morgen um Neun

Bibliothek Verbrannter Bücher
Olms Verlag, erschienen Mai 2008
gebunden - 319 Seiten
ISBN: 9783487136141
9,80 Euro

Walter Rathenau
Zur Kritik der Zeit

Bibliothek Verbrannter Bücher
Olms Verlag, erschienen Mai 2008
gebunden - 286 Seiten
ISBN: 9783487136165
9,80 Euro

Anna Seghers
Auf dem Wege zur amerikanischen Botschaft und andere Erzählungen

Bibliothek Verbrannter Bücher
Olms Verlag, erschienen Mai 2008
gebunden - 295 Seiten
ISBN: 9783487136172
9,80 Euro

Literatur Beitrag vom 29.05.2008 Yvonne de Andrés 

   




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