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AVIVA-BERLIN.de im Dezember 2017 - Beitrag vom 30.09.2008

Julia Zange - Die Anstalt der besseren Mädchen
Stefanie Denkert

Die depressive Kindfrau Loretta ist mit ihrem Leben überfordert und landet auf der Flucht vor ihrem bevormundenden Freund in der "Anstalt der besseren Mädchen" - doch bessern will Lo sich gar nicht.



Doppelkindchen - doppelt Kindchen?

Die Mittzwanzigerin Loretta ist sowohl äußerlich als auch innerlich eine Lolita-artige Kindfrau, die dieses Bild mehr oder weniger bewusst forciert: mit Ballerinas und Mickey Mouse-Shirts kleidet sie sich im Girlie-Look, und bleibt innerlich in der Kinderrolle durch die Beziehung mit ihrem langjährigen Freund Malte, einem Assistenzarzt mit Helfersyndrom. Beide stammen aus einer hessischen Kleinstadt und leben nun zusammen im hippen Berlin-Kreuzberg, wo sie ihrer hedonistischen Kauflust von Designer-Produkten nachgehen können. Dazu trägt finanziell allerdings nur Alleinverdiener Malte bei, denn nachdem Loretta ihr Studium der Kunstgeschichte abgebrochen hat, weiß sie nichts mit sich anzufangen, wenn Malte, der seine Mädchen "klein, blond und problematisch" mag, ihr keine To-Do-Liste für den Tag schreibt. Und so kommt es, dass die apathisch-depressive Loretta, die kaum ein soziales Netzwerk neben ihrem Partner hat, schließlich in psychiatrischer Behandlung landet – natürlich hat Malte das gedeichselt.

Als wäre das Leben an sich nicht schon für Loretta anstrengend und überfordernd genug, wird die Kindfrau auch noch schwanger. Zuerst will sie abtreiben, doch als Malte sie darum bittet, entscheidet Loretta sich aus Trotz dazu, das Baby zu behalten. Eine der wenigen selbständigen Entscheidungen, die Loretta trifft – jedoch mit zweifelhafter Motivation. So entsteht schließlich das ´Doppelkindchen´, das Autorin Julia Zange bereits im Prolog beschreibt. Loretta gebiert Marla, ein ebenfalls engelsgleiches Mädchen, um das sie sich wegen der außergewöhnlichen Schönheit sorgt, sich insgesamt in ihrer Mutterrolle jedoch als komplett unfähig herausstellt. Bei so viel Selbsthass ist das auch kein Wunder: "Ich hasse es, dass Marla Teile von mir in sich trägt", und Loretta schlussfolgert, dass sie die Tochter als Jungen erziehen will. Sie fürchtet, dass beim Anblick von Marla "in spätestens zwei Jahren die Männer steife Schwänze bekommen werden ".

Und dann plötzlich nimmt die Geschichte eine neue Wendung, als Loretta ihre Tochter ins Auto packt und vor Malte, der psychiatrischen Behandlung und vor dem Erwachsenwerden flüchtet. Der Zufall führt sie in eine Art Mädchen-Camp, das sich selbstironisch die "Anstalt für bessere Mädchen" nennt und zwischen feministischer Kommune, Reality-Show á la Super-Nanny in Eigenregie und einem Arbeitsamt-Projekt für erfolglose Frauen schwankt. Doch hier findet Loretta weder Erfüllung, noch Besserung und auch die besseren Mädchen sind genervt, dass Loretta kein Engagement und keine Eigeninitiative an den Tag legt. Und so muss sie sich entscheiden, ob sie wieder zu Malte zurückkehrt als dieser "seine Mädchen" in der Einöde ausfindig macht. Oder war die Flucht ins Camp womöglich nur eine wahnhafte Halluzination?

AVIVA-Fazit: Nur wenige, fast versteckte Andeutungen lassen die Vermutung zu, dass Loretta als junges Mädchen missbraucht wurde und seitdem verstört durch ihr Leben driftet. Diese Lesart würde hoffen lassen, dass Loretta ihre Opferrolle irgendwann ablegt – was sie leider nicht tut.
Lorettas finale Erkenntnis, dass Marla ein eigenständiges Wesen ist und ihre Tochter nicht zwangsläufig das gleiche Schicksal ereilt, ist ein Hoffnungsschimmer, mit dem das Buch endet. So viel zum Inhalt, denn auch der Stil von Julia Zanges "eigenwilligem" (Spiegel Online) Debutroman ist problematisch. Zwischen Neo-Realismus und Surrealismus, der die Welt aus verzerrten Sicht der psychotischen Loretta repräsentiert, schwankt die omnipotente Erzählperspektive und treibt die neugierigen LeserInnen rasch durch die Geschichte. Der Roman kann sich leider nicht entscheiden, was er kritisieren will, falls er das überhaupt soll. Und die Kindsfrau Loretta bietet weder eine gute Möglichkeit zur Identifikation, noch zur Kritik. Sie steht nicht für die Großstadt-Bohéme, nicht für moderne Frau, die Kind und Beruf vereinbaren will, auch nicht für eine weibliche ´lost generation´ – sie steht einzig für sich, doch warum uns Lorettas Geschichte interessieren sollte, wird nicht deutlich genug.

Zur Autorin: Julia Zange wurde 1983 in Darmstadt geboren, sie lebt und studiert in Berlin. 2005 gewann sie den Hildesheimer PROSANOVA-Wettbewerb, 2006 belegte sie zusammen mit zwei weiteren Kandidatinnen den ersten Platz beim ´open mike´ Berlin. "Die Anstalt der besseren Mädchen" ist ihr erstes Buch. (Verlagsinfo)


Julia Zange
Die Anstalt der besseren Mädchen

Suhrkamp Verlag, erschienen im September 2008
Gebundene Ausgabe, 157 Seiten
ISBN-10: 3518420259
ISBN-13: 978-3518420256
15 Euro

Literatur Beitrag vom 30.09.2008 AVIVA-Redaktion 

   




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