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AVIVA-BERLIN.de im Oktober 2017 - Beitrag vom 06.10.2011

Christina Maria Landerl - Verlass die Stadt
Nina Breher

Dieses Buch hat eine ungewöhnliche Protagonistin. Es ist niemand geringeres als Wien. Katalysator für die Handlung ist Margot, ein Kind der Stadt, das dieser den Rücken kehrt. Ihre FreundInnen...



...begeben sich auf die Suche nach ihr und finden: nichts. Für LeserInnen hingegen ist der Erkenntnisgehalt um einiges höher.

Es ist Sommer in Wien, und wie in jeder anderen mitteleuropäischen Großstadt ist der Sommer auch hier vor allem eines: lähmend und stickig, im Nachhinein aber doch meist die schönste Zeit des Jahres. In ihrer ersten Veröffentlichung lässt uns Christina Maria Landerl in den Wiener Sommer eintauchen und uns dessen Stimmung nachfühlen. Ihre Prosa führt uns in die Irre und führt uns zurück, gibt Einblick in Musikstücke, die sich mit der Stadt verwoben haben, in Orte des Alltags, nennt Straßen und Plätze, deren Namen wir nicht kennen und zeigt uns, den Außenstehenden, die Stadt aus einer inneren Perspektive. Tatsächlich ist dieses Buch nicht weniger als ein modernes Portrait dieser Stadt mit ihrem altherrschaftlichen, morbiden Charme und ihren ganz eigenen Feinheiten.

Landerl bietet uns an, Wien in unsere Köpfe aufzunehmen, indem sie uns eine Clique einige Tage lang begleiten lässt. Diese besteht aus Gudrun, Peter, Max und – Margot. Doch die ist verschwunden. Niemand weiß, wohin sie gegangen ist, und so drehen sich die heißesten Tage des Jahres um die Suche nach der verlorenen Freundin. Wie sich im Verlauf der Handlung abzeichnet, war Margot schon immer das Sorgenkind der Truppe – Alkoholprobleme und Depressionen zogen nicht nur sie, sondern auch ihre FreundInnen in Mitleidenschaft und es scheint, als könnten sie erst jetzt, da sie weg ist, Worte zur Verständigung darüber finden. Und doch verweigert sich ihr Verschwinden jeder Logik, denn Margots Herz hing an den Gassen Wiens wie an nichts anderem. Ihre Diplomarbeit über Ingeborg Bachmann, ihre Wohnung, ihre Menschen – all das hat sie zurückgelassen.

Die zentrale Frage, der das Buch nachgeht, muss folgendermaßen formuliert werden: Ist das Leben schön? Und welchen Beitrag kann Wien dazu leisten, ein Leben lebenswert zu machen? Schön und lesenswert ist auf jeden Fall die Sprache der stakkatoartigen Prosa. Sie nimmt uns mit auf einem Flug über Wien hinweg und über alles, was damit verknüpft ist. Über alles, was die ProtagonistInnen im Laufe der Zeit mit der Stadt verbinden. Vielleicht kann ein Ort auch so viel an persönlicher Bedeutung in sich aufnehmen, dass das Konstrukt im Kopf zu platzen droht und das Verlassen der Stadt zum notwendigen Ausweg wird?

Manchmal aber scheint die Antwort viel simpler zu sein: "Also liegt man zusammen im Gras, im Schatten des Turms, sieht an ihm hoch und sieht die Vögel fliegen. Man trinkt aus einer Dose und hält das Leben für schön, weil die Bäume grün sind und der Himmel blau ist." (S.56) Wer weiß, vielleicht ist Glücklichsein ganz einfach – egal wo. Während LeserInnen vom Allgemeinen (die Stadt) ins Konkrete (das Milieu der Clique und ihre ganz eigenen Geschichten) hin- und herschwingen, verschwimmt beides. Wien und seine AkteurInnen werden zunehmend diffuser, und so verlassen auch wir diese Stadt – ohne selbst je dort gewesen zu sein.

So wird Wien, die "elende Angeberstadt" (S.52) egal, die Menschen egal, sogar Margot, die sich manchmal wie aus dem Off in die Erzählung einschaltet, interessiert nicht mehr. Es ist vielmehr die Metastruktur, das Gerüst aus Codes, Menschen, Liedern und Cafés, die uns in ihren Bann zieht. Landerl bringt es ins Wanken, aber nicht zu Fall, und so erbaut sich vor unserem inneren Auge ein bildloses Wien, wie wir es noch nicht gesehen haben können.

AVIVA-Tipp: Eine eindrucksvolle Liebeserklärung an Wien und zugleich ein wunderbares Erstlingswerk, das uns zeigt, wie die Sprache selbst alles zu drehen und zu wenden vermag und wie allein sie Luftschlösser aus Worten bauen kann. Vielleicht liefert "Verlass die Stadt" keine Antwort auf die Frage nach der Schönheit des Lebens, aber die Schönheit des Nachdenkens darüber führt uns dieses Buch eindrücklich vor Augen. Christina Maria Landerl schreibt ihre Figuren ins Nichts, und wir folgen ihnen nur allzu gern.

Zur Autorin: Christina Maria Landerl, geboren 1979 in Steyr, ist ausgebildete Sozialpädagogin und arbeitete als Streetworkerin mit sozial benachteiligten Jugendlichen in Oberösterreich und Wien. Ihre Autorinnenkarriere begann sie mit einem Studium am Deutschen Literaturinstitut in Leipzig. 2009 erhielt sie eine Talentförderungsprämie des Landes Oberösterreich, 2010 war sie Stipendiatin des Klagenfurter Literaturkurses. "Verlass die Stadt" ist ihre erste Buchveröffentlichung. Sie lebt derzeit in Berlin. (Quelle: www.bachmannpreis.eu)

Christina Maria Landerl
Verlass die Stadt

Verlag Schöffling & Co., erschienen September 2011
Gebunden, 136 Seiten
ISBN: 978-3-89561-225-8
16,95 Euro
Weitere Informationen finden Sie unter: www.schoeffling.de

Literatur Beitrag vom 06.10.2011 AVIVA-Redaktion 

   




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