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AVIVA-BERLIN.de im Oktober 2017 - Beitrag vom 18.10.2011

Katharina Hacker - Eine Dorfgeschichte
Sonja Baude

Poetische Erinnerungsfragmente fügen sich zu zarten Bildern, die die Welt eines kleinen Dorfes im Odenwald einfangen und zugleich ein Stück bundesrepublikanischer Nachkriegsgeschichte erzählen.



Katharina Hacker, die 2006 mit dem Roman "Habenichtse" den deutschen Buchpreis erhielt, hat nun eine sehr persönliche Kindheitsgeschichte geschrieben. Auch wenn es am Ende heißt, "was in diesem Buch geschieht, ist erfunden", legt der vorliegende Roman die Vermutung nah, dass die Autorin die Episoden aus ihren Erinnerungen an die eigenen Eltern und Großeltern und an das Leben im Dorf speist. Es sind Erinnerungsfragmente einer westdeutschen Kindheit in den 1970er Jahren im Odenwald. Die Perspektive ist die der Ich-Erzählerin, als Kind und als erwachsene Frau, und zuweilen auch eine Wir-Perspektive, die die Wahrnehmung der beiden Brüder einschließt. Warum die Geschichte erfunden sein mag, liegt wohl vor allem an der Gewissheit der Erzählerin, dass sich in tatsächliche Erinnerungen immer auch erdachte mischen, "die einen verwirren können und die wie unheimliche Lebewesen im Kopf lebendig bleiben, lebendiger als viele zweifellos echte Erinnerungen."

Dabei geht es in diesen erinnerten Begebenheiten nie um große Ereignisse, sondern um ein auf den ersten Blick ganz unspektakulär alltägliches Leben auf dem Dorf, wo die Kinder ihre Ferien und Wochenenden verbringen. An endlos scheinenden Sommertagen ziehen die Geschwister allein durch die Wälder, über die Wiesen und verbringen ganze Nachmittage in Scheunen, immer so als gäbe es nur den Moment und die ganze Welt darin.

Obwohl in der Rückschau der Erzählerin eine mehrköpfige Familie im Mittelpunkt des Geschehens steht, handelt es sich nicht um eine umfassende Familiengeschichte. Und genau das macht das schmale Büchlein so interessant: Katharina Hacker lässt eine Kinderwelt entstehen, aus der die Erwachsenen wahrgenommen werden, sie lotet die Distanz der Welten aus, nie sentimental oder abgeklärt, sondern immer im Moment des Erlebens. Dabei spielen gerade die ungewöhnlichen und vermeintlich am Rande des Dorfes angesiedelten Figuren eine bedeutsame Rolle für das Erinnern: der vom Krieg versehrte blinde Korbflechter und Organist, der die Kinder ängstigt und zugleich fasziniert, der übergewichtige und schwermütige Jäger, der das Mädchen mit auf die Pirsch nimmt und sich selbst später das Leben, der hinkende und verunstaltete Bauernsohn vom Nachbarhof, vor dem sich die Kinder fürchten und dessen Hilfe die Erzählerin dann Jahre später als Erwachsene in Anspruch nehmen wird.

Vor allem aber sind die Großeltern, neben denen die eigenen Eltern zu verblassen scheinen, die eigentlichen Antreiber der Erinnerungsgeschichte. Da ist die zärtlich liebende Großmutter und die Unberechenbarkeit des Großvaters, für dessen Wesen auch die erwachsene Erzählerin keine Erklärungen sucht, ihn nicht psychologisch ergründen mag, so dass die Ahnung unser Ein-sehen schärft. So wird auch das Kiegsschicksal der Großeltern wie nebenbei ins kollektive Gedächtnis überführt, indem die Kinder "oft Flüchtlingszug spielen". Hacker muss nichts weiter erklären und genau darin liegt ihre eigene Präzision, indem sie verstehbar macht, wie die Vergangenheit sich immer wieder einmischt in die Gegenwart, auch wenn sie nicht in Worte gefasst wird. Dies ist auch Teil der Freiheit, in der sich die Kinder in den Sommern auf dem Land bewegen. Einer Freiheit fern von verklärter Idylle und voll von Geheimnissen, die auch immer wieder den Tod in sich tragen und die Kinder das Fürchten lehren. Vielleicht sind es gerade all diese nicht aufgedeckten Geheimnisse der scharf skizzierten Lebensmomente ihrer Figuren, mit denen die Autorin dieses Dorfleben und mit ihm ein Stück bundesrepublikanische Geschichte so nah bringt. Es sind Geheimnisse, die auch von Katharina Hacker nicht aufgedeckt werden wollen.

Hacker schreibt in der Rückschau und auf zweierlei Art, indem sie den Abstand variiert. So sind die Distanz- und Reflexionsgrade auch formal sichtbar, eine zweite Stimme fügt sich immer wieder kursiv am Rande des Buches, typografisch verschoben, ein. Es bleibt auch hier ein Geheimnis, worin genau die Verschiebung besteht, aber die andere Form zeigt den LeserInnen verschiedene Schichten des Wahrnehmens und Erinnerns an, ohne auf Eindeutigkeit zu beharren. "Es war ein König in Thule" ist eines der Lieder, das die Protagonistin als Mädchen auf der Blockflöte spielen kann. Bei Goethe heißt es weiter: "Gar treu bis an das Grab". Auch wenn die Ich-Erzählerin als Erwachsene mit ihren beiden Töchtern zurückkehrt in das Dorf, auf den Friedhof und an das Grab der längst gestorbenen Großmutter, ist der Eindruck sehr stark, dass das Erinnern, auch wenn es Dunkles birgt, ein steter Trost ist gegen die Einsamkeit.

AVIVA-Tipp: Katharina Hacker reiht in ihrer poetischen Dorfgeschichte helle und düstere Erinnerungsbilder einer Kindheit im Odenwald aneinander, gleicht sie ab mit der Draufsicht ihrer erwachsenen Erzählerin und reflektiert damit, meisterlich leicht, Formen des Erinnerns.

Zur Autorin: Katharina Hacker wurde 1967 in Frankfurt am Main geboren und lebt seit 1996 als freie Autorin in Berlin. Sie studierte Philosophie, Geschichte und Judaistik in Freiburg und Jerusalem. 1997 debütierte sie mit "Tel Aviv. Eine Stadterzählung", es folgten der Erzählungsband "Morpheus oder Der Schnabelschuh" und die Romane "Der Bademeister" und "Eine Art Liebe". Anschließend erschienen von ihr der Roman "Die Habenichtse", für den sie 2006 den Deutschen Buchpreis erhielt, der Gedichtband "Überlandleitung" sowie die Romane "Alix, Anton und die anderen" und "Die Erdbeeren von Antons Mutter". 2006 erhielt sie für ihren Roman "Habenichtse" den Deutschen Buchpreis, 2010 wurde sie mit dem Stefan-Andres-Preis ausgezeichnet.
Weitere Infos unter: www.katharinahacker.de

Katharina Hacker
Eine Dorfgeschichte

Fischer Verlag, erschienen Oktober 2011
Gebunden, 125 Seiten
ISBN 978-3-10-030066-9
17,95 Euro


Weiterlesen Auf AVIVA-Berlin:

"Alix, Anton und die Anderen" von Katharina Hacker

Literatur Beitrag vom 18.10.2011 Sonja Baude 

   




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