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AVIVA-BERLIN.de im Dezember 2017 - Beitrag vom 29.03.2012

Nellie Bly - Zehn Tage im Irrenhaus. Undercover in der Psychiatrie
Doris Hermanns

Als die Journalistin Nellie Bly 1887 von der New York World gefragt wurde, ob sie sich in eine Anstalt f├╝r Geisteskranke einweisen lassen k├Ânnte, um einen Bericht ├╝ber die Behandlung der dortigen...



... Patientinnen zu schreiben, z├Âgerte sie keinen Moment.

Kein Schicksal k├Ânnte schlimmer sein

Es gelang ihr zu ihrem eigenen Erstaunen recht schnell, diverse Ärzte von ihrer Geisteskrankheit zu überzeugen und so wurde sie innerhalb weniger Tage in die New Yorker Anstalt auf Blackwell´s Island eingewiesen.
Bis dahin kannte sie keinerlei Geisteskranke und negative Berichte ├╝ber solche Einrichtungen hielt sie f├╝r v├Âllig ├╝bertrieben. F├╝r sie stand fest, dass solche Anstalten nicht schlecht gef├╝hrt w├╝rden und dass dort keinerlei Misshandlungen stattfinden w├╝rden.

Nach ihrer Einweisung sollte sie schnell eines Besseren belehrt werden.
Von dem Moment an, als sie dort ankam, unternahm sie keinerlei Versuche mehr, ihre Rolle aufrecht zu erhalten, sondern verhielt sich so wie im normalen Leben. Je vern├╝nftiger sie jedoch auftrat, f├╝r desto verr├╝ckter wurde sie gehalten. Ihr "Fall" wurde von einem Arzt gar als hoffnungslos eingesch├Ątzt.
Von Anfang an bemerkte sie, dass Untersuchungen der Patientinnen so gut wie nicht stattfanden, Fragen wurden kaum gestellt, geschweige, dass den Frauen zugeh├Ârt wurde. Besonders krass zeigt sich dies an den diversen Beispielen von Emigrantinnen, die einen gro├čen Teil der Anstaltsinsassinnen bildeten. Oft kaum erst in Amerika angekommen, wussten sie weder, wo sie waren, noch wie ihnen geschah und konnten sich (fast) gar nicht verst├Ąndlich machen ÔÇô wurden aber dennoch ohne weiteres als geisteskrank abgestempelt. Eine M├Âglichkeit, den eigenen Verstand unter Beweis zu stellen, gab es nicht.

Nellie Bly nahm einige der Frauen, die sie dort traf, als genauso geistig gesund wie sich selber wahr, hielt aber die Lebensumst├Ąnde dort f├╝r derma├čen unw├╝rdig, dass gesunde Frauen dort innerhalb von zwei Monaten ein geistiges und k├Ârperliches Wrack w├╝rden. Die Ma├čnahmen der Schwestern k├Ânnen nur sadistisch genannt werden. Sie reizten Patientinnen so lange, bis diese sich wehrten, um sie dann zu misshandeln und sich auch noch ├╝ber sie zu am├╝sieren. Die "Behandlungen" reichten von Schl├Ągen ├╝ber Fesselungen bis hin zu Untertauchen in der Badewanne.
Dass viele der Insassinnen nur darum beteten, sterben zu d├╝rfen, ist nach den eindringlichen Beschreibungen von Bly mehr als verst├Ąndlich.

Auch die Hygiene war eine einzige Katastrophe. Alle Frauen mussten hintereinander einmal pro Woche ins Bad ÔÇô alle ins gleiche Wasser. Nur dabei gab es Seife, an anderen Tagen nicht. F├╝r alle gab es nur ein Handtuch. Einmal pro Monat gab es andere Kleidung.
Als das Schrecklichste empfand Nellie Bly das Essen, das h├Âchstens gekocht war, aber dem jegliches Salz oder andere W├╝rze fehlten. Eigentlich war alles v├Âllig ungenie├čbar.
Beschwerden bei den ├ärzten hatten keinerlei Sinn, sie wurden als "Einbildung kranker Hirne" abgetan. Zudem wurden die Patientinnen von den Schwestern geschlagen, wenn sie sich beschwerten und wurde ihnen gedroht, sie zu ertr├Ąnken.
In Blackwell┬┤s Island eingeliefert zu werden, bedeutete dort lebenslang bleiben zu m├╝ssen, es gab keine Hoffnung auf ein anderes Leben mehr.

Abgerundet wird diese Reportage, die bei Erscheinen viel Aufsehen erregt hat und hier zum ersten Mal auf Deutsch ver├Âffentlicht wird, mit einem sehr informativen Nachwort des Herausgebers und ├ťbersetzers Martin Wagner. Dieses umfasst nicht nur eine kurze Biografie von Nellie Bly, sondern erg├Ąnzt diese mit Hintergr├╝nden zum investigativen Journalismus von Frauen in deren Zeit in den USA, den sogenannten Girl Stunt Reporters, und aus der Geschichte der Psychiatrie. Hierin sind auch noch zahlreiche Fotos zu finden, u.a. die Zeichnungen, die zu dem Originaltext in der New York World erschienen.

AVIVA-Tipp: Die schlichte und eindrucksvolle Reportage ist ein gut lesbares Zeitdokument ├╝ber den Horror, den die Autorin in dieser Anstalt erlebte. Immer wieder zeigt sie Einzelschicksale von Frauen auf, die dort leben mussten, und gibt ihnen damit ein St├╝ck Menschlichkeit zur├╝ck. Auch mit anderen Reportagen engagierte Bly sich immer wieder f├╝r Arme und Entrechtete.

Nellie Bly
Zehn Tage im Irrenhaus. Undercover in der Psychiatrie

Herausgegeben, ├╝bersetzt und mit einem Nachwort von Martin Wagner
AvivA-Verlag, erschienen 2011
190 Seiten, Gebunden
Euro 18,50


Diese Rezension wurde uns von Doris Hermanns, Antiquariaat Vrouwenindruk - Modern & Antiquarian Women┬┤s Books, Utrecht, Netherlands, online unter: www.xs4all.nl, und Redaktion Virginia Frauenbuchkritik freundlicherweise zur Verf├╝gung gestellt. Sie ist zuerst erschienen in der jungen welt.



Literatur Beitrag vom 29.03.2012 Doris Hermanns 

   




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